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Lesart / Archiv | Beitrag vom 10.10.2015

Geschichte einer Flucht aus DanzigHinein in den Modus des bloßen Überlebens

Von Heike Tauch

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Die Altstadt von Danzig, Uferpromenade (Christel Boßbach / Deutschlandradio)
Heute ist Danzig wieder ein Touristenmagnet, im Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt stark beschädigt. (Christel Boßbach / Deutschlandradio)

Es ist noch nicht lange her, da wurde auch in Europa noch geflohen: Wolfgang Kirchner erzählt die Geschichte seiner Familie, die im Zweiten Weltkrieg aus Danzig fliehen musste. Zeitlos und dennoch hochaktuell.

"Am 1. September bewegt sich ein langer Treck von Langfuhr durch die Halbe Allee und um die Danziger Altstadt herum zum Güterbahnhof. Großvater hat vor der Abreise sein letztes polnisches Geld einem befreundeten Bauern gegeben, damit er unser Gepäck auf einem Pferdewagen zum Bahnhof befördert. Viele Danziger, die sich das nicht leisten können, schleppen ihre Koffer und Taschen: Mütter mit kleinen Kindern, alte Leute. Von Weitem sehen wir, was von der Altstadt übriggeblieben ist: Ruinen, schwarz verräuchert."

Cover: Wolfgang Kirchner "Notzeit" (Eigenverlag)Cover: Wolfgang Kirchner "Notzeit" (Eigenverlag)Viele Jahre nach dem Tod der Mutter hatte der Schriftsteller, Drehbuchautor, Übersetzer und Filmdozent Wolfgang Kirchner, Jahrgang 1935, das Tagebuch - oder vielmehr - die hastig hingeworfenen Notizen seiner Mutter gefunden. Geschrieben als kurze, unsentimentale Sätze auf dem wenigen Papier, das sie fand; Gedankenstützen für eine Zeit danach. Und sie wurden es tatsächlich: Wolfgang Kirchner nahm diese Aufzeichnungen als Ausgangspunkt für sein Buch und schrieb sie weiter.

"Wie können die Polen wissen, dass Papa dabei war? Es waren viele dabei, sonst hätten wir den Krieg gegen Polen nicht gewinnen können! Wir haben doch gewonnen, oder?" – "Wenn Papa den Nazis nicht gehorcht hätte", mischt Diti sich flüsternd in unsere Unterhaltung ein, "hätten wir seit sechs Jahren ohne Vater leben müssen. Dann wäre Papa schon 1939 ins Lager gekommen." – "Papa hat eine reine Weste", davon ist Diti überzeugt. Darauf sagt Achim nichts mehr. Ich höre ihn gähnen. Er rollt sich in seine Decke ein, denn es zieht an der offenen Wohnungstür."

Mit feinem Gespür geschichtliche Hintergründe ausgelotet

In "Notzeit" schildert Kirchner die Geschichte einer oder, um genauer zu sein, seiner Familie aus der Sicht eines zehnjährigen Jungen und erinnert dabei an die nicht sehr lang zurückliegende Zeit, als Deutsche auf der Flucht waren und Hilfe nötig hatten und verschweigt dabei nicht, dass und auf welche Weise die Danziger Deutschen sich ihre Situation selbst eingebrockt hatten. Immer wieder werden mit feinem literarischen Gespür die geschichtlichen Hintergründe und Zusammenhänge ausgelotet.

"Warum musste Papa unbedingt in Danzig bleiben?" stöhnt Mama leise. "Warum ist er immer noch in den Dienst gegangen, als schon die Tiefflieger die Leute in den Straßen beschossen? Was war das bloß für ein verrücktes Pflichtbewusstsein?" - "Ach, nun hören Sie endlich auf, Ihren Mann zu bedauern!" klingt es plötzlich ziemlich unfreundlich aus der Ecke, wo Frau Duschau sitzt. "Die ganze Kriegszeit hat Ihr Mann im Warmen gesessen! Meiner war sechs Jahre lang im Krieg, da gab's immerzu Tiefflieger."

Während des Krieges war der Vater in Danzig stationiert, hatte Befehle empfangen und Befehle erlassen. Auch Schießbefehle. Seine beiden Uniformen - die braune der SA und die feldgraue der Wehrmacht – ließ er erst kurz vor dem Einmarsch der Russen durch den zweitältesten Sohn entsorgen. Er will den Russen in Zivil zu begegnen. Als er trotzdem verhaftet wird, muss die strenggläubig katholische Mutter ihre sechs Kinder allein durch die Wirren des Kriegsendes manövrieren. Dies tut sie mit klugem Überlebensinstinkt, hört dabei aber nie auf, ihren Ehemann zu verteidigen. Diese mitskizzierte menschlich schwierige Ambivalenz einer in Blindheit umgeschlagenen Liebe ist neben der historischen Dimension eine der großen Stärken des Buches.

Danzig oder Damaskus?

Es ist gut, dass Wolfgang Kirchner nicht auf die Zusage eines großen Verlags gewartet, sondern den Text jetzt, wo es geboten ist, bei epubli, einer Self-Publishing-Plattform für Autoren, herausgebracht hat. Denn trotz des historisch und geographisch genau verorteten Hintergrunds ist Notzeit ein ebenso zeitloses wie leider hoch aktuelles Buch. Statt in Danzig könnte es auch gut in Damaskus, Asmara oder Kabul spielen.

"Der Junge kann sich nicht benehmen, als ob immer noch Krieg ist", höre ich Irene. "Der Krieg ist vorüber."

Kirchner berichtet von der Ratlosigkeit eines Kindes, das eben noch für den Diebstahl von Broten, Medikamenten oder einem Pferd gelobt wurde und nun, nach der Flucht, plötzlich gescholten wird, weil es ohne zu fragen, das Fahrrad der wohlhabenden Kölner Tante ausgeliehen hat:

"Unterscheiden lernen, was einem gehört und was nicht, damit fängt alle Erziehung an!" höre ich Irene. "Dass es Grenzen gibt!"

Als Leser beginnt man zu ahnen, was es heißt, aus dem Modus bloßen Überlebens überzuwechseln in die Normalität geordneter Verhältnisse - zumal für ein Kind, das geordnete Verhältnisse noch nie wirklich erlebt hat. Notzeit ist ein bewegendes Buch, das anregt, dem Thema Flucht noch einmal aus einer anderen Perspektive zu begegnen und eigene Überzeugungen zur gegenwärtigen Situation neu zu bedenken und möglicherweise zu justieren. 

Wolfgang Kirchner: Notzeit: Vom Überleben in schlechten Zeiten
Epubli 2015
240 Seiten, 12,99 Euro

Mehr zum Thema:

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