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Studio 9 | Beitrag vom 14.10.2021

Geschreddertes Banksy-BildTrashiger Werbegag mit billiger Botschaft

Ein Kommentar von Carsten Probst

Besucher der Staatsgalerie Stuttgart fotografieren mit ihren Smartphones das teilweise geschredderte Kunstwerk "Love is in the Bin" des Street-Art-Künstlers Banksy.  (imago images / Arnulf Hettrich)
Das muss man gesehen haben - oder auch nicht: Banksys halb geschreddertes Kunstwerk "Love is in the Bin" in der Staatsgalerie Stuttgart. (imago images / Arnulf Hettrich)

2018 schredderte sich Banksys Kunstwerk "Girl with Balloon" bei einer Auktion selbst. Jetzt ist das halb zerstörte Bild erneut unter den Hammer gekommen. Ein ziemlich billiger Gag, findet Kunstkritiker Carsten Probst.

Hat Banksy jetzt den Kunstmarkt genarrt – oder hat er ihn gewieft bedient? Alles spricht für Letzteres.

Einen Schredder in einen Bilderrahmen einzubauen, um ein verkauftes Bild nach der Auktion medienwirksam zu zerstören, ist im Hochsicherheitswesen der Auktionshäuser schwer ohne deren Mitwirkung vorstellbar: Ein geplantes öffentliches Spektakel vor laufenden Kameras, das dem Künstler und dem Auktionshaus Sotheby’s, das jede direkte Beteiligung abstreitet, zur weltweiten Werbemaßnahme gereicht.

Nichts verkauft sich besser als vermeintlich "echte Kunstgeschichte". Kunstgeschichte live, sozusagen.

October 14, 2021, London, UK: File photo dated 03/09/21 of art handlers at Sotheby s auction house with Banksy s Love is in the Bin , which self-shredded immediately after it was sold at auction for 1,042,000, before it returns to auction this evening at Sotheby s, London, with an estimate to fetch between 4 to 6 million. Issue date: Thursday October 14, 2021. London UK PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY - ZUMAp134 20211014_zba_p134_156 Copyright: xDominicxLipinskix (Imago | Zuma Press) (Imago | Zuma Press)"Girl with Balloon" hieß das Bild ursprünglich, jetzt firmiert es - geschreddert - unter dem Titel "Love is in the bin" (Liebe ist im Eimer): Für 16 Millionen Pfund wurde das Werk nun ein zweites Mal versteigert (AUDIO). Das ist der höchste jemals erzielte Preis für ein Werk des Street-Art-Künstlers Banksy. Der Schätzpreis lag bei vier bis sechs Millionen Pfund. Im Oktober 2018 hatte das damals noch intakte Bild "nur" 1,1 Millionen Pfund gekostet.

Aber irgendwann wird sich auch bei Banksy-Fans die Erkenntnis einstellen, dass das mit der Kunstgeschichte in diesem Fall nicht so ganz hinkommt. Die öffentliche Zerstörung von Kunstwerken durch Künstlerinnen und Künstler war bislang stets eine letzte Geste der Autonomie, deren Sinn sofort verpufft, sobald dabei nur ansatzweise der Kunstmarkt ins Spiel kommt.

Zerstörung von Kunst als Gesellschaftskritik

In den 1950er-Jahren zersetzte Gustav Metzger seine autodestruktiven Bilderrahmen öffentlich mit Acetylsäure, um gegen das kapitalistische System nach dem Zweiten Weltkrieg zu protestieren. Metzgers Schüler Jean Tinguely ließ aus ähnlichen Gründen Maschinenskulpturen sich selbst zerstören.

Die Verlegerin und Literaturagentin Elisabeth Ruge hingegen begrüßt die erneute Versteigerung des Kunstwerks: "Warum sollte das Bild jetzt weniger wert sein, weil es geschreddert ist?", fragt sie. "Das wäre ein sehr merkwürdiger Kunstbegriff, als ob Kunst sich an einer materiellen Unversehrtheit oder an sonstigen gegenständlichen Kriterien bemessen lässt." Das Interview mit Elisabeth Ruge hier zum Nachhören: [AUDIO]

Robert Rauschenberg radierte 1953 eine Zeichnung von Willem de Kooning aus, um in Absprache mit dem Kollegen zu zeigen, dass Kunst durch das Auslöschen von Kunst entsteht. Im Wiener Aktionismus und der Fluxus-Bewegung der 1960er-Jahre gehörte Zerstörung von Musikinstrumenten oder Möbeln und die Verunstaltung von Körpern zum aggressiven gesellschaftskritischen Programm.

Erneute Versteigerung war erwartbar

Bei Banksy ist daraus ein bürokratischer Akt unter mutmaßlicher Mithilfe von Kunstverkäufern geworden – ein trashiger Werbegag mit ziemlich billiger Botschaft.

Dass das halb geschredderte "Girl with Balloon", das inzwischen "Love is in the Bin" heißt, jetzt schnell noch einmal auktioniert wird, war zu erwarten. Hoffentlich wird der Erlös wieder wohltätigen Zwecken gespendet, wie bei der letzten großen Banksy-Auktion im März.

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