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Studio 9 | Beitrag vom 11.12.2017

Gesellschaftsstudie Wie sehr halten wir noch zusammen?

Von Almuth Knigge

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Ein Gespräch zwischen zwei Generationen. (imago/photothek)
Wie viele soziale Kontakte haben wir außerhalb der Familie? Auch diese Frage ist für den gesellschaftlichen Zusammenhalt wichtig. (imago/photothek)

Wie oft haben sie in den letzten 14 Tagen einer Person geholfen, die nicht zu ihrer Familie gehört? Halten sie sich an soziale Regeln? Mit solchen Fragen hat die Bertelsmann-Stiftung für eine aktuelle Studie den gesellschaftlichen Zusammenhalt ergründet.

Adventskaffee im Freundeskreis – ein klassischer Wohlfühltermin, und eine gute Gelegenheit, mal im Warmen, bei Kerzenschein und Keksen über sozialen Zusammenhalt zu philosophieren.

"Das ist doch eigentlich viel, es ist der gesellschaftliche Zusammenhalt, ist Nachbarschaft, Haus, Mietshaus, mit den Nachbarinnen und Nachbarn."

In der kleinen Gruppe vor dem Adventskranz – da stimmt er, der Zusammenhalt. Hier trifft man sich, hier hilft man sich:

"Also es gibt ja verschiedene Ebenen des gesellschaftlichen Zusammenhalts, es gibt meine individuelle, dann gibt es ja aber die Gesellschaft auf 'ner höheren Ebene, es gibt ne Politik, die ja Gesellschaft mit formt, das ist so vielschichtig, dass ich es schwer finde zu sagen, gesellschaftlicher Zusammenhalt ist für mich das und das."

Bestandsaufnahme in Regionen und Bundesländern

Gesellschaftlicher Zusammenhalt wird als Wert gesehen – aber was das genau ist – schwierig zu beschreiben. In der Studie, die die Bremer Jacobs-University für die Bertelsmann-Stiftung erarbeitet hat, werden deshalb auch neun verschiedene Aspekte abgefragt, erklärt Professor Klaus Boehnke, der Studienleiter: "Wir haben sie nicht gefragt, wie finden sie denn den Zusammenhalt."

Da wäre die Antwort ganz spontan sehr wahrscheinlich "schlecht" gewesen, legt man die ganzen Debatten in den Medien zugrunde. Aber das Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt, so die Überschrift, fragt nicht das subjektive Empfinden des Einzelnen ab – sondern es geht um eine Bestandaufnahme in sozialen Einheiten. Bundesländer, Regionen, 79 an der Zahl.

Die 5041 Teilnehmer wurden nach ihren sozialen Netzen befragt: "Also, da wird gefragt, ob sie Freunde haben, ob sie Nachbarn mal zum Essen einladen und so verschiedene Sachen."

Wird sich an soziale Regeln gehalten?

Soziale Kontakte außerhalb der Familie. Es wird auch nach gesellschaftlicher Teilhabe gefragt, also, ob man wählen geht, sich in Parteien und Vereinen engagiert. Wird sich an soziale Regeln gehalten, also, dreht man nach 22 Uhr die Musik leiser, auch das interessierte die Forscher.

"Dann fragen wir danach, ob die Menschen Vertrauen zu anderen Menschen haben?" Vertrauen in Mitmenschen, ein zentraler Aspekt, findet auch die Kaffeegesellschaft: "Ja, Vertrauen also ich finde, das ist die Grundlage für gesellschaftlichen Zusammenhalt, finde ich."

"Wenn du selber  mal in so 'ner Notsituation bist und dir hilft dann keiner, weil jeder denkt, was will die von mir, das ist furchtbar."

"Das ist ein ganz wichtiger Punkt, denn wenn man immer misstrauisch ist gegenüber allen anderen Menschen, dann kann es mit dem Zusammenhalt nicht so gut aussehen."

Um das Vertrauen ist es laut Studie gar nicht so schlecht bestellt. Viel schlechter ist es um die Solidarität bestellt. Alle Länder erreichen hier einen unterdurchschnittlichen Wert. Eigentlich beschämend, findet auch der Wissenschaftler.

"Wir stellen da einfach so relativ einfache Fragen, wie oft haben sie in den letzten 14 Tagen einer Person geholfen, die nicht zu ihrer Familie gehört."

Unterschied zwischen Ost und West 

Aber noch schlechter sieht es mit der Gerechtigkeit innerhalb der Gesellschaft aus: "Diese Gerechtigkeitsdimension gehört zu denen, die nun besonders schwach im Vergleich zu anderen Dimensionen rauskommt, das heißt, es ist in der Tat so, dass das subjektive Gerechtigkeitserleben der Bürgerinnen und Bürger in allen Bundesländern relativ gering ist."

Das hat aber nicht unbedingt etwas mit der wirtschaftlichen Prosperität der Länder zu tun. Auch die Baden-Württemberger und die Bayern empfinden eine Gerechtigkeitslücke, aber:

"Es ist überall ziemlich gering, das Gefühl, das was gerecht ist. Und dann im Osten nochmal deutlich geringer. Also dieser Unterschied geht nicht weg, wenn man jetzt statistisch da rumrechnet und sagt, das ist doch alles eine Folge des geringeren Reichtums."

Und dieser Unterschied zwischen Ost und West manifestiert sich in der Studie – in allen Bereichen:

Boehnke: "Was mich persönlich als dem wissenschaftlichen Leiter dieser Studie am meisten, ja ich würde fast sagen, frappiert, irritiert hat ist, dass es auch heute eine tiefe Spaltung zwischen Ost und West gibt."

Aber – und das ist die  gute Nachricht – "...ist es um den sozialen Zusammenhalt in Deutschland, ich sag es mal ein bisschen flapsig jetzt, keinesfalls grottenschlecht bestellt, nein, es ist auch in Deutschland nicht dramatisch nach unten gegangen."

Auch im internationalen Vergleich – aber besser geht immer.

Mehr zum Thema

Die unsolidarische Mitte der Gesellschaft - Welche Art von Gesellschaft wollen wir?
(Deutschlandfunk Kultur, Politisches Feuilleton, 10.11.2017)

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