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Zeitfragen | Beitrag vom 10.02.2021

Geschichte des KlimawandelsAls der Kalte Krieg die Umweltforschung voranbrachte

Von Tim Schleinitz

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3D-Illustration der Erde (IMAGO / CHROMORANGE)
Auch der Blick von Astronauten auf die Erde brachte mehr Bewusstsein für globale Umweltprobleme mit sich. (Illustration) (IMAGO / CHROMORANGE)

So unversöhnlich sich die Staaten im Kalten Krieg gegenüberstanden: Durch die Aufteilung der Welt in zwei Lager wurde der Blick für globale Probleme geschärft. Damals geriet auch das Klima in den Blick der Forschung.

7. Dezember 1972: Die letzte bemannte Mondmission Apollo 17 befindet sich Zehntausende Kilometer über der Erde. Von hier oben scheint sie wie ein zerbrechliches bisschen Blau. So beschreibt es der Astronaut Jack Schmitt gegenüber der Missionsleitung. Er macht eines der bis heute am meisten reproduzierten Bilder: die Blue Marble. Unser Planet als fragile blaue Murmel im Schwarz des Alls.

Die Erde – zerbrechlich und schützenswert

Das machte und macht immer noch nachdenklich, findet Birgit Schneider. Sie ist Professorin für Medienökologie an der Universität Potsdam und hat 2018 den Band "Klimabilder" über die bildhafte Darstellung des Klimawandels veröffentlicht.

"Und eigentlich ist es dann auch dieses Bild, was dann zur Ikone des Klimawandels wurde. Weil es genau diese Botschaft mit vermittelt: Die Ökologie dieser Erde, dieses lebenden Planeten ist ganz fragil und besonders. Und was wir ja sehen bei der Blue Marble sind die Wolkenbänder, ist die Atmosphäre, die diesen Planeten so besonders macht."

Und daher besonders schützenswert – so die Botschaft, die dem Bild eingeschrieben wurde. Doch die Vorstellung eines globalen Klimas ist abstrakt: Unsere Erfahrung ist an unseren Aufenthaltsort gebunden. Da helfen starke Bilder.

Der Klimawandel – erst nur ein Thema für die Forschung

Aber lange bevor Klimafragen in Politik und Zivilgesellschaft verhandelt wurden, sagt Birgit Schneider, "ist das natürlich in der Wissenschaft erforscht worden. Und ist wirklich über Jahrzehnte auch dort geblieben. Bereits im 19. Jahrhundert haben Physiker nachgewiesen, dass es einen Treibhauseffekt gibt, der auch durch Emissionen von CO2 verändert werden kann. Ob das aber wirklich ein Problem wird, das war eine Frage, die dann lange gar nicht behandelt wurde."

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Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war nämlich eher die Idee einer drohende Eiszeit verbreitet. Auch war durchaus umstritten, ob es überhaupt ein globales Klima gibt, das sich durch Menschen beeinflussen lässt. Für die Beantwortung dieser Fragen fehlte es schlicht an vergleichbaren Daten, an Techniken und Methoden zu ihrer Erhebung und Auswertung. Doch im Fach wurde stets international gedacht, betont Birgit Schneider.

"Es gab unter den Meteorologen und Klimatologen diesen Traum einer globalen Wetterdatenstruktur: Dass man kooperativ arbeitet und Informationen austauscht, weil sonst auch Meteorologie keinen Sinn macht. Weil eben die Tiefdruckgebiete keinen Halt machen an Grenzen."

Einen Ausdruck fand der Austausch bereits 1873 in der Internationalen Meteorologischen Organisation, die 1950 in der Weltorganisation für Meteorologie der Vereinten Nationen aufging. Ausgerechnet der Kalte Krieg sorgte nun für die nötige finanzielle Förderung der Wetterforschung – und trug damit maßgeblich bei zur Entstehung der modernen Klimatologie.

Atmosphären- statt Klimaforschung

Das hatte aber zunächst keine ökologischen Gründe, erklärt Pascal Pawlitta. Er ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der RWTH Aachen und forscht im Projekt "Geschichte der Nachhaltigkeiten" zur Politisierung der Klimadebatte.

"Klimaforschung kann man es zu dieser frühen Zeit eigentlich noch nicht nennen, sondern eher Atmosphärenforschung. Das Ganze hing damit zusammen, dass man Wetterdaten, Klimadaten beispielsweise auch für militärische Zwecke brauchte, in der Schifffahrt, für Flugzeuge und so weiter."

Eines der Ergebnisse war 1957 der Beginn der bis heute andauernden Messreihen des Chemikers Charles Keeling auf dem hawaiianischen Mauna Loa Vulkan. Kombiniert mit sowjetischen Ergebnissen zur Erdgeschichte des Klimas zeigte die berühmte Keeling-Kurve erstmals eindeutig: Es gibt einen menschengemachten CO2-Anstieg in der Atmosphäre.

Klimawandel als Problem in den 70ern erst erkannt

Es sollte aber bis in die 1970er-Jahre dauern, bis das als Problem identifiziert wurde. Wirtschaftswachstum und technischer Fortschritt sorgten in den 50er- und 60er-Jahre für eine allgemeine Euphorie. Die wurde nun gedämpft durch extreme Wetterereignisse und Wirtschaftskrisen. Und breitenwirksam postulierte die berühmte Studie des Club of Rome 1972 "Die Grenzen des Wachstums". Eine Verbindung zwischen Klima- und Umweltfragen wurde aber immer noch vor allem von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern hergestellt.

Vielen ging es nun vermehrt darum, "Wissen für die Politik bereitzustellen, für Planungsprozesse und so weiter, einfach um die Verletzlichkeit des Menschen gegenüber Klimaveränderungen zu verringern. Es ist aber so, das grade so in den 70er-Jahren Klima primär als Ressource verstanden wurde. Mit dem Hintergrund, dass sie ja für Infrastrukturprojekte und so weiter geschützt werden muss."

Vom Expertinnenthema zum politischen Problem

In den USA, aber auch der UdSSR gab es sogar optimistische Stimmen, sagt Melanie Arndt, Professorin für Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte an der Universität Freiburg.

"Wenn man an die ganzen Permafrostböden denkt, hat man bis heute, also heute wieder verstärkt die Idee, dass natürlich ein bisschen Klimawandel dem Land sehr guttun würde, weil man dann eben sehr viel größere landwirtschaftliche Anbauflächen hätte."

Doch in den 1980er-Jahren findet eine Neubewertung der Bedrohungslage statt. Neue Erkenntnisse und ein stärkeres ökologisches Bewusstsein brachten viele Klimatologinnen und Klimatologen zur Überzeugung: Es muss politisch gehandelt werden für den Klimaschutz. Auch wenn noch einige Unsicherheiten bestehen. Das Klimathema war nun endgültig kein reines Expertinnenthema mehr. Birgit Schneider stellt fest:

"Für Deutschland kann man das auch wirklich datieren. Das war 1986 dann erst, dass die Physikalische Gesellschaft an die Politik herangetreten ist – das war eigentlich ein Ausschuss, der sich mit der Frage der Energie beschäftigt hat – und gesagt hat: Hier kommt was sehr Riskantes auf uns zu, das ist die Klimakatastrophe, vor der wir euch warnen."

Die Medien greifen das Thema in voller Breite auf – nicht nur in der Bundesrepublik. Auch in der UdSSR boomten Umweltthemen in der "Ökostroika" ab 1989. Doch der Zusammenbruch der Sowjetunion beendete diese Diskussionen abrupt, und Bezüge zum Weltklima wurden kaum hergestellt.

Nicht sichtbar, nicht leicht vermittelbar

Sogar für westliche Umweltbewegungen stellt Pawlitta fest, "dass klassische Umwelt-NGOs, beispielsweise Greenpeace, das Klimathema relativ spät entdeckt haben. Das heißt also, dass die erst Ende der 80er, häufig sogar erst in den frühen 90er-Jahren auf das Thema aufgesprungen sind."

Denn die Mobilisierung ist schwieriger als etwa für den sterbenden Wald im Erzgebirge. Wie soll man sich für etwas einzusetzen, das nicht unmittelbar zu beobachten war – und zudem die Änderung von Lebensstil und Wirtschaftsweise erfordern könnte, sagt Pawlitta:

"Das Gegenargument war dann letztlich: Na ja, die wissenschaftlichen Unsicherheiten sind noch zu groß, um überhaupt politische Maßnahmen zu rechtfertigen, die möglicherweise sehr, sehr weitreichend sind, die extrem viel kosten können und die der Wirtschaft schaden."

Klimapolitik auf der weltpolitischen Bühne

Trotz durchaus wirksamer Lobbyarbeit stieg der öffentliche Druck auf nationale Regierungen. Diese Dynamik findet international ihre vorläufigen Höhepunkte in der Gründung des Weltklimarates der Vereinten Nationen 1988 sowie in ihrer Klimarahmenkonvention von 1992. Damit war die Klimafrage auf der weltpolitischen Bühne angekommen.

Aus dem All betrachtet sehen wir schließlich auch keine Grenzen auf unserer wolkenbedeckten Blue Marble. Aber die Betrachtung des Klimawandels als Menschheitsproblem verdeckt auch allzu leicht, dass vor allem der globale Norden die Klimakrise auslöste.

Über 20 Jahre später ist die Debatte durch Fridays for Future aktualisiert worden – zwar in neuer Qualität, aber immer noch auf Basis bekannter Argumente, etwa Wissenschaftlichkeit, Generationengerechtigkeit und drohender Gefahr. Birgit Schneider:

"Das ist etwas, das wir immer wieder seit den 60er-, 70er-Jahren hören können. Und da ist man als Historikerin zum Teil auch irritiert darüber, wie gleichbleibend diese Rufe sind und diese Warnungen. Also weiterhin die Frage: Wie kann man die Erkenntnisse, die Warnungen und die Empfehlungen der Wissenschaft wirklich in politische Institutionalisierungen überführen?"

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