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Interview | Beitrag vom 14.03.2020

Geschichten und Analysen von Jo SchückWarum Freundschaft heute so einen besonderen Wert hat

Jo Schück im Gespräch mit Ute Welty

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Viele verschiedenfarbige Arme treffen sich in unterschiedlichen Handschlägen. (imago images / Ikon Images)
Sie geben Halt und Unterstützung: Freundschaftliche Netzwerke spielen heute für viele Menschen eine sehr wichtige Rolle, meint Jo Schück. (imago images / Ikon Images)

Die Liebe hält der Kulturjournalist Jo Schück für überschätzt und lobt die Freundschaft. Ihrer Bedeutung hat er sein Buch "Nackt im Hotel" gewidmet und sieht sich durch die Coronakrise in seiner Analyse bestätigt.

Freundschaft sollten wir auf der gesellschaftlichen Prioritätenliste ganz nach oben setzen, sagt Jo Schück, Kulturjournalist und Moderator der ZDF-Sendung "aspekte". Stattdessen stehe bisher oft die Liebe an dieser Stelle.

In seinem neuen Buch "Nackt im Hotel – Wie Freundschaft der Liebe den Rang abläuft" widmet sich der Autor dieser These in Kurzgeschichten und Analysen. Schück glaubt, dass sich in der heutigen fragmentierten Gesellschaft klassische Familienstrukturen auflösen und Freundschaften die beständigeren Bindungen seien.

Deutsche Sprache tut sich schwer mit Freundschaft

In anderen Sprachen sei das Wort "Freund" variantenreicher. So unterscheide das Englische zwischen "friend" und boyfriend", und im Französischen könne man "ami" oder "copain" sagen. "Ich würde mir wünschen, wir hätten im Deutschen eine größere Mannigfaltigkeit an freundschaftlichen Wörtern", so Schück.

Er habe den Eindruck, dass sich der Begriff der Freundschaft über die Jahre stark verändert habe. So habe seine Elterngeneration da einen anderen Zugang. Sein Vater finde es faszinierend, dass er so viele Freundschaften über so viele Lebensepochen hinweg pflege - aus dem Sandkasten, aus der Schule, aus dem Studium, aus dem Job.

"Bei ihm ist das nicht so", sagt Schück. In der Nachkriegsgesellschaft habe man sich offenbar schnell auf die "bürgerliche Kernfamilie" konzentriert. Freundschaften zwischen Männern seien außerdem lange dem Verdacht ausgesetzt gewesen, dass etwas Homosexuelles mit im Spiel sei. "Das hat sich so radikal geändert, dass  Männer wie Frauen heute viel freier auch mit Freundschaften umgehen können."

Freundschaftliche Netzwerke wahnsinnig wichtig

Dass derzeit Sozialkontakte wegen der Coronakrise eher eingeschränkt werden sollen, sei schon eine Problematik. Allerdings gebe es das schöne Bonmot: "Es ist keine bessere Zeit als jetzt gemeinsam allein zu sein."

Die aktuelle Zeit zeige, dass Solidarität und freundschaftliche Netzwerke  eine wahnsinnig wichtige Rolle spielten. "Gerade jetzt merken wir, wer ein freundschaftliches Netzwerk hat, der fällt nicht so tief."

(gem)   

Jo Schück: "Nackt im Hotel – Wie Freundschaft der Liebe den Rang abläuft"
dtv-Verlag
14,90 Euro

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