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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 21.05.2015

GesellschaftskritikDas Wohlfühl-Gerede vom "Wir" ist für Vollidioten

Von Bodo Morshäuser

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Beide Daumen nach unten (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
Beide Daumen nach unten (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)

Die Debatten um die aktuellen Arbeitskämpfe zeigen: Die Solidarität der Bevölkerung schwindet. Offenbar kämpft jeder gegen jeden. Noch schlimmer allerdings ist für den Schriftsteller Bodo Morshäuser, dass gleichzeitig zweifelhafte Gemeinsamkeiten beschworen werden.

Manchmal schaue ich in ein Wochenblatt. Es wird im bildungsnahen Haushalt am Wochenende gelesen und verbreitet Behaglichkeit. Neulich merke ich, warum. Dauernd heißt es "wir", ersatzweise "man". Thema Flüchtlinge: "Was wollen wir tun?" Thema Renten: "Was müssen wir ändern?" Auch Fernseh-Talkshows neigen zum Wir: "Deutschlands Löhne – was ist unsere Arbeit wert?" Unsere Arbeit. Wessen Arbeit? Ihre Arbeit? Die Ihres Chefs? Oder meine Arbeit?

Wenn die Wochenzeitung zum Flüchtlingsthema fragt "Was wollen wir tun?", will sie mit dem "Wir" Gemeinsamkeit stiften. Schließlich sitzen "wir" im selben Boot; ähnlich wie die Flüchtlinge in einem anderen Boot. Auch die Frage, was wir bei den Renten ändern müssen, ist keine Frage, sondern sie behauptet einen Konsens. "Wir" ändern die Renten: Sie? Ihr Chef? Ich?

Start in die Jetztzeit mit alten Begriffen

"Ausweitung der Kampfzone" hieß die deutsche Übersetzung des ersten Romans von Michel Houellebecq. Das war 1999, und das Wort "Kampfzone" ging in die Umgangssprache ein. Der eigentlich militärische Begriff eignete sich nun offenbar für das Soziale, fürs Berufs- und Privatleben. Es war das kurze Zeitalter der New Economy, samt Absturz, die Zeit von "Geiz ist geil" und offener Gier. Es folgte die globale Bankenkrise, für die wir, nun aber wirklich "wir", Sie und ich, heute noch zahlen. Es war der Beginn unserer schönen neuen Jetztzeit. Nicht zufällig kamen auch die Formel "grenzwertig" und die Formulierung "Das geht gar nicht" in der Umgangssprache an.

Auf der einen Seite also Durchsetzung und Bereicherung, auf der anderen Kontrolle und Selbstkontrolle. Beides zur gleichen Zeit. Das ist kein Zufall. Nun, die Kampfzone ist jetzt ordentlich erweitert. Der Wert der Exporte nimmt stetig zu. Die Zahl der in Armut lebenden Kinder und ihrer Eltern nimmt auch stetig zu. Der Reichtum der Reichen hat ungeahnte Dimensionen erreicht. Und die schrumpfende Mittelschicht zittert. Die Ausweitung der Kampfzone ist also, zynisch gesagt, erfolgreich gewesen. Weniger zynisch lässt sich sagen: dieses Verständnis von Volkswirtschaft ist gescheitert.

Die richtigen Fragen

Bei diesen Zuständen gibt es Bedarf an rhetorischer Glättung, am Schönreden. Dazu zählen aufgehübschte Arbeitslosenstatistiken. Und dazu zählt die Mobilisierung der letzten Reste eines Wir-Gefühls, wenn dieses Gefühl in der Alltags- und Arbeitswelt schon nicht existiert. Gleichzeitig immer enger geschnürt wird ein Korsett von Verhaltensregeln. Schaue ich in das beliebteste Nachrichten-Online-Portal, geht es um diese Fragen: Was geht? Was ist cool? Was geht nicht? Was ist peinlich? Was geht gar nicht? Was gehört verboten?

Die Kampfzone wird jeden Tag neu abgesteckt. Sie kann nur ausgeweitet werden. Eine Verkleinerung der Kampfzone ist nicht mehr möglich. Wie kann man das ertragen? Indem man Sinnstiftungsangebote annimmt. Sinnstiftung durch ein Wir-Gefühl. Internationale Staatengemeinschaft, internationale Wertegemeinschaft. Wer sind unsere Väter, unsere Mütter? Wie haben wir das Kriegsende erlebt? Wie sind wir geworden, was wir sind? Wie geht es uns denn heute?

Das weiß ich nicht. Aber eines weiß ich: So redet man mit Vollidioten. Wir, ja, wir, Sie und ich, wir sollten darauf bestehen, in einer Gesellschaft zu leben, in der Fragen der Gesellschaft, also Machtfragen und nicht nur Fragen des Dresscodes, offen verhandelt werden. Wir dürfen uns nicht ein Gemeinschaftsgefühl vorgaukeln lassen als Ersatz für eine offene Gesellschaft. Gesellschaft ist weder Kampfzone noch Kuschelwiese, sondern der Ort, an dem die verschiedenen Interessen verhandelt werden.

 

Der Schriftsteller Bodo Morshäuser (M. Maurer)Der Schriftsteller Bodo Morshäuser (M. Maurer)Bodo Morshäuser wurde 1953 in Berlin geboren und lebt dort als Schriftsteller. Er hat etliche Romane, Gedichte und Erzählungen veröffentlicht, beispielsweise: "Und die Sonne scheint" (Hanani-Verlag) und "In seinen Armen das Kind" (Suhrkamp). Zudem beschäftigt er sich mit dem Thema Rechtsextremismus.



 

 

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