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Länderreport | Beitrag vom 05.12.2019

GeschlechterrollenIn sechs Monaten zur perfekten Hausfrau

Von Tobias Krone

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Eine Frauenhand schenkt Kaffee ein. (imago/Metelmann)
Was reizt junge Frauen heute an einer Ausbildung in Hauswirtschaftslehre? (imago/Metelmann)

Kochen, nähen, einwecken: Auf der Winterschule lernen junge Bäuerinnen in Bayern traditionell, was man angeblich wissen muss, um eine gute Hausfrau zu sein. Die Einrichtung erlebt gerade ein Revival – für das manche Frauen sogar ihren Job kündigen.

Der Unterrichtsraum ist modern und nüchtern. An bäuerliche Tradition erinnert nur das kunstvoll gearbeitete Holzkreuz an der Wand, links vorn beim Overheadprojektor. Ihre Ernährungslehre-Einheit beginnt Dozentin Theresia Lindermayer an diesem Tag mit einer kurzen Mitmachsequenz.

"Ich habe heute in der Früh ganz schnell mal einen Rucksack gepackt. Frau Killer, darf ich Ihnen den schnell mal umschnallen? Jetzt nicht auf den Rücken, sondern Sie dürfen ihn vorne tragen."

Schwangerschaft als Rollenspiel

Die junge Frau steht vor ihren 21 Mitschülerinnen. Den Rucksack vor die Brust geschnallt. Eine Art Praxistest. "Was schätzen Sie, was das für ein Gewicht ist?" Die junge Frau schätzt ihn auf zehn Kilo – und liegt damit richtig. Dies sei das Minimum am Ende der Schwangerschaft, verkündet Theresia Lindermayer und fordert die junge Frau auf, sich einmal auf- und ab zu bewegen.

Noch ist die Schwangerschaft ein Rollenspiel, das für Heiterkeit sorgt. Doch auch das gehört zum Studiengang Hauswirtschaft im Amt für Ernährung und Landwirtschaft Holzkirchen, der hier bei allen nur Winterschule heißt: seit Generationen der Crashkurs für angehende Bäuerinnen.

Ernährung ist Frauensache

Es ist Ende Oktober – die halbjährige Ausbildung ist schon weit fortgeschritten. Die Schülerinnen wissen längst, dass mit zu viel aufgenommener Energie, etwa in der Schwangerschaft, Fett gemeint ist. Wissen über Ernährung ist traditionell Frauensache. Auch wenn es Zufall sei, dass der Reporter ausgerechnet an diesem Mittag beim Thema angehende Mutterschaft dabei ist, wie Theresia Lindermayer danach im Interview erklärt.

"Es fängt an bei den Grundlagen. Sie sehen genau – die Vitamine hängen da. Wir haben die Grundlagen durchgemacht, also Eiweiß, Kohlenhydrate, Fette, Vitamine, Mineralstoffe. Und jetzt kommen wir in die verschiedenen Lebensphasen. Es fängt an mit der Schwangerschaft, Kleinkinderernährung, durch bis zur Altenernährung."

Die ideale Landfrau ist eine Super-Hausfrau

Die Bauersfrau ernährt, sie sorgt für Gastlichkeit, sie pflegt – und sie weiß, wie es am Effizientesten geht. So das traditionelle Rollenbild, das jungen Frauen in der Winterschule nahegelegt wird. Die ideale Landfrau ist eine Super-Hausfrau. Eine Rolle, auf die sich viele Frauen in der heutigen Gesellschaft nicht mehr einlassen wollen.

Und doch sind die 22 Plätze in Winterschulen wie hier in Holzkirchen sehr begehrt. Obwohl die jungen Frauen eine abgeschlossene Berufsausbildung haben. Das habe auch mit der Tradition zu tun, die sich an die Gegenwart anpasse, erklärt Gerlinde Simon, die Leiterin des Studiengangs.

"Diese Ausbildung gibt es schon sehr lange, wenn auch in anderer Form. Früher haben die Frauen in der Landwirtschaft oftmals nicht die Möglichkeit gehabt, eine richtige Berufsausbildung zu machen, sollten aber trotzdem in der Hauswirtschaft fit sein – und haben dann eine Hauswirtschaftsschule besucht. Das war dann die so genannte Winterschule, oftmals als Ersatz für eine Berufsausbildung."

Kündigen für die Winterschule

Winterschule, weil sie im Winter stattfand, wenn junge Mädchen auf dem Hof nicht für die Ernte oder für das Hüten der Kühe auf den Almen gebraucht wurden. Heute kündigen die jungen Frauen in ihren erlernten Berufen oder pausieren für ein halbes Jahr in der Winterschule.

Marlies Lidschreiber steht am Herd und kocht Birnen ein. (Tobias Krone / Deutschlandradio)Marlies Lidschreiber beim Einkochen in der Winterschule. (Tobias Krone / Deutschlandradio)

Wie die 22 Jahre alte Steuerfachangestellte Barbara Marx aus Fischbachau, einer bäuerlich geprägten Gemeinde nahe dem Schliersee.

"Die Idee war schon länger da. Zur Umsetzung ist es dann erst dieses Jahr gekommen. Ich habe nach der Lehre drei Jahre im Ausbildungsbetrieb gearbeitet. Man sagt dann auch, man hört dort irgendwo wieder auf und setzt sich nochmal freiwillig in eine Schule rein. Das ist schon auch ein bisschen Überwindung."

Nicht dem Freund zuliebe

Doch dies sei nun der richtige Zeitpunkt für sie gewesen. "Wir sind jetzt junge Frauen. Und irgendwann ist auch der Kinderwunsch da. Jetzt ist der Zeitpunkt, dass ich diese Ausbildung mache und danach noch einmal mehrere Jahre in den Beruf zurückgehen kann. Und dann Familie und Haushalt gründe – je nachdem, wie es halt läuft."

Mit ihrem festen Freund läuft es gut, verrät Barbara Marx. Beide sind sie auf Bauernhöfen aufgewachsen. Beide sind sie weichende Erben – das heißt, die Höfe ihrer Eltern übernehmen ihre älteren Geschwister. Später mal gemeinsam einen anderen Hof zu bewirtschaften – das will sie nicht ausschließen. Ihrem Freund zuliebe mache sie die Winterschule aber nicht, sondern für sich selbst, um im Haushalt selbständiger zu werden.

So haben Barbara Marx und ihre Mitschülerinnen auch das Nähen gelernt. Barbara Marx schult eine Mitschülerin, die in der Rolle einer Auszubildenden ein Stirnband nähen soll. Auf der modernen Winterschule lernen die jungen Frauen auch, wie man Lehrlinge in die Praxis einweist – mit Zertifikat.

Geschlechterrollen wandeln sich

Sie dürfen sich somit künftig in ihren Jobs auch um Azubis kümmern. Dozentin Monika Keymer, die auch Betriebe berät, die Ferien auf dem Bauernhof anbieten, findet: Das Bild der Geschlechterrollen habe sich auch auf dem Land gewandelt.

"Es ist natürlich immer noch ein starkes Rollenverständnis da in der Landwirtschaft, das muss man ehrlicherweise sagen, aber es gibt auch das Andere, und es wird immer mehr. Also wenn ich vor dreißig Jahren vergleiche mit heute, dann hat sich da schon was getan. Definitiv."

Theresia Killer näht an einer Nähmaschine. (Tobias Krone / Deutschlandradio)Theoretisch könnten auch Männer die Winterschule besuchen. Theoretisch. (Tobias Krone / Deutschlandradio)

Vor dreißig Jahren sei nicht daran zu denken gewesen, dass der Mann auch nur ein ein Messer abspült. Inzwischen sei das anders. Dafür wolle sie auch mit ihrem Unterricht sorgen.

"Ich lege großen Wert drauf, dass jeder für den Haushalt verantwortlich ist, der drin lebt. Und ob das Mann, Frau oder Kind ist oder die Oma oder der Opa – die haben sich gefälligst zu beteiligen. Gleichberechtigung heißt, dass man den Haushalt so führt, dass jeder berufstätig sein kann – oder zum Teil. Und dass jeder mithilft. Wir schließen da keinen aus. Auch die Männer dürfen helfen."

Fachgerechtes Einwecken von Obst

Theoretisch könnten auch Männer die Winterschule besuchen. Einen hatten sie hier mal vor einigen Jahren. Nach einigen Wochen hörte er wieder auf. Aus persönlichen Gründen, heißt es. Das geringe Interesse von Männern könnte aber auch daran liegen, dass niemand von ihnen einen solchen Perfektionismus im Haushalt erwartet, wie man ihn hier erleben kann.

Eine Woche später. Die 22 Schülerinnen sind in der großen Lehrküche. Je zwei teilen sich eine Kochinsel. An diesem Tag steht Vorratshaltung auf dem Lehrplan – fachgerechtes Einwecken von Obst zum Beispiel. Den Wiegeschnitt mit dem Messer haben sie inzwischen alle drauf – und auch das Farbenspiel der Schneide-Bretter.

"Also weißes Brett ist für Obst und Teigwaren, grünes Brett ist für Gemüse, rot ist für Fleisch und gelb ist für Geflügel."

Professionelle Hygiene beim Kochen. So etwas sollte eigentlich jeder lernen. Gerade auch Jugendliche in der Stadt, ist man sich hier einig. Doch weil das Landwirtschaftsministerium die Schule betreibt, werden Bewerbungen aus bäuerlichen Familien bevorzugt.

Früher nicht freiwillig

Fischbachau am Fuß des Wendelstein-Gebirges. Der Bauernhof der Familie Lidschreiber liegt idyllisch auf einem Hügel. Drinnen in der Küche heizt der Holzofen bei Elisabeth Lidschreiber gut ein. Tochter Marlies, gelernte Raumausstatterin, ist gerade mit dem Auto von der Winterschule gekommen. Die ältere Tochter Barbara holt Weihnachtsplätzchen aus dem Ofen.

Mit ihrem Freund will sie den Hof der Eltern übernehmen. Ihren Meister in Hauswirtschaft hat sie längst – so wie ihre Mutter. Die Winterschul-Tradition hat die Mutter auf beide Töchter vererbt. "Aber freiwillig", wie sie betont. Ihr selbst hingegen sei es damals nicht ganz freigestellt gewesen.

"Damals hieß es, jetzt mach mal das erst und dann schauen wir weiter. Und dann hat man schon den Partner, weiß, wo man einheiratet, Dann sagt man, gut dass ich es gelernt habe, damit ich mich dann reinknien kann."

Sie beurteilt diesen Weg zwar nicht negativ. "Aber auf den Höfen war früher das Geld auch nicht groß da, man ist halt lieber arbeiten gegangen, damit man selber Geld verdient hat, als dass man wieder eine Ausbildung macht und wieder nichts verdient. Man musste auf eigenen Füßen stehen."

Touristen mit Koch- und Nähkünsten beeindrucken

Früher arbeitete Elisabeth Lidschreiber als Dorfhelferin, half auf anderen Höfen mit, wenn Bauersleute krank oder im Urlaub waren. Heute sieht sich die 50-Jährige nicht nur als Mutter und Landfrau, sondern auch als Unternehmerin. Der relativ kleine Bio-Milchvieh-Betrieb reicht deshalb gut zum Leben, weil Elisabeth Lidschreiber nebenher noch vier Ferienwohnungen betreibt. Die Touristen beeindrucke sie dann gerne mit ihren Koch- und Nähkünsten.

Die Tochter Marlies hat in wenigen Tagen ihre Abschlussprüfungen in der Winterschule. Bevor sie sich den Blaumann anzieht und zusammen mit der Mutter in den Kuhstall geht, um dem Vater beim Melken zu helfen, zieht sie ihr persönliches Fazit:

"Es war jetzt ein Entwicklungsschritt. Man hat viel gelernt, viele neue Leute kennengelernt. Hat Spaß gemacht. Und wenn man aus so einem Betrieb raus ist, gehört Hauswirtschaft doch irgendwie dazu."

Ob sie später auch einen Haushalt in einem Bauernhof führe, stehe noch in den Sternen. "Erst einmal neue Arbeit – und dann schauen, wie es weitergeht. Für die Zukunft ist noch alles offen."

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