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Die Reportage | Beitrag vom 02.04.2018

Geschichten im SandDie Kunst des Fährtenlesens

Von Leonie March

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Nahaufnahme der Spur eines Löwen im Kalagadi Nationalpark in Südafrika. (dpa / Winfried Wisniewski)
Wer hat hier seinen Pfotenabdruck hinterlassen? - Ein Löwe. (dpa / Winfried Wisniewski)

Im Norden des Krüger-Nationalparks wandern Elefanten, Giraffen, Löwen, Hyänen oder Büffelherden quer durch die Savanne von Südafrika nach Mosambik und Simbabwe – und hinterlassen Spuren. Die sind hochinteressant, wenn man sie denn lesen kann. Angehende Field Guides lernen das.

Eine Woche dauert der Kurs für die angehenden Ranger. Sie lernen, anhand der Spuren Gefahren zu identifizieren, aber auch herauszufinden, welche Tiere sich wo aufhalten - und warum.

Gehört der Pfotenabdruck im Sand einem Leoparden oder einer Leopardin?
War hier ein Jungtier unterwegs oder ein ausgewachsenes Raubtier?
In welcher Stimmung war der Elefant, als er zum Wasserloch trabte? 


Gekürztes Manuskript zur Sendung: 

Norman ist unterwegs mit einer Gruppe angehender Field-Guides, die später einmal Touristen durch den Busch führen werden. Er soll ihnen in der nächsten Woche die Kunst des Fährtenlesens beibringen. Der Kurs ist Teil ihrer einjährigen Ausbildung.

Norman gehört zum Volksstamm der Makuleke. Er ist im den äußersten Norden des Krüger-Nationalparks am Dreiländereck von Südafrika, Simbabwe und Mosambik geboren und aufgewachsen.

"Wenn du wie ich aus einem Dorf aus der Umgebung stammst, dann beginnst du schon als Kind mit dem Fährtenlesen. Jeder dort hat Kühe oder Ziegen, die sich frei in der Landschaft bewegen. Wenn ein Tier verlore geht, muss man es wiederfinden. Also verfolgt man seine Spur. Die Motivation ist einfach: Wer als Hirtenjunge nicht mit der gesamten Herde nach Hause kommt, wird bestraft. Für den gibt es beispielsweise kein Abendessen."

Rätsel im Sand

Die zwölf Schüler gehen schweigend im Gänsemarsch hinter Norman. Mit ihren Taschenlampen suchen sie den im Morgengrauen noch kaum sichtbaren Pfad. Es geht durch dichtes Dickicht. Auf einer kleinen Lichtung bleibt Norman abrupt stehen. Mit seinem Stock zieht er einen Kreis rund um die erste Spur im Sand. Ein Pfoten-Abdruck. Doch von welchem Tier?

"Das müsste eine Hyäne gewesen sein", vermutet Schülerin Kerry-Lee, nachdem sie den Umriss mit den Zeichnungen in ihrem Lehrbuch verglichen hat. Eine Einbuchtung des Pfoten-Ballens, die asymmetrische Anordnung der Zehen und die winzigen Krallenabdrücke sind erste Indizien. Das unterscheidet eine Hyänenspur zum Beispiel von der eines Leoparden oder eines Löwen. Norman nickt zufrieden. Die nächste Frage ist kniffliger.

"Im Buch sieht das alles so leicht aus"

"Rechte oder linke Pfote?" - Einige seiner Schüler gehen in die Hocke, um die Spur aus nächster Nähe zu betrachten. Entscheidend sind ein winziger Sandhügel und die Länge der Zehen. Kerry –Lee ist beeindruckt.

"Ich hatte mir schon gedacht, dass es knifflig wird, aber das Fährtenlesen ist eine noch größere Herausforderung, als ich dachte. Im Buch sieht das alles so leicht aus. Aber sie sehen anders aus, wenn der Boden hart und trocken oder sandig ist. Manchmal sind Steine und Zweige im Weg. Manchmal ist nur ein Teil der Spur erhalten. Dann kann man eine Hyäne leicht mit einem Leoparden verwechseln. Aber das darf uns später mit Touristen im Schlepptau natürlich nicht mehr passieren."

Die angehenden Field-Guides müssen nicht nur aus Sicherheitsgründen lernen, die Spuren im Sand zu deuten. Sie haben damit auch bessere Chancen, den Touristen die Verhaltensweisen der Tiere zu erklären. Norman hält wieder an: vor den riesigen ovalen Fußabdrücken eines Elefanten. Dazwischen verläuft eine seltsame Schlangenlinie. Nach einigem Rätseln kommen die Schüler darauf: Der Elefant hat seinen Rüssel auf dem Rückweg vom Fluss über den Boden schleifen lassen. Ein Zeichen, dass er nach seinem Bad vollkommen entspannt war.

Norman und Bruce, sein Kompagnon, stehen mit den Schülern mitten in einer grandiosen Landschaft: In der weiten sandigen Ebene zwischen den Flüssen Limpopo und Luvuvu. Dort, wo der Krügerpark an die Nachbarländer Simbabwe und Mosambik grenzt. Zäune gibt es nicht, die Tiere können sich frei über die Landesgrenzen bewegen.

Bruce atmet tief durch:

"Ich liebe es hier in Makuleke. Dieser Teil des Krügerparks ist 24.000 Hektar groß, aber neben unserem Camp gibt es nur zwei weitere Lodges und nur wenige ausgebaute Straßen. Hier fühlt man sich also wirklich noch in freier Wildbahn. Wir haben keinen Handy-Empfang, kein Internet und keinen Strom. Der Generator läuft nur ein paar Stunden am Tag. Ich kann wunderbar ohne all das leben, aber vielen Gästen macht diese Abgeschiedenheit regelrecht Angst." 

Junge Makuleke finden Arbeit im Öko-Tourismus

Während der Apartheid sind die Makuleke zwangsumgesiedelt worden. Erst Mitte der 90er-Jahre bekamen sie ihr Land zurück. Heute werden sie am Umsatz des Ökotourismus beteiligt und junge Makuleke wie Norman und Bruce finden hier Arbeit. Und die hat auch unangenehme Seiten, wie Bruce erzählt: 

"Wir haben hier ein Riesenproblem mit Wilderern. Nashörner und Elefanten werden wegen der hohen Marktpreise des Horns und des Elfenbeins getötet. Dahinter stecken rein kommerzielle Interessen und mächtige Kartelle."

Mit Patrouillen kommen die Ranger nicht gegen diese Interessen an. Kleine Wilderer hingegen erwischen sie häufiger. Aber die, so Bruce, sind nicht das eigentliche Problem.

"Diese Leute stellen Fallen, um ihre Familien zu ernähren. In ihrer Situation würde ich wahrscheinlich das Gleiche tun: Dort drüben verhungern die Menschen und hier läuft all dieses Fleisch frei herum. Diese Art der Wilderei führt nicht zum Aussterben einer bestimmten Art."

Norman hat noch eine besondere Prüfung für die Schüler: Er bleibt neben einem Baumstamm stehen und deutet auf eine Stelle. Alle sollen reihum daran riechen. Keine Diskussion. Auch wenn sich einige etwas zieren. Allgemeines Kichern.

Spuren im Sand gleichen einem Buch

Dann bückt sich Kerry-Lee als erste und schnuppert. Es riecht seltsam, aber gar nicht mal so übel. Der Geruch erinnert an eine Honigwabe. Eine afrikanische Zibetkatze hat hier ihr Revier markiert, indem sie ihren Anus am Holz gerieben hat. Löwen oder Leoparden tun das nicht. Sie markieren den Boden mit Urin. Kerry-Lee überlegt sich, wie sie mit dem neuerworbenen Wissen umgehen wird:

"Natürlich würde man nicht jeden Touristen daran riechen lassen. Aber es ist wirklich interessant, alle seine Sinne einzusetzen. Gerüche ebenso wie jedes Geräusch um sich herum wahrzunehmen und auf alle Hinweise zu achten, die die Tiere hinterlassen. Das kann ein verlassenes Staub-Bad sein, Kot oder die Reste ihrer letzten Mahlzeit. All das hilft dabei die Spuren einzuordnen und ist für mich sogar fast noch faszinierender."

Abends, unter dem sprichwörtlichen Sternenzelt lassen alle noch einmal den Tag Revue passieren. Norman vergleicht die Spuren im Sand mit einem Buch.

"Man schlägt es auf und fängt an zu lesen. Genauso ist es für uns, wenn wir hier im Busch unterwegs sind. Wenn deine Augen entsprechend geschärft sind, entfalten sich hier ganze Geschichten. Man sieht, ob hier junge Löwen gespielt haben, ob ein Rudel auf der Jagd ist oder gerade um die Ecke seine Beute verschlingt. Je mehr man über die Tiere und ihr Verhalten weiß, desto besser."

(huc)

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