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Fazit / Archiv | Beitrag vom 25.10.2005

Geschichte des Sehens und der Wahrnehmung

Ausstellung "Schaulust. Sehmaschinen, optische Theater & andere Spektakel" in Hamburg

Von Anette Schneider

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In der Ausstellung "Schaulust. Sehmaschinen, optische Theater & andere Spektakel" im Altonaer Museum in Hamburg alles um Illusionen und Imaginationen, um die Geschichte des Sehens und der Wahrnehmung. Aus der weltweit bedeutendsten Sammlung zur Entwicklung optischer Bilder werden insgesamt 1000 Objekte gezeigt, darunter Schattenspiele, Zerrspiegel und Städtepanoramen.

Seit vier Jahrzehnten sammelt der Filmemacher und Regisseur Werner Nekes alles, was mit der historischen Entwicklung optischer Bilder zu tun hat, ist er weltweit auf der Suche nach den Vorstufen von Fotografie und Film. 25.000 Objekte nennt er mittlerweile sein Eigen. Bärbel Hedinger, Leiterin des Altonaer Museums, hatte nun die Chance, aus dieser Sammlung die bisher größte Ausstellung zusammenzustellen.

Hedinger: "Es gibt über 1000 Objekte zu sehen, es sind Maschinen, es sind Grafiken, es sind Apparaturen, es ist wissenschaftliches Gerät, es sind Bilder, es sind Videos, Filme, bis hin zu einem Skopitone, das ist ein Gerät, das zugleich Film und Musik produziert, wie man es in den 50er Jahren hatte."

Für die 1000 Objekte aus fünf Jahrhunderten wurde das gesamtes erste Stockwerk des Museums leer geräumt, dunkelblau gestrichen und dezent beleuchtet. Die Räume wirken geheimnisvoll, und der Besucher wird in eben die geheimnisvolle und vertrackte Welt des Sehens entführt: da gibt es indische Schattenspiele, Wundertrommeln, die Kamera Obskura und Laterna Magika, Vexierbilder, Grafiken und Kupferstiche, die die jeweilige historische Entwicklung dokumentieren oder karikieren, es gibt erotisches Daumenkino und frühe Fotografien.

Quer durch die Jahrhunderte fragen Menschen dabei immer wieder nach dem Verhältnis von Sehen und Wahrnehmen, erfinden optische Tricks, Illusionen und Imaginationen - suchen sie nach einer Antwort auf die Frage: Was ist eigentlich wirklich?

Werner Nekes: "Man könnte schon sagen, das so um 1500 die allgemeine Reflektion der Erkenntnis beginnt, dass man sich fragt: was ist die Wirklichkeit? Ist es das, was ich sehe? Oder ist es das, was reflektiert wird. Insofern gelangt man wenig später zu dem Memento Moris von Holbein, wo sich der Skellettkopf nur aus einem gewissen Seitenwinkel entschlüsselt. Und gerade in den Klöstern der Menim oder Benediktiner hat man sich sehr mit solchen eher philosophischen Fragen auseinandergesetzt, die ihren Niederschlag fanden in visuellen Gestaltungen wie Riefelbilder."

Mit diesen Riefelbildern eröffnet die grob chronologisch geordnete Ausstellung. Bemalte, eng nebeneinander stehende Holzstäbe zeigen dem Betrachter da je nach Standort etwas anderes: etwa von vorn einen Jesuskopf, von rechts einen Mönchskopf. Zur selben Zeit, so Werner Nekes, ließen besorgte Pfaffen das Volk aus rein pädagogischen Gründen auch schon mal in Guckkästen blicken...

"Die Leute sollten von der Kirche erschreckt werden, nicht so viel zu sündigen, sich auf ein künftiges Leben im Himmel vorzubereiten, insofern hat man sie konfrontiert mit Bewegungen, mit Bildern, die sie noch nie gesehen haben, aber auch mit vielen Skeletten und Dämonen - und das war natürlich sehr schrecklich für das damalige Publikum der Zeit."

Die meisten der von Renaissancegelehrten und Mönchen ausgehenden physikalischen und optischen Erkenntnisse blieben lange Zeit dem Adel vorbehalten: Nur er konnte sich die Zauber-Schreckens-Kästen leisten, wie die Laterna Magika genannt wurde, die scheinbar magisch aus Licht Bilder schuf, die auf einer Wand zu sehen waren.

Fasziniert war man auch vom Spiegel als optischer Trickser: kleine und große Zerrspiegel fehlten an keinem Hof. Auch in der Ausstellung wird der Besucher immer wieder mit ihnen konfrontiert und kann seiner Lust am Grotesken frönen.

Eher für's intime Kabinett waren die Anamorphosen gedacht: Das sind kleine auf Holz oder Pappe gemalte, stets rund angelegte und verzerrte Bilder. Stellt man in ihre Mitte einen zylindrischen Spiegel und sucht ein bisschen mit den Augen, entzerrt sich das Bild - meist erscheinen dann kleine erotische Szenen. Mit Französischer Revolution und der Bildung eines Bürgertums fanden vor allem Laterna Magika und andere Bildvorführgeräte Eingang in neue Kreise.

Bärbel Hedinger: "Es werden viele Zirkel gebildet, in denen sich viele Fachleute versammeln und treffen und forschen, zu unterschiedlichsten Themen. Und eines dieser Lieblingsthemen ist eben auch die Physik und ist auch die Vorführung von Bildern. Laterna Magikas, Kamera obskuras, es gibt Vorführgeräte für Bilder. (...) Und in diesen hinterlichteten Apparaten wurden zuhause oder im gelehrten Kreis Bilder vorgeführt von fernen Ländern."

Rom, der Petersdom, Venedig, chinesische Tempel - erstmals konnten sich Menschen ein Bild von der Welt machen! Die Verbreitung des Mediums schritt nun rasch voran: Bald schon tauchte die Kamera Obskura auf Jahrmärkten auf und jedermann konnte sich Bilder angucken.

Die wachsende Kaufkraft des Bürgertums animierte zu immer neuen Erfindungen: 1833 entwickelte William George Horner die Wundertrommel, die bereits richtige Bildsequenzen zeigt: Im Innern einer mit Sehschlitzen versehenen Trommel kleben nebeneinander viele kleine Bilder. Bringt man die Trommel zum drehen, scheint ein Film abzulaufen: endlos springt da ein Frosch aus einem Glas in das nächste. Oder ein Monster reißt ständig sein Maul auf. - Noch 15 Jahre weiter - und die Fotografie wird erfunden.

Auf umfangreiche didaktische Erläuterungen verzichtet die Ausstellung - sie lässt die Besucher lieber zahlreiche optische Tricks, Guckkästen und Vexierbilder selbst ausprobieren, andere Objekte werden von Werner Nekes auf amüsante Weise in kurzen Videofilmen vorgeführt. So gelingt der Ausstellung trotz ihrer Fülle eine wahrhaft kurzweilige Zeitreise durch die historische Entwicklung optischer Medien, die unauffällig daran erinnert, dass es bewegte Bilder ebenso wie die Fragen nach dem Verhältnis von Wahrnehmung und Wirklichkeit schon lange vor unserer massenmedialen Zeit gegeben hat.


Service:
Die Ausstellung "Schaulust. Sehmaschinen, optische Theater & andere Spektakel" ist bis zum 1. April 2006 im Altonaer Museum in Hamburg zu sehen.

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