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Interview / Archiv | Beitrag vom 19.01.2018

GesellschaftBrauchen wir einen Minister für Einsamkeit?

Borwin Bandelow im Gespräch mit Vladimir Balzer und Axel Rahmlow

Ein Mann auf einem Steinweg (Unsplash / Julian Laurent)
"Viele einsame Menschen haben ganz genaue Vorstellungen, mit wem sie sich treffen würden, um ihre Einsamkeit zu beenden", kritisiert Borwin Bandelow. (Unsplash / Julian Laurent)

Mit der Bekämpfung der Einsamkeit soll sich ab dieser Woche eine Ministerin in Großbritannien beschäftigen. Etwa neun Millionen Briten leiden nach Angaben des Roten Kreuzes darunter. Das Gefühl sei oft auch selbst verschuldet, kritisiert der Psychiater Borwin Bandelow.

Verschiedene Krankheiten wie Bluthochdruck, Herzerkrankungen, Lungenleiden, Depressionen, Schlafstörungen und schnellerer kognitiver Abbau im Alter können Folgen von Einsamkeit sein. Wer sich ausgeschlossen fühlt, leidet unter chronischem Stress mit all seinen schädlichen Konsequenzen. Ein Bericht geht sogar so weit, dass Einsamkeit so krankmache, als wenn man jeden Tag 15 Zigaretten rauchen würde.

Für Borwin Bandelow, Professor für Psychiatrie an der Uni in Göttingen, ist die Einsamkeit dann ein gesundheitliches Problem, wenn sie zur sozialen Phobie wird:

"Es gibt Menschen, die leiden unter einer sozialen Phobie, das heißt, sie haben Angst vor Situationen, bei denen sie im Mittelpunkt stehen oder kritisch von anderen beurteilt werden könnten, deshalb meiden sie soziale Situationen wie Partys oder andere Treffen. Sie finden auch häufig keinen Partner, weil sie zum Beispiel Angst haben, wenn sie eine Frau oder einen Mann ansprechen, dass sie dann eine Abfuhr bekommen."

Angst vor Kritik

Die Einsamkeit beruhe auf einer übertrieben unrealistischen Einschätzung der Kritik durch andere:

"Sie denken, dass sie nicht gut aussehen oder nicht gut reden, obwohl sie sehr beredt sind und manchmal sehr gut aussehen. Sie denken, dass sie von anderen Menschen abgelehnt werden, und das in überzogener, unrealistischer Form."

Man müsse heute niemanden mehr persönlich treffen, um durchs Leben zu kommen. Alles ließe sich über das Internet regeln. Menschen könnten sich hinter ihrem Computer verstecken. Er empfehle allen einsamen Menschen, die unter sozialen Ängsten leiden, sowohl den inneren Schweinehund zu überwinden und unter Menschen zu gehen als auch, sich einer Behandlung zu unterziehen.

Aktiv etwas gegen die Einsamkeit tun

Ältere Menschen, die unter Einsamkeit litten, seien oft sehr wählerisch in ihrem Umgang, sagt Bandelow:

"Menschen im höheren Alter treffen sich nicht mit anderen Menschen im hohen Alter, sondern möchten, dass ihre Kinder und Eltern kommen. Und wenn die nicht kommen, fühlen sie sich einsam. (...) Man müsste Menschen motivieren (...) auch nicht so sehr wählerisch zu sein, wen man dann gerne treffen möchte."

Der Idee, die Bekämpfung der Einsamkeit als gesundheitspolitische Aufgabe durch ein Ministerium zu regeln, kann er nichts abgewinnen:

"Wenn immer so was staatlich gelenkt wird, klappen sich bei mir die Fußnägel hoch. Ich glaube nicht, dass man staatlich gelenkt die Einsamkeit abbauen kann."

(cosa)

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