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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.02.2007

Geschichte einer Entfremdung

Lou Andreas-Salomé: "Im Kampf um Gott", dtv 2007, 298 Seiten

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Als Prosa-Autorin hat man Lou Andreas-Salomé zu Unrecht vergessen. Ihren Debütroman "Im Kampf um Gott" veröffentlichte sie 1885 mit 24 unter dem Pseudonym Henri Lou und erzählt dessen aufwühlende Geschichte im autobiografischen Rückblick.

1885 erscheint im angesehenen Wilhelm Friedrich Verlag in Leipzig ein Roman mit dem Titel "Im Kampf um Gott". Das Buch wird von einem Verlag herausgegeben, der auch Theodor Fontanes "Schach von Wuthenow", Karl Bleibtreus "Revolution der Literatur" sowie Texte von Bertha von Suttner und Detlev von Liliencron veröffentlicht. "Im Kampf um Gott" ist das Romandebüt eines bislang unbekannten Henri Lou. Der Altphilologe Erwin Rohde urteilt nach der Lektüre, es sei "…wirklich etwas wie es in Nietzsches späten Sachen sich regt, schauriger als der schwärzeste Pessimismus, ein unterdrücktes Weinen".

Bald weiß die interessierte Öffentlichkeit, dass Henri Lou das männliche Pseudonym einer gewissen Louise von Salomé ist, das diese mit Rücksicht auf ihre Familie wählte. Am 11.2.1861 in St. Petersburg als sechstes Kind des deutsch-baltischen Ehepaares Gustav von Salomé und Louise Wilm geboren, wird sie unter dem Namen Lou Andres-Salomé als berühmte Grenzgängerin zwischen Literatur und Psychoanalyse in die Geschichte eingehen. Hochbegabt und den künstlerischen wie wissenschaftlichen Diskursen ihrer Zeit gegenüber aufgeschlossen, nimmt sie als eine der ersten Frauen 1880 ein Studium der Theologie und Kunstgeschichte in Zürich auf. Wenig später arbeitet sie an ihrem literarischen Erstling, dem Roman "Im Kampf um Gott". Rohdes Urteil, es sei "etwas" in ihm, das an den späten Nietzsche denken lässt, basiert auf einem biographischen Hintergrund. Denn Andreas-Salomé stand 1882 einige Monate lang in einem intensiven Dialog mit dem Philosophen, vieles davon ist in ihrem Tautenberger Tagebuch nachzulesen.

Im Romantitel werden rückblickend die Lebensstationen eines einsamen, alten Mannes beschrieben, den in seinem Dorf niemand kennt und zu dem niemand eine Beziehung hat. Von merkwürdigen Gerüchten umgeben, die mit seiner Vergangenheit zu tun haben, gilt er den Bewohnern als "Geisterbeschwörer" und "Zauberer". Wie es dazu gekommen ist, wird aus der Perspektive verschiedener Stimmen rekonstruiert. Als roter Faden zieht sich dabei seine schmerzvolle Entfremdung zu Gott durch die Handlung. Doch obwohl viele Lebensmomente detailliert beschrieben werden, dominieren Dialoge, Monologe sowie essayistisch anmutende Reflexionen den Grundton des Textes. Die sensibel erkundete Einsamkeit und Verkennung des Mannes wird zum Psychogramm einer Zeit, in der die kreativen geistigen und emotionalen Bewegungen eines freien Individuums als Störfaktor empfunden werden, da sie die moralischen und religiösen Satzungen kritisch hinterfragen. Eine Blutspur markiert den Lebensweg des Mannes, da die Frauen, mit denen er als Liebender, Tyrann und Vater verkehrte und auch sein Bruder keinen Halt finden und zugrunde gehen.

Mythen ranken sich um Lou Andreas-Salomé, die als innige Vertraute, streitbare Partnerin und glorifizierte Geliebte an Nietzsches, Strindbergs, Rilkes und Sigmund Freuds Seite aufscheint. Dass sie souverän die eigenen literarischen Themen in kraftvollen Motiven umzusetzen und als singuläre Erscheinung in der Welt der Psychoanalyse zu bestehen wusste, wird dabei gern vergessen.

Rezensiert von Carola Wiemers

Lou Andreas-Salomé Im Kampf um Gott
Roman
Hrsg. mit einem Nachwort von Hans-Rüdiger Schwab
dtv 2007
298 Seiten. 11,50 Euro

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