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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 30.11.2012

Geschichten mit Witz und Charme

P. Howard: "Ein Seemann in der Fremdenlegion", Elfenbein Verlag, Berlin 2012, 236 Seiten

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Outcasts, der Ungerechtigkeit auf der Spur.  (AP)
Outcasts, der Ungerechtigkeit auf der Spur. (AP)

"P. Howard" ist das englische Pseudonym für den ungarischen Autor Jenö Retjö. Bis in die 40er Jahre schrieb er rund 50 Romane und war damit in seiner Zeit sehr populär. Jetzt können wir ihn in Deutschland entdecken. Im Elfenbein Verlag erschien nun bereits das dritte Werk Howards in einer Neuauflage.

Schräg ist das Mindeste, was über dieses Buch zu sagen ist, das mit den Worten beginnt: "Der türkische Sultan hat sich schon seit zwei Tagen nicht auf der Straße blicken lassen, weil ihm jemand seine Hose gestohlen hat." Nun ist der türkische Sultan kein türkischer Sultan, und auch sonst macht es einem die Exposition nicht gerade leicht, sich zu orientieren. Dafür gibt es gleich jede Menge witziger Situationen, origineller Missverständnisse und absurder Dialoge. Kafka meets Schweijk. Mindestens so wichtig wie die Handlung ist hier die Sphäre anarchischer Komik. Doch vor dem Hintergrund finsterer Nächte und erzählerischer Nebelbomben erhält bald eine Abenteuerposse und Räuberpistole Kontur. Die altmodischen Genrebezeichnungen greifen besser als moderne Kategorien. Das war auch 1943, als dieses Buch erstmals erschien, anachronistisch.

Drei Desperados gegen den Rest der Welt. "So begabt ist diese Welt nicht", heißt es einmal, "als dass nicht drei gescheite Leute sie übers Ohr hauen können." Die drei, das sind John Fowler, genannt "die Keule", Delle Hopkins, eine Art Fachmann für Kopfschüsse, und Alfons Nobody, "aus sämtlichen Staaten der Welt für immer ausgewiesen". Die Flucht vor der Polizei führt in die Fremdenlegion. Die erweist sich aber nur als eine Art Basislager für große Aufgaben, die in der Welt auf das Trio warten. Es geht um eine Diamantmine oder auch darum, einen blutigen Krieg in Afrika zu verhindern. Vielleicht auch um beides. Bald sind die drei klassischen Antihelden einer "gigantischen Gaunerei" auf der Spur. Ein von einem Krokodil gefressener Funker, wilde Geheimpläne, eine verschwundene Expedition und eine falsche Gräfin spielen dabei ebenso eine Rolle wie der "Kaiser der Börse", das "Haupt der Welt-AG" und ein Verdächtiger namens Potemkin. Am Ende war alles dann doch ganz anders als vermutet.

In Ungarn war P. Howard alias Jenö Retjö, 1905 in Budapest als Jenö Reich geboren, in den Dreißigerjahren ein viel gelesener Autor. Und er ist es bis heute. Um die 50 Romane hat er geschrieben. Zum Repertoire gehören running gags, absurde Komik, skurrile Charaktere und Genreparodien. Dabei schöpfte er aus eigenen Erfahrungen. Sein kurzes Leben nimmt sich aus wie eine seiner Geschichten. Er bereiste auf dem Zwischendeck die halbe Welt, schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, in Afrika soll er in der Fremdenlegion gedient haben. Das amerikanisierende Pseudonym legte er sich auf Anraten seines Verlegers zu - mit Erfolg. Doch der schützte ihn ebenso wenig wie die angeschlagene Gesundheit vor der Deportation zum Arbeitsdienst in die Ukraine. Dort erfror Jenö Retjö am Neujahrstag 1943. Bis 1956 durften seine Bücher in Ungarn nicht erscheinen. Sie blieben dennoch populär. "Ein Seemann in der Fremdenlegion" ist der dritte P.-Howard-Roman, den der Elfenbein Verlag auf Deutsch herausbringt. Das ermöglicht die Begegnung mit einem hierzulande wenig Bekannten, dessen Geschichten anfangs fremd anmuten mögen, dann aber mit viel Witz, Charme und nicht zuletzt mit einer gehörigen Portion Spannung überzeugen.

Besprochen von Hans von Trotha

P. Howard: Ein Seemann in der Fremdenlegion
Aus dem Ungarischen von Vilmos Csernohorszky jr., Elfenbein Verlag, Berlin 2012, 236 Seiten, 22 Euro

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