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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 18.03.2019

Geschlechtergerechte SpracheSchönheit liegt im Auge des Betrachters

Ein Kommentar von Tanja Dückers

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Vor lilafarbenem Hintergrund sidn Wörter wie Lehrer*innen, Schüler*innen etc aufgelistet, versehen mit einem Sternchen. (dlf24)
Das Gendersternchen im Schriftsprachgebrauch: Ob Sprache damit wirklich verhunzt werde oder sich nicht doch einfach nur den Gegebenheiten der Zeit anpasst, bleibt abzuwarten, sagt Tanja Dückers. (dlf24)

Studierende, BürgerInnen, Journalistixs und Facebooknutzer*innen: Viele halten solche neue Schreibweisen für Sprachverhunzung. Alles halb so schlimm, meint die Schriftstellerin Tanja Dückers: Sprache hat sich im Lauf der Zeit schon immer gewandelt.

Wer hat diese oft mit dem Brustton der Überzeugung vorgetragene Kritik noch nicht gehört: Gender-Worte seien hässlich und würden die deutsche Sprache verschandeln. Sternchen seien "Deppen-Apostrophe in Kreisform", Unterstriche störend im Schriftbild und so weiter.

Solche Äußerungen sind abgesehen von ihrer oft hässlichen Schärfe durchaus nachvollziehbar. Aber sie sind subjektiv und ihrerseits dem Zeitgeist verhaftet. Denn die Vorstellung, was zu einer Sprache passt und was nicht, ist hochgradig variabel.

Es gibt kein sprachästhetisches Kontinuum

Ein Blick in Thomas Manns’ 1901 erschienenen, 28 Jahre später mit dem Nobelpreis geadelten Roman "Buddenbrooks" beweist dies: Es wimmelt nur so von aus heutiger Sicht seltsamen französischen Ausdrücken. Was man jetzt als manieriert und steif empfindet, war damals – von Associé über Bacchant bis zu Tête – keine unübliche Ausdrucksweise des gehobenen Bürgertums. 

Schwarzweißaufnahme von Thomas Mann. Er trägt Krawatte und Anzug und blickt ernst in die Kamera. (dpa / picture-alliance)Schriftsteller Thomas Mann: Auch sein Schreiben ist durchzogen von der Mode der damaligen Zeit. Sprache und Schriftbild wandeln sich ständig. (dpa / picture-alliance)

Dekaden später versteht jeder Deutsche unter "geil" und "cool" etwas ganz anderes als seine Eltern. Der Wahrnehmungswandel betrifft nicht nur Begriffe, sondern auch das Schriftbild: Gedankenstriche sind in Mode gekommen und werden viel öfter als früher verwendet. Es wird auch viel mehr in Anführungszeichen gesetzt als noch vor wenigen Jahrzehnten.

Ferner wurde unser ästhetisches Empfinden in der Vergangenheit immer wieder von Rechtschreibreformen herausgefordert – und verändert: Heute schreibt man Schifffahrt mit drei fff. Das wurde zunächst als sehr hässlich empfunden. Das große Eszett (seit dem 29. Juni 2017 Bestandteil der amtlichen deutschen Rechtschreibung) sieht nach Ansicht vieler Bundesbürger ebenfalls sehr hässlich aus. Nach dem Zweiten Weltkrieg und im Zuge von '68 fanden übrigens viele Deutsche Worte mit zwei ss sehr hässlich.

Moden und Konjunkturen der Geschmacksfragen

Noch Anfang der 70er-Jahre sah man Texte in reiner Kleinschreibung als anarchistische Provokation an (die RAF verwendete diese Schreibweise). Heute benutzen Kreissparkassen die Kleinschreibung, um sich um eine jugendliche Klientel zu bemühen. Und: Heute macht vieles Sinn, was vor wenigen Jahren noch Sinn ergeben hat. Die Proteste gegen das eingedeutsche "making Sense" werden spürbar weniger. Die Wahrnehmung hat sich auch diesbezüglich verschoben. Wenn es etwas nicht gibt, dann ein sprachästhetisches Kontinuum.

"Schönheit liegt im Auge des Betrachters" stellte schon Thukydides (um 455 – 396 v. Chr.), griechischer Flottenkommandant im Peloponnesischen Krieg und Historiker, fest. Und die Betrachter sind alles andere als beständig in ihrer Sicht auf die Welt. Launisch empfinden sie mal die Groß-, mal die Kleinbuchstaben als schöner, mal lieben sie die Helvetica-Schrift, prompt ziert diese jeden zweiten Alltagsgegenstand, dann muss es Bodoni oder Arial sein. Wurde eben noch die Schreibschrift (Courrier) als bevorzugte Schrifttype von Betroffenheitsapologeten und sinnsuchenden Gutmenschen belächelt, so gilt sie wenige Jahre schon wieder als Signum von Authentizität in einer überdigitalisierten Welt und ziert Milchtüten und Butterpapiere.

Evolutionsbiologische Reflexe sind nicht objektivierbar

Oft genug wird nur das als schön empfunden, was gefällig und gewohnt ist. So wird das Fremde und Neue kulturhistorisch meist zunächst als hässlich wahrgenommen und gewinnt erst im Laufe der Zeit an "Schönheit". Es handelt sich hierbei um einen evolutionsbiologischen Reflex zum Selbstschutz, nicht um objektivierbare Kategorien.

Was bedeutet das alles nun für das Gendern heute? Im Jahr 2019 finden viele Menschen Sternchen und Unterstriche "hässlich". Das kann eine jüngere Generation in wenigen Jahren schon ganz anders wahrnehmen.

Vielleicht stehen wir jedoch auch erst am Anfang einer umfassenderen Sprachreform und werden in wenigen Jahren auf Sternchen und Unterstriche zurückblicken wie Luftfahrtingenieure heute auf den Zeppelin. Kein Unfug, aber doch nicht der Weisheit letzter Schluss. Auch das ist möglich. Eine reine Geschmacksfrage ist das jedoch nicht.

(Anton Landgraf)Die Publizistin und Schriftstellerin Tanja Dückers (Anton Landgraf)Tanja Dückers, geb. 1968 in Berlin (West), ist Schriftstellerin, Publizistin und Literaturwissenschaftlerin. Zu ihren Werken zählen u. A. die Romane "Himmelskörper", "Der Längste Tag des Jahres", "Spielzone" und "Hausers Zimmer", der Essayband "Morgen nach Utopia" sowie mehrere Lyrikbände und Kinderbücher. Zuletzt erschien der autobiografisch gefärbte Rückblick "Mein altes West-Berlin". Tanja Dückers schreibt regelmäßig über gesellschaftspolitische Themen für ZeitOnline und das Deutschlandradio.

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