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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.05.2006

Gesetze als unverbindlicher Leitfaden

Marek Krajewskis Kriminalroman "Der Kalenderblattmörder"

Rezensiert von Martin Sander

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Am Tatort findet sich immer ein Kalenderblatt. (Stock.XCHNG / Kent Chilton)
Am Tatort findet sich immer ein Kalenderblatt. (Stock.XCHNG / Kent Chilton)

Man schreibt das Jahr 1927: In der ostdeutschen Stadt Breslau werden fast so viele Drogen konsumiert, Orgien gefeiert und obskure Sekten gegründet wie im weltstädtischen Berlin. Kriminalrat Eberhard Mock muss eine rätselhafte Mordserie aufklären. Autor Marek Krajewski benutzt das Sujet des Kriminalromans, um seine Leser detailliert und vielseitig mit dem Lebensalltag in Breslau vor dem Zweiten Weltkrieg bekannt zu machen.

Kriminalrat Eberhard Mock ist alles andere als ein vorbildlicher, aber auch kein ganz und gar untypischer Beamter der Breslauer Kriminalpolizei. Mock fühlt sich beruflich und privat in den einschlägigen Lokalitäten der Breslauer Halbwelt bestens aufgehoben, und im Zustand der Trunkenheit, in dem man ihn nahezu regelmäßig antrifft, neigt er dazu, die geltenden Gesetze nur noch als unverbindlichen Leitfaden zu betrachten. Auch ohne Anlass prügelt dieser Mock auf Verdächtige ein und schlägt das Porzellan unliebsamer Zeugen kurz und klein. Mehr noch: Ohne Bedenken zieht er seine Untergebenen von den Ermittlungen ab, damit sie seine junge attraktive Ehefrau beschatten können. Der kunstsinnigen Aristokratentochter zeigt sich Mock - ungeachtet zwischenzeitlicher Studien der klassischen Philologie ein unverbesserlicher Kleinbürger und Grobian - weder als Kulturmensch noch als Liebhaber gewachsen.

Eberhard Mock, dieser immer wieder von der Suspendierung bedrohte Kriminalrat, ist Hauptfigur und Antiheld des polnischen Kriminalschriftstellers Marek Krajewski. Unter dem Titel "Der Kalenderblattmörder" hat dtv nun den zweiten Kriminalroman von Krajewski in deutscher Übersetzung veröffentlicht. Man schreibt das Jahr 1927, die Blütezeit der Weimarer Republik. In der ostdeutschen Stadt Breslau werden fast so viele Drogen konsumiert, Orgien gefeiert, obskure Sekten gegründet und Weltenden prophezeit wie im weltstädtischen Berlin. Eberhard Mock muss eine rätselhafte Mordserie aufklären. Ein dem Nationalsozialismus anhängender Musiker wird in einer Schuhmacherwerkstatt eingemauert, ein arbeitsloser Kommunist in seiner eigenen Wohnung in Stücke gehackt, ein angesehener Stadtrat im Bordell erstochen. An jedem Tatort findet sich ein abgerissenes Blatt aus dem Tageskalender. Das Motiv für die scheinbar zusammenhanglosen Mordtaten erschließt sich erst über ausgiebige Studien der Stadtgeschichte.

Marek Krajewski, der 1966 geboren wurde und im Hauptberuf klassische Philologie an der Universität von Wrocław lehrt, benutzt das Sujet des Kriminalromans, um seine Leser detailliert und vielseitig mit dem Lebensalltag in der deutschen Stadt Breslau vor dem Zweiten Weltkrieg bekannt zu machen. Die deutsche Vorgeschichte der polnischen Westgebiete war nach dem Zweiten Weltkrieg lange Zeit Tabu. Krajewski gehört zu den mittlerweile zahlreichen polnischen Autoren, die dieses Tabu gebrochen und in der deutschen Vergangenheit ihrer Heimatregion literarischen Stoff gefunden haben. Im Falle des "Kalenderblatt"-Mörders ist dabei ein ebenso spannender wie unterhaltsamer Kriminalroman entstanden, dessen Lektüre auch aus deutscher Perspektive einen besonderen Reiz bietet.


Marek Krajewski: Der Kalenderblattmörder
Übersetzt von Paulina Schulz.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2006, 331 Seiten

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