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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.01.2009

Geschichten von Bildern und Sammlern

Melissa Müller und Monika Tatzkow: "Verlorene Bilder, verlorene Leben. Jüdische Sammler und was aus ihren Kunstwerken wurde", Elisabeth Sandmann Verlag, München 2009, 249 Seiten

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Das Buch über Bilder dokumentiert erstaunliche Lebenswege.  (Stock.XCHNG / Martin Walls)
Das Buch über Bilder dokumentiert erstaunliche Lebenswege. (Stock.XCHNG / Martin Walls)

"Verlorene Bilder, verlorene Leben" erzählt die Lebensgeschichten jüdischer Sammler und Sammlerinnen. Dabei geht es um den Berliner Cassirer-Clan, das Erfurter Ehepaar Tekla und Alfred Hess oder die schillernden Geschwister Francesco und Eleonora Mendelssohn und um verlorene oder geraubte Bilder.

Dies ist auch ein Buch über verlorene, geraubte Bilder. Aber vor allem ist es ein Buch über die Lebens- und Familiengeschichten jüdischer Sammler und Sammlerinnen. Über den Berliner Cassirer-Clan, das Erfurter Ehepaar Tekla und Alfred Hess, die schillernden Geschwister Francesco und Eleonora Mendelssohn und viele andere. Es sind die Geschichten von einigen der außergewöhnlichsten, begabtesten und kulturell einflussreichsten Persönlichkeiten von Kaiserzeit und Weimarer Republik. Die Journalistin Melissa Müller und die Historikerin Monika Tatzkow haben sie in jahrelanger Forschungsarbeit und detektivischer Recherche wieder ans Licht gebracht.

Sie schildern beeindruckende Aufstiegsgeschichten: Mit wie viel Gründergeist und Durchsetzungskraft die sieben Brüder Cassirer im Berlin der Jahrhundertwende auf den unterschiedlichsten Feldern von Wirtschaft und Kultur zum Erfolg kommen – von der Kabelindustrie reicht das erstaunliche Spektrum bis zu Musiktheorie und Kunsthandel – mit wie viel Kunstverstand und vor allem auch Sinn für das Neue sie sich noch im Kaiserreich als Förderer der Impressionisten etablieren und Degas, Meunier, Renoir, Cézanne und Pissarro nach Berlin bringen. Angetrieben von einer starken Leidenschaft für Kunst und Kultur, die sich wie ein Leitmotiv durch alle Biografien dieses Buches zieht – und die nicht nur von den Künstlern der Zeit als äußerst starke Attraktion wahrgenommen wird.

Eindrücklich beschreiben die Autorinnen, wie sich in der anregenden Atmosphäre der Erfurter Villa des Schuhfabrikanten Alfred Hess und seiner Frau Tekla in den zwanziger Jahren Maler und Musiker gleichermaßen zu Hause fühlen, die neuen Stilrichtungen der Moderne debattieren und sich für die geschätzte Gastfreundschaft mit Aquarellen und Zeichnungen, Gedichten und Noten bedanken – Kandinsky, Klee und Feininger – Hindemith, Weill und Schönberg. Wie aus dieser einzigartigen Atmosphäre, aus dem ständigen Austausch auch mit führenden Kunsthistorikern und Kritikern der Zeit wie Wilhelm Worringer oder Paul Westheim die wohl hochkarätigste deutsche Sammlung expressionistischer Kunst entsteht.

"Ein ständiges Kommen und Gehen ausgefallener Leute" habe um 1920 in ihrem Haus geherrscht, hat die Sammlerin Sophie Lissitzky-Küppers geschrieben. Gleiches gilt von der ersten bis zur letzten Seite für dieses Buch, das schließlich auch noch mit so mondänen Stars der Weimarer Jahre wie Francesco von Mendelssohn aufwarten kann: Schwuler "Glamorous Boy" Berlins, für jede Exaltiertheit zu haben, gleichzeitig als hochbegabter Musiker, als Schauspieler, Regisseur, Autor, Übersetzer und eben Kunstsammler tätig. Das Buch dokumentiert all diese erstaunlichen Lebenswege äußerst liebevoll mit zahlreichen Familienfotos, mit Briefen, Dokumenten und vielen farbigen Abbildungen wichtiger Werke.

Das feine Gespür der Autorinnen fürs aussagekräftige Detail lässt sich zum Beispiel auch daran ablesen, dass sie nicht zu erwähnen vergessen, wie Tekla und Alfred Hess sich kennen gelernt haben: beim Ausstellungsbesuch natürlich.

Diese ganze bildungsbürgerliche Welt wird 1933 zerschlagen. "Begehren macht skrupellos", so benennen die Autorinnen in ihrem Vorwort das Grundmotiv des systematischen Kunstraubs, der nun einsetzt. Lilly Cassirer wird ihren geliebten Pissarro unter Zwang zu einem Spottpreis verkaufen müssen. Noch heute klagt ihr Enkel Claude gegen das Königreich Spanien – denn in Madrid hängt der Pissarro heute im Museum Thyssen-Bornemisza – einem Haus, "das den Namen einer Familie trägt, die Hitlers Aufstieg so tatkräftig unterstützt hat". Der Sammlerin Tekla Hess wird der Direktor des Kölnischen Kunstvereins die ihm geliehenen Werke veruntreuen. Erst ihre Enkelin konnte eines der bedeutendsten, Kirchners berühmte "Straßenszene", 2006 wieder in Empfang nehmen.

Ein Buch, das seinen historischen Gegenstand so interessant, so spannend und auch noch so attraktiv präsentiert, wie man es nur selten sieht.

Rezensiert von Alexandra Mangel

Melissa Müller und Monika Tatzkow: Verlorene Bilder, verlorene Leben. Jüdische Sammler und was aus ihren Kunstwerken wurde,
Elisabeth Sandmann Verlag, München 2009, 249 Seiten, 150 Abbildungen, kostet 34 Euro.

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