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Fazit / Archiv | Beitrag vom 15.02.2010

Geschlechterapartheid in Israel

"Black Bus" zeigt das Innenleben einer ultraorthodoxen Gemeinde

Anat Yuta Zuria im Gespräch mit Susanne Burg

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Szene aus "Black Bus" (Berlinale)
Szene aus "Black Bus" (Berlinale)

In ihrem Film "Black Bus" porträtiert die israelische Regisseurin Anat Yuta Zuria zwei junge Frauen, die in einer ultraorthodoxen Gemeinde aufgewachsen sind und ihr den Rücken kehren. Bei den Ultraorthodoxen seien Frauen nur "Menschen zweiter Klasse", sagt die Regisseurin.

Inhalt:
Sie sind weg und doch noch da: Shulamit und Sarah. Ihre Familien haben die jungen Frauen verstoßen, als sie aus der ultra-orthodoxen Gemeinde Jerusalems ausgebrochen sind. Jetzt setzen sich die beiden auf ihre Weise mit ihr auseinander. Sarah schreibt einen subversiven Blog, in dem sie die Radikalisierung der jüdischen Fundamentalisten thematisiert, Shulamit fotografiert – mitten in der Gemeinde, in der sie aufgewachsen ist. Stundenlang steht sie auf einer belebten Einkaufsstraße und drück auf den Auslöser. Manchmal ducken sich die Frauen weg, wenn sie die Kamera sehen, manchmal schauen sie erschrocken. Die Situation eskaliert, als Shulamit in einen sogenannten schwarzen Bus steigt, ein eigenes Transportmittel der Ultraorthodoxen, in der strenge Geschlechtertrennung herrscht. Die Männer sitzen vorne, die Frauen hinten. Shulamit wagt sich in die vordere Bushälfte. Die Männer toben.

Die Kamera von Filmemacherin Anat Yuta Zuria ist überall dabei. Sie dokumentiert, wie zwei junge Frauen rebellieren. Und den Preis, den sie dafür zahlen.

Burg: Ich habe mich immer wieder während des Filmes gefragt, warum tun sich Sarah und Shulamit das an, warum kehren sie zurück und setzen sich dieser massiven Ablehnung, den Anfeindungen aus, indem sie zum Beispiel Fotos machen? Warum gehen sie nicht einfach weg?

Zuria: Beide Frauen sind Künstlerinnen. Die eine ist Autorin, die andere Fotografin. Ich habe Sarah getroffen, als sie diese Gemeinschaft erst ein paar Monate hinter sich gelassen hatte, und Shulamit war sogar noch dabei, als ich angefangen habe zu drehen. Für beide ist die Erfahrung also sehr frisch. Dieser Ort ist noch Teil ihres Lebens, und er macht ihnen Angst. Du kannst nicht einfach deine Familie und deine Identität hinter dir lassen. Also setzen sie sich künstlerisch damit auseinander. Wenn ich es richtig verstehe - denn ich bin auch Außenseiterin – dann sind sie in vieler Hinsicht nicht weggegangen. Physisch sind sie nicht mehr dort, sie sind freier als zuvor, sie versuchen, unabhängig zu werden, aber gedanklich sind sie noch dort. Das ist ihr Leben, ihre Vergangenheit, ihre Familie. Mit all dem stehen sie im Dialog.

Burg: Sie sagen, sie kämpfen um ihre Unabhängigkeit. Der Preis, den sie dafür zahlen, ist aber die Einsamkeit.

Zuria: Der Preis, den sie zahlen, ist sehr hoch. In diesem Film konnte ich vieles nicht sagen. Auch wenn die beiden nicht mehr dazugehörten, ihre Familien waren ihnen nicht egal, und so konnten sie nicht die ganze Geschichte erzählen, den Missbrauch, den sie erfahren haben. Der Preis ist Einsamkeit und Trauer. Ausgestoßen zu werden, ist brutal. Sie waren arm und obdachlos. Es ist tragisch. Aber es zeigt auch, wie mutig die beiden sind und warum es so wenige Frauen gibt, die weggehen. Sie haben etwas Besonderes gemacht. Sie sind nicht nur gegangen, sie wollten auch die Geschichte von Frauen erzählen, die sie zurückgelassen haben.

Burg: Ihr Film heißt "Black Bus" und man assoziiert natürlich sofort damit die Rassentrennung in den Südstaaten der USA bis in die späten 1960er-Jahre einschließlich der Busse, in denen Schwarze im hinteren Teil der Busse sitzen mussten. Inwieweit kann man die Rassentrennung in den USA mit der Geschlechterbeziehung in den ultraorthodoxen Gemeinden Israels vergleichen?

Zuria: Ich habe einen interessanten muslimisch-feministischen Ausdruck gefunden. Dort war die Rede von "Geschlechterapartheid". Das fand ich passend. Die Frauen sind Menschen zweiter Klasse. Sie haben nicht die gleichen Rechte. Sie können keine Gesetze machen, keine Führungspositionen einnehmen. Sie dürfen sich nicht ausdrücken, weder in der Lyrik noch im Gesang. Sie sind Menschen zweiter Klasse. Es ist ungerecht.

Burg: Viele ultraorthodoxe Juden sind arm im Vergleich zu anderen Israelis. Viele der Männer arbeiten nicht und widmen sich religiösen Studien. Wie überleben die eigentlich?

Zuria: Wie Sie sagen, die meisten sind vergleichsweise arm, aber was allgemein interessant ist, dass die ultraorthodoxe Gemeinde mittlerweile ein Viertel der jüdischen Bevölkerung in Israel ausmacht. Im Durchschnitt hat jede Frau acht Kinder. Wir sprechen hier also nicht von einer Minderheit. Die Bevölkerung wächst. Und sie hat eine große politische Macht. Insofern: Diese Gemeinschaft ist arm, aber sicher. Ihre Politiker geben ihnen Vergünstigungen. Zum Beispiel: Ein normaler Israeli bezahlt eine bestimmte Summe für Bildung, die Ultraorthodoxen bezahlen die Hälfte davon. Das ist ein weiterer Grund dafür, warum viele nicht weggehen. Ihnen geht's zwar ökonomisch schlecht, aber es ist sicher. Jemand wird sich immer kümmern, solange sie keine Grenzen überschreiten.

Burg: Schon mit Ihrem letzten Film haben Sie ein Politikum kreiert, mit "Sentenced to Marriage", in dem Sie das heikle Thema Scheidungen der Ultraorthodoxen angehen. Das israelische Fernsehen verweigerte damals die Ausstrahlung. Wie wurde in Israel Ihrer neuer Film "Black Bus" aufgenommen? Er wurde im letzten Jahr auf dem Internationalen Filmfest von Haifa immerhin als bester israelischer Dokumentarfilm ausgezeichnet ...

Zuria: Das hängt natürlich davon ab, von welchen Kreisen wir reden. Wir waren überrascht, dass die Ultraorthodoxen den Film gesehen haben. Denn sie dürfen weder Fernseher noch Computer oder Internet haben. Es ist also ein kleines Wunder, denn Tausende von ihnen kannten den Film. Es gab viele feindliche Reaktionen von ihnen. Das hatte natürlich auch einen Einfluss auf unsere beiden Protagonistinnen. Besonders Sarah, die Bloggerin, wurde angegriffen. Die ultraorthodoxen Medien haben unablässig über sie berichtet.

Die anderen Medien waren sehr interessiert, denn es ist ein aktuelles Thema. Diese Busse, in denen Frauen hinten sitzen müssen, sind ein ungelöstes Problem. Gerade letzte Woche hat der israelische Verkehrsminister erklärt, dass diese Busse rechtens seien. Jetzt gibt es einen Konflikt mit dem Justizminister, der sagt, dass sie nicht legal sind. Es gibt also viele Diskussionen.

Der Film zeigt eine Welt, die viele Israelis nicht kennen. Auf der einen Seite sind da also die Ultraorthodoxen, die den Film bekämpfen, ihn aber sehen, auf der anderen Seite gibt's die Israelis, die sagen: Wow, davon wussten wir gar nichts.

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