Seit 19:05 Uhr Oper

Samstag, 21.09.2019
 
Seit 19:05 Uhr Oper

Fazit / Archiv | Beitrag vom 23.12.2008

Geschichten aus der Provinz

Die unendliche Geschichte des Arp Museums in Rolandseck

Von Christoph Gehring

Podcast abonnieren
Arp Museum (AP)
Arp Museum (AP)

Bei der Einweihung des Arp Museums in Rolandseck im Herbst 2007 wurde mit lobenden Worten nicht gespart. Doch nicht als kultureller Leuchtturm machte das Museum Schlagzeilen, sondern der Dauerzwist mit dem Arp-Verein bestimmte die Schlagzeilen, an dessen Ende ein Arp Museum fast ohne Arp-Werke stand. Ab Januar sollen nun Werke, die UNICEF geerbt hat, in den Räumen zu sehen sein.

"Der einzige Platz für ein neues Museum war oben auf dem Hügel. Wir sind auf dem Gelände herumgelaufen, haben diesen großartigen Blick auf den Rhein genossen und ich sagte: 'Wundervoll! Was für ein Platz für ein Neues Museum!'"

Richard Meier, der Architekt.

"Das Küken kämpft sich aus dem Ei."

Klaus Gallwitz, der Museumsdirektor.

"Die Architektur – und das glaube ich nun wirklich auch nach dem ersten Betreten – ist ein angemessener, wenn nicht geradezu berufener Ort für die Präsentation wichtiger Werke von Hans Arp und seiner Frau."

Angela Merkel, die Bundeskanzlerin.

"Hier machen wir den kulturinteressierten Menschen ein Geschenk, das auf Bundesliganiveau mithalten kann."

Joachim Hofmann-Göttig, der Staatssekretär für Kultur in Rheinland-Pfalz.

Ja, an großen Worten wurde nicht gespart, als das Land Rheinland-Pfalz im Herbst 2007 einen Leuchtturm der Kultur auf dem linken Rheinufer einweihte: Das Museum für das Werk von Hans Arp und seiner Frau Sophie Taeuber-Arp. Den großen Worten folgten große Probleme mit dem kleinen, eingetragenen Arp-Verein, einem verschwiegenen Clübchen wohlhabender Bürger, das behauptete, die Rechte am Nachlass des Künstlerpaares Arp zu besitzen und damit überhaupt erst den Anstoß für das 33 Millionen Euro teure Museum in der Provinz gegeben hatte. Doch dann kamen Zweifel an der Authentizität der Arp-Werke, Zweifel an der Seriosität des Arp-Vereins insgesamt, der doch aus seinem Bestand Dauerleihgaben im Abermillionenwert für das Museum bereitstellen wollte.

"Ich habe kritisiert, dass da Stücke dabei sind, die keine Originale sind, sondern Nachgüsse, dass es von Stücken neue Dinge gibt, die es gar nicht geben darf."

Autor Gerd Reising, der Kunstkritiker.

"Aufgrund dieses Gutachtens, das ich seinerzeit erstellt habe für eine Versicherungsgesellschaft bin ich dahinter gekommen, dass viele Güsse womöglich authentisch, womöglich sogar original waren, aber alle nicht zu Lebzeiten des Künstlers entstanden sind. Und die Wertigkeit des Anlasses, dieses Museum zu gründen, die habe ich kritisch hinterfragt."

Hendrik Hanstein, der Kunstauktionator und Kunstexperte.

"Ich bin nicht bereit, zu diesem Thema weiter Auskunft zu geben."

Maja Stadler-Euler, die Generalsekretärin des Arp-Vereins.

Tatsächlich sprachen am Ende nur noch die Anwälte des Landes und des kleinen, eingetragenen Arp-Vereins miteinander – nämlich darüber, wie man die missglückte Public-Private-Partnership – so nennt man es heutzutage, wenn die öffentliche Hand sich mit privaten Sponsoren zusammentut – wieder auflösen konnte. Das Ergebnis: ein Arp-Museum fast ohne Arp-Werke.

"Wir haben im Land vom Dada-Arp nicht Bedeutendes. Also die Ankäufe, die vor zehn Jahren gemacht worden sind, beginnen im Grunde mit den 30er Jahren. Damit fehlt natürlich ein Bereich, der in Köln besser da ist, der in Berlin auch besser da ist – also da, wo Dada auch gewirkt hat."

Klaus Gallwitz, der Museumsdirektor.

Doch dann, im Spätsommer dieses Jahres, nahte Rettung für das Arp-Museum und seine ambitionierten Förderer aus der Landespolitik: UNICEF, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen beziehungsweise dessen deutsche Sektion mit Sitz im nahegelegenen Bonn, durfte endlich erben. Nämlich die Kunstsammlung des Millionenerben, Armenarztes und Philantropen Gustav Rau, um dessen Nachlass sich die Organisation mit der Familie Rau und mehreren vom Erblasser gegründeten Stiftungen jahrelang erbitterte Schlachten vor Gericht geliefert hatte.

"Wir haben mit der Familie, die ja auch geklagt hatte, haben wir einen Vergleich geschlossen. Das ist erledigt. Mit den Schweizer Stiftungen sind wir im Gespräch, die haben die Hand nicht drauf. Und es gibt noch eine Stiftung, ich glaube ich Liechtenstein, der messen wir keine Bedeutung bei."

Jürgen Heraeus, der Vorsitzende von UNICEF Deutschland.

Nur darf UNICEF die geerbten Kunstwerke bis 2026 weder verkaufen noch im Keller lagern – UNICEF muss die Sammlung öffentlich zeigen. Und deswegen war es irgendwie praktisch, dass gleich südlich von Bonn das Arp-Museum keinen Arp, sondern ziemlich viel Platz hat. Nicht, dass die Sammlung Rau, die sich vor allem auf Werke des 16., 17. und 18. Jahrhunderts konzentriert, irgendetwas mit Arp zu tun hätte. Aber getrieben vom musealen Horror Vacui nahmen die Arp-Verantwortlichen, was sie kriegen konnten – und wenn es Alte Meister sind.

"Wir haben moderne Bestände und versuchen nun, uns den Ursprüngen der Kunst über die letzten sechs Jahrhunderte zuzuwenden. Das finde ich hoch attraktiv."

Joachim Hofmann-Göttig, der Kulturstaatssekretär.

Ab Januar sollen die Kunsttransporte aus dem UNICEF-Depot nach Remagen rollen. Und sie bringen vorrangig Gemälde von Lucas Cranach dem Älteren, von Edgar Degas, von Paula Modersohn-Becker. Die vertragen natürlich kein Tageslicht, weswegen sie in dem prächtigen, lichtdurchfluteten Museumsbau hoch über dem Rhein in Zukunft wohl die Jalousien geschlossen halten und verbannen müssen, was der Baumeister Richard Meier doch als wesentlichen Teil seiner Architektur versteht – das Licht. Wie das dann aussieht, das konnten die Besucher schon bei der Eröffnungsausstellung erleben, als die Jalousien unten bleiben mussten, um das lichtempfindliche Werk von Anselm Kiefer zu schonen.

"Nicht schlecht. Nicht schlecht. Warum ist es so dunkel hier? Weil da die Bilder hängen. An sich wär’s doch ganz schön, wenn es hier hell wäre."

Aber: Man kann eben nicht alles haben.

Kulturpresseschau

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 17Wirtschaftswunder, Winnetou und Wurst?
Olaf Hoerbe als Intschu-tschuna spielt während der Hauptprobe von "Winnetou " auf der Felsenbühne in Rathen, Sachsen. (dpa /  Matthias Rietschel)

Wie reagieren Theater auf veränderte gesellschaftliche Bedingungen in Zeiten des erstarkenden Rechtspopulismus? In einer Umfrage haben 32 Theaterleiter in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen darauf geantwortet.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur