Seit 01:05 Uhr Tonart

Sonntag, 16.12.2018
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.04.2013

Geschichte einer afrikanischen Trophäe

Mustafa Haikal: "Master Pongo oder Ein Gorilla erobert Europa", Transit Verlag, Berlin, 2013, 128 Seiten

Podcast abonnieren
Keinem Zoo war es vor 1876 gelungen, einen Menschenaffen lebend zu halten und zu zeigen. (AP)
Keinem Zoo war es vor 1876 gelungen, einen Menschenaffen lebend zu halten und zu zeigen. (AP)

Als es 1876 Tierhändler schaffen, einen lebenden Menschenaffen nach Europa zu transportieren, ist das Interesse der Leute groß, das Tier aus erster Nähe zu betrachten. Mustafa Haikal erzählt die Geschichte des ersten lebenden Gorillas in einem Berliner Zoo.

Im Vergleich zu ihm war Eisbär Knut eine Lokalgröße: Nicht nur in Berlin war er ein Superstar und Publikumsmagnet: der erste gefangene lebende Gorilla.

Kaum hatte er deutschen Boden betreten, ging das Gerangel schon los: Wo sollte das Gorillamännchen künftig leben? Von einer regelrechten "Gorillaschlacht" berichtete das Leipziger Tageblatt. Fest stand zwar, dass das Tier aus Gründen der "nationalen Räson" in Berlin sein neues Zuhause finden sollte, aber ob der Zoologische Garten oder das Aquarium Unter den Linden den Sieg davon tragen würde, war ungewiss.

Sicher war nur, dass der Gewinner nicht nur Aufmerksamkeit, sondern vor allem viel Geld auf seinem Konto verbuchen würde. Von Anfang an ging es um hohe Summen: Kaum war das Schiff aus Afrika mit dem Gorillakind in Liverpool gelandet, bot ein Geschäftsmann viel Geld für das Tier, und in Hamburg machte der Tierhändler Hagenbeck das enorme Angebot von 20.000 Mark. "Nie zuvor ist für einen Menschenaffen ein ähnlicher Preis bezahlt worden." Der kleine Kerl war eine Sensation.

Der Leipziger Historiker Haikal erzählt sachkundig und spannend die Geschichte von Master Pongo und von denjenigen, die ihn nach Europa brachten. Juristisch gehörte er der Deutschen Gesellschaft zur Erforschung Äquatorial-Afrikas.

Sie hatte aus fünfzig Bewerbungen acht mutige Männer ausgewählt und ausgestattet, die Afrika bis zum Indischen Ozean durchqueren und vermessen sollten. Die "Loango-Expedition" brachte zwar in dieser Hinsicht keine Resultate, aber sie konnte als großartige afrikanische Trophäe einen lebendigen und munteren kleinen Gorilla vorweisen.

Gewöhnlich wurden die Tiere tot oder sterbenskrank von den Schiffen gebracht. Oder sie kamen überhaupt nur als "Alkoholpräparate" an. Die Erforschung der Menschenaffen berührte im 19. Jahrhundert eine zentrale Frage: Es ging nicht zuletzt um die Abstammung des Menschen, um die umstrittene Theorie von Charles Darwin, der 1855 sein Sensationsbuch veröffentlicht hatte: "Über die Entstehung der Arten". Man brauchte Material, um weiter zu forschen. "Es ist eine gespenstische Szene, wenn die Fässer mit den toten Menschenaffen nach wochenlanger Fahrt über den Ozeanen geöffnet werden. Zum ersten Mal geschieht das 1852 in Paris."

1876 bezieht der kleine Gorilla seine Wohnung im Aquarium Unter den Linden. Er wird versorgt und umhegt, der Besucherandrang ist gewaltig. Ganz Berlin will den Affen sehen, der freundlich und verspielt ist und nichts mit den furchteinflößenden Gorilla-Abbildungen zu tun hat, die man kennt. Er gilt bald als " populärster Bewohner der deutschen Reichshauptstadt", und das Aquarium verzeichnet einen Besucherrekord.

Der Autor zeichnet in diesem bebilderten Band den Tagesablauf nach, die Reise nach London, wohin man den Gorilla für viel Geld ausgeliehen hatte - und dann die Stunde der Wissenschaftler, die am 14. November 1877 die Obduktion vornahmen. Master Pongo (oder M'Pungu) war überraschend gestorben. Ein Schock nicht nur für den Aquariumsdirektor (der Kurs der Aktiengesellschaft gibt sofort um drei Prozent nach), der am Abend zuvor noch Fieber gemessen hatte.

Ein Jahr und neunzehneinhalb Wochen hat der Affe gelebt und damit (und vor allem angesichts der fleischhaltigen Nahrung für den Vegetarier) "eine bemerkenswert lange Zeit in Europa verbracht".

In den zoologischen Gärten findet man in den folgenden Jahrzehnten nur selten Menschenaffen. "Auch die Erforschung der Gorillas macht nur zögernde Fortschritte. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erfährt die Öffentlichkeit durch die Feldstudien von Goerge Schaller und Dian Fossey Genaueres über das natürliche Verhalten der Tiere."

Besprochen von Manuela Reichart

Mustafa Haikal: Master Pongo oder Ein Gorilla erobert Europa
Transit Verlag, Berlin, 2013
128 Seiten, 16,80 Euro

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Gefährlicher Naturschutz
Die Letzten ihrer Art

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur