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Interview / Archiv | Beitrag vom 12.03.2014

GesellschaftDie Welt, wie sie uns gefällt

Buch "Völlig utopisch" vereint mutige Versuche, ein freieres Leben zu führen

Marc Engelhardt im Gespräch mit Marietta Schwarz

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Ein unaufgeräumter Schreibtisch kann auch von Nutzen sein. (Stock.XCHNG / Teak Sato)
"Wir leben in einer Welt, die klar vorgibt, was man zu machen hat", sagt Marc Engelhardt (Stock.XCHNG / Teak Sato)

Immer mehr Menschen können mit unserer von der Ökonomie bestimmten Welt nichts mehr anfangen, sagt Marc Engelhardt. Der Auslandskorrespondent hat ein Buch herausgegeben, das von alternativen Lebensmodellen berichtet, zum Beispiel einem Dorf in Namibia, in dem über Nacht ein bedingungsloses Grundeinkommen eingeführt wurde - mit Erfolg.

Marietta Schwarz: Als Utopie wird ja gemeinhin bezeichnet, was gesellschaftlich nicht realisierbar ist, ein Entwurf, ein Gedankenspiel bleiben muss oder schon gescheitert ist, mit dem Fall der Mauer zum Beispiel oder dem Niedergang des Kommunismus. Aber Utopia ist nicht tot, auch nicht nach 1989, schreibt Ilija Trojanow im Vorwort eines neuen Buches, das sich mit gelebten Utopien weltweit beschäftigt. Utopie, das sei ja die Vorwegnahme von Veränderungen, das Ersinnen von Alternativen, und in diesem Buch, "Völlig utopisch - 17 Beispiele einer besseren Welt", werden solche Alternativen vorgestellt. Herausgeber dieser Reportagensammlung ist Marc Engelhardt, freier Auslandskorrespondent. Ich grüße Sie nach Genf, Herr Engelhardt.

Marc Engelhardt: Ja, hallo!

Schwarz: Wie sehen denn diese Beispiele einer besseren Welt aus? Vielleicht können Sie ein paar Sachen vorstellen.

Engelhardt: Das ist wirklich unglaublich breit angelegt. Da finden Sie alles und nichts, zum Beispiel das Dorf der Hacker in Spanien, die da eine stillgelegte Textilfabrik besetzt haben und die jetzt seitdem zu wirklich Dutzenden an einer Art nicht kommerzieller Netzwelt arbeiten, die sich um eine Utopie im Netz praktisch kümmern, ein Internet ohne Facebook und ohne Windows, ohne Macintosh sogar. Man kann sich das kaum vorstellen. Die machen das aber Tag und Nacht und sehr erfolgreich.

Es gibt auch ganz praktische Beispiele. Es gibt die griechischen Studenten, die ohne Geld leben wollen auf einer kleinen Insel, die einfach sagen, die Euro-Krise hat uns gezeigt, wie falsch dieses System ist. Das sind Leute, die eigentlich einen Job kriegen würden in Griechenland, das ist die Elite, die wir da getroffen haben, und die steigt aber aus und sagt, irgendwie ist das so falsch, wie das im Moment in Griechenland abläuft, da müssen wir was ganz anderes machen, und das haben die auch. Die haben einen kleinen Bauernhof, die leben wie gesagt ohne Geld und sind damit ganz zufrieden.

Mit wenig Geld eine neue Welt errichten

Schwarz: Sie selbst haben über ein Dorf in Namibia geschrieben, in dem von einem auf den anderen Tag ein Grundeinkommen eingeführt wurde, für viele hierzulande ja nach wie vor ein Schreckbild. Was hat das mit dem Dorf gemacht?

Engelhardt: Dieses Dorf, das war berüchtigt dafür, dass da unheimlich viele Gauner lebten und sehr viele arme Leute, und dann wurde tatsächlich über Nacht dieses Grundeinkommen eingeführt, die hatten Geld in der Tasche. Und alle haben vorher gesagt, weiß Gott, die werden das jetzt versaufen und werden damit irgendwas Unanständiges anstellen. Da wurde auch tatsächlich in der ersten Nacht mal so richtig gefeiert und seitdem ist da aber richtig eine Boomtown draus geworden.

Die haben tatsächlich Unternehmen gegründet, haben Firmen aufgebaut, haben die Gesundheitsversorgung verbessert, haben die Schule wieder ordentlich ausgestattet. Und das zeigt, wie mit relativ wenig Geld wirklich eine Möglichkeit geschaffen worden ist, eine richtig neue Welt aufzubauen. Das waren Menschen, die hatten keine Zukunft im wahrsten Sinne des Wortes, und jetzt sind die Stützen der gesamten Region. Das war für mich schon sehr spannend zu sehen.

Es gibt aber natürlich auch die Utopien, wo richtig im Untergrund an etwas ganz Neuem gearbeitet wird. Ich fand da ganz spannend das Beispiel aus China, wo eine Waldorfschule gegründet worden ist, weil immer mehr Eltern sagen, ich möchte mein Kind nicht in diese Leistungsmaschinerie stecken, wo es nur um Geld und Karriere geht, und das darf man aber natürlich nicht in China. Weder darf man das offen sagen, noch darf man eine eigene Schule, die dann nach freien Waldorfmaßstäben arbeitet, gründen. Die operieren also im Untergrund. Das ist das einzige Projekt, wo wir nicht auf der Karte einzeichnen konnten, wo das denn eigentlich stattfindet. Solche Projekte gibt es auch.

Es geht um Freiheit und Mut

Schwarz: Die im Buch beschriebenen Beispiele sind weit über die Welt verstreut. Was eint sie, würden Sie sagen, politisch und gesellschaftlich? Ist es diese Idee eines Miteinander? Ist es immer eine politisch linke Ausrichtung? Was ist es?

Engelhardt: Ich glaube, es geht vor allem um Freiheit. Es geht darum, sich selbst entfalten zu können, machen zu können, was man wirklich will im Innersten, und ist damit ein Gegenentwurf zu einer Welt, die eigentlich sehr klar vorgibt im Moment, was man zu machen hat. Wir haben eine sehr wirtschaftsdominierte Gesellschaft und das ist globalisiert der Fall, und immer mehr Menschen können damit nichts mehr anfangen und sagen: Eigentlich lebe ich ja nur einmal und ich möchte für etwas anderes leben, und das probieren die dann auch aus. Dieser Mut, der dazu gehört, das ist vielleicht das zweite, was diese Projekte auch noch eint.

Schwarz: Geschrieben haben diese Reportagen allesamt freie Auslandskorrespondenten wie Sie, Marc Engelhardt, vereint im weltweiten Netzwerk "Weltreporter", dessen Vorsitzender Sie ja auch sind. Was ist das besondere der Weltreporter?

Engelhardt: Ja. Wir sind Korrespondenten, mehr als 40, die frei in der Welt arbeiten. Wir sind also rausgegangen in die Welt und wir berichten für Radio, für Fernsehen, für Zeitungen. Und was uns eint ist der Gedanke, dass wir qualitativ hochwertig berichten wollen aus dem, was bei uns in unseren Ländern passiert. Das ist ja inzwischen auch nicht mehr selbstverständlich. Und tatsächlich ist eine andere Sache, die uns geeint hat, diese Frage der Utopie, also eine Frage, mit der wir uns weltweit beschäftigt haben, ganz unabhängig voneinander, und zufällig haben wir festgestellt, dass das so ist und dass das ein Thema ist, was alle Leute überall auf der Welt zu beschäftigen scheint, und das war dann auch der Startschuss für dieses Buch.

Schwarz: Vielen Dank, Marc Engelhardt, nach Genf.

Engelhardt: Ja, vielen Dank!

Schwarz: Und ich nenne noch mal den Buchtitel: "Völlig utopisch - 17 Beispiele einer besseren Welt", erschienen im Pantheon Verlag.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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