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Profil / Archiv | Beitrag vom 18.08.2011

Geschichtenerzählerin aus Island

Die Schriftstellerin Gudrún Eva Mínervudóttir über isländische Sagas und ihre Inspirationen

Von Agnes Bührig

Island ist Gastland der Frankfurter Buchmesse. (Monika Seynsche)
Island ist Gastland der Frankfurter Buchmesse. (Monika Seynsche)

Die isländische Schriftstellerin Gudrún Eva Mínervudóttir wird diesen Herbst auf der Frankfurter Buchmesse zu Gast sein. Sie schreibt über das, was sie erlebt hat - Familien-Geschichten, oft über Generationen hinweg.

Ein hellblaues Haus mit Wellblechfassade. Gudrun Eva Minervudottis Wohnung im Obergeschoss ist mit gemütlichen Holzmöbeln vollgestellt, die Küche zum Wohnzimmer hin ist offen. Hier wohnt die zierliche 35-Jährige Schriftstellerin mit Mann Matti und Katze Kisa.

"Ich bin oft umgezogen, habe an vielen Orten gewohnt. Wir waren manchmal sehr unterschiedliche Menschen an einer Stelle, es war schwierig, eine Verbindung zu ihnen aufzubauen. Ich denke, so ist es in vielen Familien, auch wenn sie keine Brüche haben. Du denkst, du lebst mit Fremden zusammen, die ganz anders denken. Diese Zeit inspiriert mein Schreiben."

Minervudottir ist mit Hippieeltern aufgewachsen. Als sie 1976 geboren wird, ist ihr Vater gerade auf Abenteuerreise durch die Welt. Ihre Mutter arbeitet als Klavierlehrerin, es zieht sie da hin, wo es Arbeit gibt. Dreimal heiratet sie. Wie viele Halb- und Stiefgeschwister es gibt, hat die Schriftstellerin nicht im Kopf. Mit Anfang 20 reist sie selbst viel herum, wohnt ein Jahr in Amsterdam, ein Jahr in Griechenland und jobbt in Restaurants und Bars, bevor sie ihr Philosophiestudium aufnimmt.

"Ich hatte wohl das Bedürfnis, unabhängig zu sein, mich selbst zu erproben, mich anzutreiben, wie viele junge Leute es tun. Das ist ein Ritual, dass Menschen ihre Kinder Prüfungen unterziehen, die manchmal grausam sein können. Manch einer tut sich das selbst an."

Skype-Konferenz mit ihrem Lektor Valur Antonsson, der sich gerade in New York aufhält. Gudrun Eva Minervudottir hat einen Stapel Manuskriptseiten ihres aktuellen Romans hervorgezogen und ihren Laptop aufgeklappt. "Alles erwacht mit einem Kuss" lautet der Arbeitstitel. Minervudottir erforscht die Menschwerdung. In ihrer Version ist nicht der Baum der Erkenntnis der Beginn alles Seins, sondern ein Kuss. Wie es weitergeht, kann sie noch nicht sagen:

"Es beginnt alles mit einer Idee, die mich fesselt. Dann nehme ich einen Stift und schreibe Situationen und Charaktere auf. Daraus entwickelt sich dann vielleicht eine Geschichte. Die Handlung gebe ich nicht vor. Das gibt dem Text mehr Tiefe, wenn du nicht alles mit dem Kopf steuerst. Wenn du auch das Unterbewusstsein zum Zuge lassen kommst. Wenn ich anfange, weiß ich nicht, wie es enden wird."

Dass die Isländer gute Erzähler sind, hat natürlich damit zu tun, dass die Winter lang sind und dass man sich früher die Zeit mit dem Lesen und Erzählen von Geschichten vertrieben hat. Davon zeugen nicht zuletzt die isländischen Sagaschreiber, die im 13. und 14. Jahrhundert akribisch das Wohl und Wehe ganzer Dynastien schilderten.

"Die Sagas sind bemerkenswert. Sie sind die Verbindung zu unserem Kulturerbe. Ich habe sie in der Schule gelesen und verstanden, dass sie wichtig sind. Aber als Literatur beeindrucken sie mich nicht allzu sehr. Ich kann nicht sagen, dass meine Erzählungen auf dieser Tradition fußen. Die Welt verändert sich, sie öffnet sich. Die Länder sind nicht mehr so isoliert wie sie es einmal waren."

Minvervudottir wirkt zart und vorsichtig, wenn sie spricht. Doch in der Sache ist sie bestimmt. Ihre Jugend habe ihr den Stoff für die ersten Romane geliefert, sagt sie. Sie hat ihre eigenen Sagas gefunden: Familien-Geschichten, über einige Generationen hinweg.

Minervudottir macht sich an die Zubereitung einer italienischen Tortellinipfanne. Inzwischen kann sie sich vorstellen, dauerhaft sesshaft zu sein: gemeinsame Wohnung, Ehe, Kind. Doch die Welt anzugucken, ist für jeden Isländer heute ganz normal, sagt sie. Island hat gerade einmal 320.000 Einwohner, da bekommt man den Koller, wenn man nicht ab und zu den Ort wechselt, sagt die Schriftstellerin während sie eine Knoblauchzehe klein schneidet:

"Es fühlt sich gut an, Reykjavík eine Zeit lang zu verlassen. Wenn du nur an einem Platz bleibst, mit einer Sprache, einer Art zu denken und die Dinge zu tun, dann kannst du dich nicht öffnen. Du bekommst nicht mit, dass man die Dinge auch ganz anders erledigen kann, dass es Menschen gibt, die sich total von dir unterscheiden und die dir etwas beibringen können."

Webseite der Schriftstellerin Guđrún Eva Mínervudóttir

Links bei dradio.de
Einar Már Gudmundsson: "Vorübergehend nicht erreichbar", Carl Hanser Verlag 2011, 332 Seiten

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Was der Suff aus dem Menschen macht

Externe Links:

Webseite der Schriftstellerin Guđrún Eva Mínervudóttir

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