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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 04.04.2016

Geschlechtergleichstellung im KindergartenDie Kita-Leiterin zückt die Bohrmaschine

Von Maike Strietholt

Bunte Handabdrücke von Kindern, fotografiert in einer Kita in Hannover im Herbst 2013 (picture-alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
Bunte Handabdrücke von Kindern, fotografiert in einer Kita in Hannover im Herbst 2013 (picture-alliance / dpa / Julian Stratenschulte)

Rosa und blaue Kleidung, rosa und blaue Zahnputzbecher - schon in der Kita werden den Kindern häufig Geschlechtermuster vorgegeben. Doch immer wieder versuchen das weibliche - und männliche - Erziehungspersonal diese aufzubrechen.

In der Kindertagesstätte 'Maimouna' in Hamburg-Altona ist Abholzeit. Leiterin Elke Straub steht im Vorraum zwischen Müttern, Vätern und Kindern und zeigt auf die Garderobe:

"In den Garderoben sieht man immer, ob's ein Mädchenplatz ist oder ein Jungenplatz – also, diese 'Pinkifizierung' in den Klamotten. Bei den Gummistiefeln und den Regenhosen ist es ganz klar getrennt..."

...Und werde von den Eltern eher selten durchbrochen, so Straub. Was in der Einkaufspraxis aber auch gar nicht so einfach sei – die Mutter der zweijährigen Naiwa hat da so ihre Erfahrungen gemacht:

"Man kann sich vor rosa Kleidung nicht retten"

"Es ist immer alles in rosa! Da kann man sich dann gar nicht vor retten. Oder man bekommt immer rosa Sachen geschenkt. Ich versuch das dann immer zu mischen, also ich mag Rosa überhaupt nicht..."

Leiterin Elke Straub geht es ähnlich. Sie versucht seit längerem, die Einteilung in Rosa und Hellblau aufzuweichen – bei den Trinkbechern beispielsweise:

"Die Mädchen haben alle einen blauen Becher gekriegt und die Jungs den rosaroten."

Auch in den Spielräumen hat die Kita-Leiterin kurzzeitig etwas verändert. Bemühungen, die nicht allen Eltern auffallen. Diese Mutter ist überzeugt, dass Jungs und Mädchen doch einfach verschieden seien...

"Die Jungs spielen meistens mit Legos, die Mädchen mit Puppen. Und Filme: Er Fußball, und die Mädchen natürlich mit Barbies. Sie ist ein typisches Mädchen..."

Sagt sie und deutet auf ihre Tochter Rihanna, die neben ihr steht.

Geschlechtertrennung als Antwort auf Geschlechtertrennung?

Unterschiedliche Vorlieben von Jungs und Mädchen begegnen auch Elke Straub im Arbeitsalltag ständig:

"Ich hatte im Bauraum beobachtet, dass die Jungs sich unheimlich ausbreiten und die Mädchen sich so in die Ecken zurückdrücken. Und daraufhin habe ich mit der Kollegin Jungs- und Mädchentage eingeführt – um den Mädchen erstmal den Raum zur Verfügung zu stellen. Und das hatte einen großen Effekt, dass die Mädchen den Raum erstmal für sich entdeckt haben..."

Der Geschlechtertrennung mit einer Geschlechtertrennung zu begegnen – gut findet Elke Straub das nicht, sah es aber als einzige Möglichkeit, die Situation zu verändern.

Und inzwischen bespielen die Mädchen den Bauraum wieder gemeinsam mit den Jungs – wenn auch die Jungs einfach lauter dabei seien. Solche Verhaltensunterschiede hält Elke Straub nach 25 Jahren im Beruf jedoch keineswegs für angeboren:

"Ich denke nicht, dass es biologische Unterschiede gibt. Aber von der ersten Minute an wird ein Baby als Mädchen oder Junge angesprochen und markiert. Das heißt, die Rolle wird ständig reproduziert. Es ist immer schwierig, da gegen Elternhaus, Werbung usw. anzugehen."

Eine Möglichkeit sei, selbst als Vorbild aufzutreten. So ist sich Elke Straub der Wirkung durchaus bewusst, wenn sie in der Kita mit einer Bohrmaschine durch die Gegend läuft – und nicht etwa der Praktikant. Der übrigens der einzige Mann in der Belegschaft ist. Auch wieder so ein Punkt...

"Wir gucken auch immer, dass wir mehr Männer hier reinkriegen. Also – nicht Männer um des Mannseins willen, sondern wenn dann reflektierte Männer!"

Dass das funktionieren kann, zeigt das Beispiel der Kita 'Glückstädter Weg' am anderen Ende Hamburgs. Hier ist die Hälfte der Belegschaft – sowohl im Leitungsteam als auch unter den Erziehern – männlich. Leiter Andreas Naumann erzählt, wie es dazu kam:

"Es ist einfach so, dass sich seit drei, vier Jahren viel mehr Männer bewerben auf die Stellen. Und Sie haben zum Beispiel im Elementarbereich gar nicht die Möglichkeit, noch eine Gruppe zu finden ohne Männer."

Männliche Erzieher um Rollenbilder aufzubrechen

Die ersten männlichen Erzieher hätten damals einen richtigen Hype unter den Kindern ausgelöst – bei den Jungs wie bei den Mädchen. Eine weitere Maßnahme, um die klassischen Rollenbilder aufzubrechen, betrifft die Lehrmaterialien: Die Kita arbeitet mit Kinderbüchern der "Fachstelle Kinderwelten", die gegen Vorurteile jeglicher Art angeht. Andreas Naumann blättert durch eines der Bücher...

"Alle Kinder haben eine Familie – aber die kann unterschiedlich aussehen. Hier hat jeder einen Beruf – oder nur einer, aber nicht Papa oder Mama – das kann auch umgekehrt sein. Und manche arbeiten von zuhause..."

Ganz bewusst werden alle Aktivitäten in der Kita für alle Kinder angeboten – auch, wenn es beispielsweise um Rollenspiele und Verkleiden geht. Und im Elementarbereich seien die männlichen Knirpse für Prinzessinnenkleider auch noch ganz offen, berichtet Kevin Störch, einer der Erzieher:

"Die ganz Kleinen, wenn die aus der Krippe kommen, haben die Kleider für sich entdeckt. Und je älter die werden, desto weniger ziehen die die Kleider an. Das sind so meine Beobachtungen."

Und woran könnte das liegen?

"Dass dann eher schon mal gesagt wird: 'Das sind ja Mädchenkleider'. Auch wenn wir dann sagen: 'Jeder kann das anziehen, was er möchte...'"

Der Kita-Leiter schlüpft ins rosa Hemd

Neben den Gleichaltrigen nehmen vor allem die Eltern großen Einfluss auf das Rollenverhalten. Erzieher Störch erinnert sich da an Fasching:

"Einem Mädchen wurde von es von der Mama verwehrt, als Spiderman zu kommen. Das war schade – die wollte mal in die andere Rolle gehen..."

Ein bisschen ratlos schaut der junge Erzieher drein – da habe man einfach keinen Einfluss. Und Andreas Naumann fügt hinzu, dass er manchmal extra ein rosa Hemd zur Arbeit anziehe. Es sei durchaus harte Arbeit, gegen die Klischeewelt außerhalb der Kita anzuarbeiten – doch das sei es wert. Denn...

Naumann: "Es geht darum, die Kinder in ihrer Identität zu stärken. Das heißt ja nicht, dass Jungs nur noch Rosa tragen sollen und die Mädchen Blau. Aber wenn ein Junge den Wunsch hat, eine rosa Jacke anzuziehen, dann muss das möglich sein, ohne dass er dafür gehänselt wird. Und da kann man ein Bewusstsein bei den Kindern schaffen, dass sowas akzeptiert werden kann. Und das ist Aufgabe der Erzieherinnen und Erzieher."


 

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