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Profil / Archiv | Beitrag vom 04.10.2011

Geschichten von Bauern und Sklaven

Arthur Bollason, Erzähler isländischer Sagas

Von Paul Stänner

Island ist Gastland der Frankfurter Buchmesse 2011. (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)
Island ist Gastland der Frankfurter Buchmesse 2011. (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)

Auf der Frankfurter Buchmesse wird Island der Hauptgast sein. Wer sich in den kommenden Wochen mit isländischer Literatur beschäftigt, wird immer auf einen Namen treffen: Arthur Bollason. Bollason ist als Übersetzer, Journalist, Reiseleiter und Schriftsteller einer der wichtigsten Vermittler isländischer Kultur in Deutschland.

Arthur Bollason: "Wenn man hier aus dem Fenster schaut, dann sieht man auf einen Schauplatz aus der Egilsaga. Das ist ein Engpass zwischen dem Fjord und dem Meer. Das Wasser wird da so eingeengt, und da gibt es eine Brücke drüber und dieser Engpass heißt Braukasund, und die Insel auf der andere Seite heißt Braukainsel"

Der Blick aus dem Fenster zeigt einen der Schauplätze der Egilsaga. Der junge Egil verliert in einem Ballspiel gegen einen anderen Jungen. Sein Vater ist so wütend, dass er droht, seinen Sohn zu erschlagen. Brauk, die Magd, die den kleinen Egil aufgezogen hat, geht dazwischen.

"Und daraufhin richtet sich die Wut von Skallagrimson auf sie und er jagt sie über die Halbinsel bis zu diesem Engpass hier vor und da springt sie ins Wasser und er nimmt einen großen Stein und wirft den Stein hinter ihr her und der Stein landet zwischen ihren Schultern und da wird sie ertränkt."

Die altisländischen Sagas sind Geschichten von ganz normalen Bauern mit ihren Gefolgsleuten und Sklaven. Es sind Charaktere und Typen, mit denen sich die Isländer immer noch identifizieren können, zumal das heutige Isländisch im Großen und Ganzen noch der Sprache der Sagas entspricht. Lange Zeit hat Arthur Bollason das so genannte Saga-Zentrum geleitet, das die Erinnerung an die alte Literatur aufrechterhält. Aber das ist nur eine der vielen Facetten in der abenteuerlichen Biografie des Arthur Bollason.

"Ich bin eigentlich vorprogrammiert als ein moderner Gunnar. Ich hatte ja mit der Njalsaga jahrelang zu tun, das ist das größte Epos und das Nationalepos der Isländer und allein wenn man die Beschreibung von Gunnar (nimmt), der war groß, kräftig, blond und dann kamen natürlich noch einige Sachen dazu: Guter Schwimmer, ist vielleicht ein bisschen übertrieben bei mir, auf den Fall das Äußerliche, damals sah er einfach so aus wie ich."

Es erhöht natürlich die Attraktivität, wenn man wie eine Lichtgestalt aus den alten Schriften erscheint: Arthur Bollason hat mehrere Ehen durchlebt und mit drei Frauen vier Kinder in die Welt gesetzt. Sein Vater und seine Mutter hatten sich kurze Zeit nach seiner Geburt getrennt, der Vater ging nach Amerika, die Mutter nach Kanada. Arthur wuchs in Reykjavik bei seinen Großeltern auf.

"Mein Großvater war ein sehr lesefreudiger Mensch, er hat mir die alte Literatur sehr nahe gelegt, die alte Dichtung, er war selbst ein Reimkünstler, ja, der hat mich so ein bisschen in die alte Welt hinein geführt und ich habe vor allem durch die Erzählungen meiner Großmutter das alte Island kennengelernt, was dann mit einer rapiden Geschwindigkeit kurz vor meiner Geburt im Grunde in die moderne Zeit hineingerast ist."

Arthur Bollason blieb in Bewegung. Nach der Schulzeit ging er zu einem Freund nach Schweden und es folgte eine Hippie-Periode mit all dem, was Hippie so gern mögen: Frauen, Alkohol, wenig Arbeit. Arthur schlug sich als Bänkelsänger durch, aber irgendwann musste Arthur sich seinem Leben stellen – was er nur unfreiwillig tat.

"Das hat einen meteorologischen Grund eigentlich, bei einem heftigen Schneesturm kurz vor Weihnachten nach meinem Abitur da hab ich meinen alten Deutschlehrer getroffen. Wir standen da beide und suchten Schutz vor dem Sturm und der fragte mich, warum ich nicht nach Deutschland gehe? Ich wollte das Gespräch bald beenden und er sagte: Kann ich mich nicht bewerben für dich in Deutschland, und ich sagte, um loszukommen: Ja, kannst du machen. Und dann kam ein Brief eines Tages, ich wurde zugelassen zum Studium in Göttingen, Tübingen und Freiburg."

Bollason nutzte seine Chance und ging zum Studium der Literatur und Philosophie nach Deutschland, wurde nebenbei Vater, ging dann als Lehrer zurück nach Island und begann außerdem im staatlichen Rundfunk eine philosophische Sendereihe unter dem Titel "Die Eule der Minerva". Dann ging er nach Deutschland zurück, um seine Dissertation zu schreiben. Dazu kam es aber nicht. Der Rundfunk nahm ihn als Auslandkorrespondenten in Beschlag, später auch das isländische Fernsehen, wo er eine Kultursendung moderierte.

"Und da hab eine Reihe von sehr interessanten Gesprächen mit Leuten in Deutschland gemacht, lange Interviews mit Leuten wie Willy Brandt zum Beispiel, Björn Engholm, Otto Schily, und es war natürlich interessant für einen Studenten aus Island, alle diese Persönlichkeiten kennenzulernen."

In dieser Zeit wurde aus dem Literaturwissenschaftler, Lehrer und Journalisten auch der Übersetzer Arthur Bollason, der die deutschen Autoren Heine, Nietzsche, Schiller, Nadolny ins Isländische übertragen hat. Aktuell arbeitet er an der Übersetzung von Richard David Prechts Erfolgsbuch: "Wer bin ich – und wenn ja wie viele?" Vier Jahre lang war Arthur Bollason in Island ein Fernsehstar, dann wurde er Nationalheld. Er war persönlicher Referent des Fernsehintendanten, als ein verleumderischer Film gegen den Bauernverband ausgestrahlt wurde. Bollason reagierte, indem er den Bauernverband gegen den Film, den das Fernsehen hatte ausstrahlen müssen, in Schutz nahm.

"Das gefiel nicht dem Chef des Landes, deshalb hat der zum Chef des Fernsehens gesagt, den musst du feuern."

Bollason kam in den Ruf, ein Bauernopfer zugunsten des ungeliebten Ministerpräsidenten zu sein.

"Mein Anrufbeantworter war so rappelvoll, da kam nichts mehr drauf. Aber ich kann mich auch erinnern, dass einzelne Stimmen drauf waren, die mich ganz besonders gefreut haben. Zum Beispiel, und das muss ich jetzt erwähnen, das hab ich noch nie erzählt, eine Stimme, die da drauf war, war die Stimme der Witwe von Halldor Laxness, dem Nobelpreisträger, und ihre Tochter Gunni, die Filmemacherin ist, die haben gesagt, von isländisch, dem Haus von Halldor Laxness, grüßen wir dich und sagen, das hast du wirklich eine wunderbare Tat vollbracht, du hast unsere Freundschaft für immer."

Heute lebt er wieder in Deutschland, arbeitet als Übersetzer und Öffentlichkeitsarbeiter für Icelandair. In diesem Jahr ist er besonders aktiv als Reiseführer durch das literarische Island, denn Island ist im Herbst dieses Jahres Gast auf der Frankfurter Buchmesse.

Mit Arthur Bollason ist im Supposé Verlag eine Audio-Box mit vier CDs erschienen, auf denen an den Originalschauplätzen isländische Sagas erzählt werden. Außerdem gibt es von ihm im "Insel Taschenbuch Verlag" einen "Reisebegleiter Island", der zu den Sehenswürdigkeiten und auch zu literarischen Schauplätzen der Insel führt.

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