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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 31.01.2014

GeschichtsunterrichtSchwere Kost für kleine Kinder

Holocaust-Material bereits für Grundschüler

Von Jens Rosbach

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Das Thema ist überaus bedrückend und bis heute nicht zu begreifen: der Massenmord an europäischen Juden vor rund 70 Jahren. Kein Wunder, dass man Kinder bislang davon verschonen wollte. Nun hat das Berliner Anne-Frank-Zentrum neues Unterrichtsmaterial entwickelt, das schon Grundschüler mit dem Thema konfrontiert - nicht unumstritten.

"Er ist einer der bekanntesten deutschen Generäle, Kriegsheld in Afrika: Erwin Rommel. Hinter der Front operieren so genannte Einsatzgruppen. Bis Ende 1941 erschießen sie mehr als eine halbe Million Juden."

Historischer O-Ton Goebbels: "Und dann wird dem Juden das freche Lügenmaul gestopft werden!"

Der Zweite Weltkrieg und der Holocaust – fast täglich zeigt das Fernsehen die Welt der Nazi-Verbrecher. Die Filme sind zwar für Erwachsene produziert – doch Kinder schnappen viel davon auf, auch über das Internet. Zudem reden viele Eltern immer offener über die belastende Geschichte. So die Erfahrung des Anne-Frank-Zentrums in Berlin. Der Bildungs-Verein führt jedes Jahr rund 11000 Teenager an das Thema Judenvernichtung heran.

Anfragen für immer jüngere Klassen

"Wir bekommen Anfragen von immer jüngeren Schulklassen: Also können wir auch mit unserer vierten Klasse kommen, können wir mit unserer dritten Klasse kommen? Und als Reaktion darauf ist die Idee entstanden, Material für Grundschulen zu machen."

Veronika Nahm, Historikerin am Anne-Frank-Zentrum, hat eine Sperrholzkiste bauen lassen - einen Meter lang, einen halben Meter breit. Robust und schlicht, äußerlich ziemlich gewöhnlich. Doch die Kiste hat es, buchstäblich, in sich: dutzende Fotos, Bücher, Hefte und  Landkarten zum Thema Holocaust - und zwar schon für Kinder ab der vierten Klasse.

"Und niemand muss es in der vierten Klasse machen. Aber wenn die Fragen kommen, dann sollte man die Kinder nicht allein lassen."

Die "Unterrichtskiste" wurde mit besonderer Vorsicht gepackt, um die Zehn- und Elfjährigen nicht zu überfordern. So werden keine Filme eingesetzt, da bewegte Bilder über die Judenvernichtung starke Emotionen hervorrufen können. Stattdessen finden die Schüler 69 aufwändig gestaltete Karten über sieben jüdische Zeitzeugen. Anhand von Fotos und Zitaten wird die Kindheit der Protagonisten in den 20er und 30er Jahren nachgezeichnet: ihr erster Schultag, ihr erstes Tanzkleid, ihre Leidenschaft für Fußball – aber auch ihre ersten Diskriminierungen.

Vernichtung der Juden wir nur grob skizziert

"Für uns ist genau diese Zeit des Übergangs von der Normalität zur beginnenden Verfolgung und Ausgrenzung interessant für die jüngere Zielgruppe – und nicht so sehr die Zeit der Deportation und die Zeit des Mordens."

Das pädagogische Paket konfrontiert die Kinder nicht mit grausamen Details – wie Massengräber, Gaskammern und KZ-Sadismus. Die Vernichtung der Juden wird nur grob skizziert, alles konzentriert sich auf die Protagonisten.

"Die Kinder wissen ja, dass die sieben Menschen, die hinter den Biografien stehen, den Holocaust überlebt haben."

Erklärt Grundschul-Leiterin Carola Melchert-Arlt, die das neue Bildungsmaterial mit entwickelt und getestet hat.

"Also das ist für ein Kind auch einfacher zu begreifen, mit dem Wissen, es sind sechs Millionen jüdische Menschen umgekommen, aber ich forsche an sieben Biografien von Menschen, die dieses Schreckliche überlebt haben – und dadurch macht es für die Kinder einfacher begreifbar."

Der Holocaust als normales Unterrichtsthema für kleine Kinder? Viele Bildungsexperten hinterfragen das Berliner Projekt. So äußert sich der jüdische Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik skeptisch.

"Also man hat jahrelang gesagt, dass das, was wir als Holocaust bezeichnen, unfassbar ist, moralisch nicht zu begreifen, unsäglich grausam – dann wird man das Grundschulkindern aufgrund ihrer noch in der Entwicklung begriffenen intellektuellen, kognitiven Fähigkeiten ohnehin nicht beibringen können."

Schwachstelle auch bei Pädagogen

Brumlik, emeritierter Professor der Goethe-Universität Frankfurt am Main, sieht außerdem  Schwachstellen bei den Lehrern: Die Pädagogen erhielten in ihrer Ausbildung kein Know-how, wie sie mit Kindern über Judenvernichtung und modernen Antisemitismus reden könnten. Die meisten Lehrer seien schlicht überfordert mit diesen Themen.

"Ich habe selbst einmal in Frankfurt am Main Materialien einer Klasse gesehen, in denen eine wohlmeinende Lehrerin den Kindern Briefe an getötete Kinder, die bereits im Himmel sind, schreiben ließ. Und das war für meine Begriffe ein solches Ausmaß an Kitsch, dass ich mir ziemlich sicher bin, dass das, worum es geht, damit nicht getroffen worden ist."

Das Anne-Frank-Zentrum erklärt hingegen, dass es mit seinen Unterlagen "Nicht in die Schultüte gelegt" den Pädagogen ein fundiertes Arbeitsmaterial in die Hand geben will. Die Berliner Grundschule Am Falkplatz hat bereits Erfahrungen damit gemacht – positive Erfahrungen. Als eine von drei Pilot-Schulen setzte sie die Unterrichtskiste in den vierten Klassen ein. Die jüdischen Lebensgeschichten, berichtet Schulleiterin Carola Melchert-Arlt, hätten die Kinder sehr bewegt. Etwa die vom Berliner Gert Rosenthal, dem ermordeten Bruder des Entertainers Hans Rosenthal.

"Die Auseinandersetzung mit dem Thema hat dazu geführt, dass die Kinder alleine beschlossen haben, für Gerd Rosenthal einen Stolperstein setzen zu lassen am Wohnhaus. Und haben angefangen, Sammlungen dafür durchzuführen. Das heißt, sie haben einen  Kuchenbasar gemacht, sie haben Glückwunschkarten verkauft auf den Schulfesten und sind jetzt so weit, dass das Geld zusammen gekommen ist für den Stolperstein – sie haben dadurch einen anderen Einstieg."

Umfrage Kinder: "Früher wurden die Juden ermordet." "Sie durften nicht mehr so viel tun, zum Beispiel durften sie nicht mehr in Schwimmbäder gehen." "Bei ihren Geschäften wurde nicht mehr eingekauft. Das heißt, sei bekamen wenig Geld." "Sie mussten den Judenstern tragen." "Sie wurden langsam aber sicher durch die Gesetze der Nazis ausgegrenzt."

Was bedeutet Ausgrenzung?

Auch die Anna-Lindh-Schule in Berlin-Wedding glaubt an den neuen pädagogischen Kurs. Ihre Lehrer verwenden ein anderes Material bei den Viertklässlern – Modell-Material, das "Aktiv gegen Antisemitismus" heißt und vom Berlin-Brandenburgischen Institut für Schulmedien und dem American Jewish Commitee entwickelt wurde. Zentrales Anliegen ist - wie bereits in der Jugendbildung - Parallelen aufzuzeigen zwischen Judenverfolgung und Rassenhass heute. Die Kleinen sollen sensibilisiert werden für alles, was "Ausgrenzung" bedeutet.

"Dass man nicht bei Spielen mitspielen darf." "Weil der anders ist als man selbst." "Man kann dann mit niemandem mehr quatschen." "Man ist dann allein, wenn man ausgegrenzt wird." "Also, wenn Du ausgegrenzt wird, dann ist das ganz schön traurig."

"Das Besondere an dem Programm ist, dass hier viele Facetten der kindlichen Fantasie mit eingearbeitet sind."

Lobt die verantwortliche Lehrerin Ute Winterberg.

"Also, ich kann mit den Arbeitsblättern in den Unterricht gehen und finde immer wieder Sprechanlässe, um über aktuelle politische Probleme mit den Kindern zu diskutieren - und das altersgerecht."

Trotz erster Erfolgsmeldungen bleibt Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik skeptisch: Neben einer möglichen Überforderung der Kinder gebe es auch noch das Migranten-Problem, so der Experte. Der steigende Anteil von Zuwanderer-Schülern, auch mit muslimischem Hintergrund, erschwere die Holocaust-Erörterung in der Grundschule.

"Ich erinnere mich sehr gut, dass es in Frankfurt häufig Fälle gegeben hat, wenn jüdische Zeitzeugen für den Unterricht angemeldet waren, das eine oder andere Kind arabisch- oder türkischstämmiger Herkunft von seinen Eltern krank gemeldet wurde. Und es war sicher auch immer ein Zeichen des Protestes, weil es ja bei einigen die Überzeugung gibt, dass der Holocaust ohnehin eine zionistische Propagandalüge sei."

Schoah als Pflichtprogramm in der vierten Klasse

Die Berliner Direktorin Carola Melchert-Arlt kennt ähnliche Vorfälle: So wollten an ihrer Grundschule zwei muslimische Mütter ihren Kindern untersagen, im Unterricht über Juden zu sprechen. Doch Melchert-Arlt, die selbst Jüdin ist, sieht in einer solchen Einstellung ein zusätzliches Argument, erst recht – und möglichst früh - den Holocaust anzusprechen. Deshalb hat sie die Schoah als Pflichtthema vorgeschrieben für alle vierten Klassen ihrer Schule. Nun wird jede Woche eine Stunde lang über Judenretter vor 70 Jahren, über heutige Diskriminierung sowie über universelle Kinderrechte gesprochen.

"Ich habe auch eine Aussage gehabt eines Schülers, die mich sehr betroffen gemacht hat und auch nachdenklich gemacht hat – eines muslimischen Schülers, der dieses Programm durchgelaufen ist und dann zu mir gesagt hat, dass wenn man gegen Juden hetzt oder gegen Juden ist, dann ist das eine Sünde. Und das hat er aus diesem Programm mitgenommen, dass alle Menschen gleich sind. Und dann sind wir ein ganzes Stück weiter gekommen nämlich."

Die Schoah als Thema in der Grundschule – heißer Diskussionsstoff für die Pädagogen. Befürworter und Kritiker sind sich jedoch in einem Punkt einig: Die Lehrer müssten mehr Fortbildungen erhalten, damit sie zumindest auf spontane Kinder-Fragen angemessen reagieren können. Das Anne-Frank-Zentrum hat deshalb zur Unterrichts-Box eine Lehrerhandreichung sowie eine Lehrerweiterbildung entwickelt. Projektleiterin Veronika Nahm will die Box ab Ende des Jahres in einer handlichen Version bundesweit verbreiten – trotz aller Fachdebatten. Denn im Ausland, so die Historikerin, sei man häufig schon viel weiter.

"Weil nämlich in den USA, da ist es natürlich ein alter Hut, dass man mit Grundschulen über den Holocaust spricht. Aber auch in den Niederlanden: Unsere große Schwester, das Anne-Frank-Haus in den Niederlanden, arbeitet mit Grundschülern zum Thema Anne Frank. Und das ist – kein Problem!"

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