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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.07.2012

Geschichten aus der bäuerlichen Welt

Maurizio Maggiani: "Himmelsmechanik", Edition Nautilus, Hamburg 2012, 342 Seiten

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Maggianis Buch spielt in der italienischen Provinz. (picture alliance / dpa / Frank Baumgart)
Maggianis Buch spielt in der italienischen Provinz. (picture alliance / dpa / Frank Baumgart)

Mit einem furiosen Liebesbrief konnte der Italiener Maurizio Maggiani zwar nicht bei seiner Angebeteten landen – dafür aber bei einem Literaturwettbewerb. Zehn Bücher hat er inzwischen veröffentlicht, sein neustes heißt "Himmelsmechanik".

Maurizio Maggiani ist ein wundersamer Schriftsteller. Er liebt wundersame und abenteuerliche Geschichten, die er in archaisch-epischer Manier miteinander verknüpft, fügt Elemente aus Märchen und Legenden hinzu, ergänzt sie durch Geschichten aus dem Zweiten Weltkrieg von Partisanen und Soldaten der Schwarzen Brigaden und bündelt alles mit einem Handlungsstrang, der in der Gegenwart verankert ist.

So gestaltet sich sein neuer Roman "Himmelsmechanik". Da gibt es den Omo nudo, einen bärenstarken Viehzüchter und begnadeten Fleischer, der in seiner Jugend nach Sachsenhausen deportiert wurde und durch das dort Erlittene bestimmte Eigenarten entwickelte. Da gibt es aber auch Nita, die sinnliche Gefährtin des Ich-Erzählers, die im Alltag ein kleines Unternehmen leitet, fantastische Kekse in Herzform bäckt, als einzige mit dem Omo nudo sprechen kann und schließlich eine entscheidende Reise mit ihm unternimmt. Da gibt es die Mutter des Ich-Erzählers, nach der berühmten Schauspielerin "die Duse" genannt, die ihren Sohn Woche für Woche in Obhut ihrer Freundin Santarellina zurück lässt, um auf die Berge des Apennins zu steigen, wo sie als Lehrerin in einem armseligen Dorf arbeitet. Da gibt es ihre Schüler, die mit den Geistern der Kastanienwälder kommunizieren.

Und das sind längst noch nicht alle, denn Maggiani wartet mit einer Fülle von Figuren und Schicksalen auf, die allesamt mit dem Landstrich der Garfagnana verbunden sind. Am Ende des Geschichtenreigens sind neun Monate vergangen, und Nita steht kurz vor der Niederkunft.

Dass seine Romane manchmal eine leicht kitschige Schlagseite bekommen, kümmert den 61-jährigen Schriftsteller nicht, so wie ihm literarische Moden ohnehin gleichgültig sind. Seine Unbekümmertheit hängt mit der Fülle seiner Berufe zusammen: Maggiani war Gefängnislehrer, Sozialarbeiter, Fotograf, Kameramann, Vertreter für hydraulische Pumpen bis er einer abtrünnigen Geliebten einen geharnischten Brief schrieb, den einer seiner Freunde bei einem Literaturwettbewerb einreichte. Mit Erfolg. Mittlerweile hat er knapp ein Dutzend Romane und Erzählbände verfasst und etliche große Literaturpreise eingeheimst.

In "Himmelsmechanik" driftet der Anfang ab, und fast läuft der versierte Romancier Gefahr, seine geneigten Leser zu verprellen. Allzu wortreich-wollüstig wird dort von der Zeugung des Kindes mit der vor Verführungskraft berstenden Nita berichtet, im Hintergrund läuft die Präsidentschaftswahl von Obama im Fernsehen. Aber als sich dann das narrative Mosaik nach und nach entfaltet und Maggiani geschickt mit der Kunst des oralen Erzählens experimentiert, erobert er uns zurück.

Seine ineinander verschachtelten Geschichten mitsamt ihrer Protagonisten sind gleichermaßen schlitzohrig, lehrreich und anrührend. Der Held scheint angesichts seiner herannahenden Vaterschaft das Gedächtnis der Gegend bewahren zu wollen. Eine Idealisierung der Figuren und ihrer Lebensumstände liegt ihm fern. Wie so oft in Italien ist die bäuerliche Welt ein unerschöpfliches Reservoir.

Besprochen von Maike Albath


Maurizio Maggiani: Himmelsmechanik
Aus dem Italienischen übersetzt von Andreas Löhrer
Edition Nautilus, Hamburg 2012
342 Seiten, 22 Euro

Link zum Thema:
Kritik: Maurizio Maggiani: "Reisende in der Nacht"

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