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Religionen / Archiv | Beitrag vom 05.02.2017

Geschichte des JudentumsZwei Götter im Himmel?

Peter Schäfer im Gespräch mit Kirsten Dietrich

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Ein Blick über Jerusalem mit der Klagemauer und der Al-Aksa-Moschee auf dem Tempelberg. (AFP / Ahmad Gharabli)
Ein Blick über Jerusalem mit der Klagemauer und der Al-Aksa-Moschee auf dem Tempelberg. (AFP / Ahmad Gharabli)

Der Monotheismus ist in der hebräischen Bibel weniger stark, als man gemeinhin annimmt, meint der Judaist Peter Schäfer, Direktor des Jüdischen Museums in Berlin. So fänden sich dort viele Hinweise auf Vorstellungen einer göttlichen "Zweiheit".

Kirsten Dietrich: Verständigung – die ist bei Fragen religiöser Identität besonders schwer. Eine dieser Grundfragen ist die nach dem Gottesbild. Gerade heute scheinen Gottesbilder viel starrer und alternativloser, als sie es über Hunderte von Jahren waren. Prominentes Beispiel dafür: der jüdische Monotheismus, der Glaube an den einen Gott. "Der Herr ist einzig", heißt es im Sch’ma Israel, dem zentralen Gebet. Wirklich?

Peter Schäfer, im Hauptberuf Direktor des Jüdischen Museums Berlin, aber von Haus aus und natürlich immer noch ein äußerst renommierter Judaist, forscht schon lange über Texte aus der Bibel und darüber hinaus, die das glatte Gegenteil zu behaupten scheinen. "Zwei Götter im Himmel" heißt denn auch sein neuestes Buch zum Thema, erschienen letzte Woche, und es lädt zu einem genauen und sehr erhellenden Blick in überlieferte Schriften ein. Ich habe Peter Schäfer vor der Sendung gefragt, wie er denn Monotheismus definiert.

Peter Schäfer: Ja, das ist ja ein Begriff, der eigentlich relativ spät erst überhaupt eingeführt worden ist. Es ist ein Kunstbegriff. In der Antike wird nicht von Monotheismus gesprochen. Es ist ein Kunstbegriff der Religionswissenschaft, der versucht, darauf abzuheben, dass es eben zu bestimmten Zeiten nur … oder den Wunsch gegeben hat, einen Gott zu haben.

Dann gibt es verschiedene Bilder, wie sich diese Idee entwickelt und durchgesetzt hat, dass es eben in vielen Schritten vor sich gegangen ist. Das setzt voraus, dass der Glaube an den einen Gott ein Ideal ist, eine Idealvorstellung ist und sozusagen das Höchste der religiösen Gefühle ist. Und damit, glaube ich, sind schon sehr viele Vorurteile eigentlich in dem Begriff Monotheismus mit enthalten, die der Wirklichkeit in keiner Weise entsprechen.

Der Monotheismus als höchste Stufe der Religion?

Dietrich: Das heißt, da ist zum Beispiel ein Fortschrittsdenken mit im Religionsbegriff drin, und der Gedanke, dass eine Religion eigentlich gar nicht anders … oder dass Menschen, die religiös sind, gar nicht anders wollen können als nur einen Gott zu haben?

Schäfer: Das ist völlig richtig, das ist Fortschrittsdenken, ein evolutionistisches Denken. Die Religion entwickelt sich von primitiven, niedrigen Stufen zu immer höheren Stufen, höheren Stufen der höheren Geistigkeit, und die höchste Stufe ist der Monotheismus. Das ist ein Konzept, das im 19. Jahrhundert ganz besonders viele Anhänger gefunden hat und sich auch da besonders durchgesetzt hat und das, wie gesagt, für die Antike in keiner Weise zutreffend ist.

Dietrich: Das Judentum und auch der Islam, aber der kommt zeitlich erst nach der Periode, über die wir jetzt reden wollen, und deswegen soll er hier jetzt nicht Thema sein … Das Judentum galt ja immer als so das Paradebeispiel für den Monotheismus, eben anders als das Christentum mit seinem ganz schwer verständlichen Konstrukt der Trinität Gottvater, Sohn und Heiliger Geist. Im Judentum ist alles klar, das Judentum zeigt auch in der Auseinandersetzung, die in der Bibel gespiegelt ist, mit seiner Umwelt, wie sich eben der Glaube an den einen Gott durchsetzt. Aber selbst da ist es nicht so?

Schäfer: Und da ist es ganz bestimmt nicht so, und da ist es schon in der hebräischen Bibel nicht so, die hebräische Bibel, die die Christen das Alte Testament nennen. Da ist es ganz gewiss nicht so. Wenn wir die hebräische Bibel genau lesen, können wir sehen, dass es einen ständigen Kampf, ein ständiges Hin und Her gegeben hat zwischen dem Impuls, den Glauben an den einen Gott durchzusetzen, und auf der anderen Seite Gegenkräften, die keineswegs mit diesem Glauben an den einen Gott zufrieden und einverstanden waren.

Wenn wir uns die Bibel genauer angucken, dann sehen wir zum Beispiel, dass dieser Gott eine weibliche Gottheit neben sich gehabt hat, die Aschera, die kommt häufig vor. Dass man versucht hat, diese weibliche Gottheit auszumerzen – nicht sehr erfolgreich. Dass man Baal als Gott, als jüngerer Gott neben dem alten Gott hatte und das versuchte zu installieren. Und dass man sich dagegen gewehrt hat und das auch noch immer funktioniert hat. Also, schon die hebräische Bibel ist keineswegs einhellig und immer unisono auf dem Weg, dem Heilsweg zu dem einen Gott gewesen.

Die Zerstörung des zweiten Tempels in Jerusalem als Trennlinie

Dietrich: Sie suchen nach den Spuren dieser göttlichen anderen Kräfte in einer sehr langen Periode, die reicht von der hebräischen Bibel, also Jahrhunderte vor der Zeitenwende, bis zum Ende der klassischen rabbinischen Periode des Judentums, Mitte des 7. Jahrhunderts, also eine ganz große Epoche mit einer ziemlich klaren Trennlinie in der Mitte, nämlich die Zerstörung des zweiten Tempels in Jerusalem, im Jahr 70 unserer Zeit.

Schäfer: Richtig.

Dietrich: Schauen wir also erst mal die erste Hälfte dieser Zeit, vom Ende des sogenannten Babylonischen Exils und die Wiedererrichtung des Tempels, gut 500 Jahre vor unserer Zeit. Sie sagen, da gibt es eben eine Vielfalt an Vorstellungen über göttliche Mächte. Fängt das schon an bei den unterschiedlichen Namen, die für Gott in der hebräischen Bibel verwendet werden? Also Elohim auf der einen Seite und die vier Buchstaben JHWH auf der anderen Seite?

Schäfer: Jod, He, Waw, He, völlig richtig. Das sind ja die beiden berühmten Gottesnamen, der unaussprechliche Gottesname, das Tetragramm, Jod, He, Waw, He, und der Gottesname Elohim. Nun, wie soll ich sagen, wie es das philologische Unglück hat, ist der Gottesname Elohim sprachlich ein Plural. Und die Gegner der Juden und dann … also die Griechen und Römer und dann auch die Christen, haben das sehr wohl gewusst und haben sich das auch zu Nutze gemacht und haben gesagt: Was wollt ihr Juden eigentlich mit euerm einen Gott? Euer einer Gott heißt Elohim, und Elohim ist Plural, also habt auch ihr mehrere Götter! Wir haben viele Diskussionen in vielen Schriften über dieses Problem, und was ist die Antwort der klugen Rabbinen darauf? Ja, das ist zwar richtig, aber das dazugehörige Verb ist immer im Singular!

Ich zitiere den ersten Vers der hebräischen Bibel: "Am Anfang schuf Gott …" "Gott" ist Elohim, Plural, aber "schuf" ist Singular. Also ist es trotzdem ein Gott. Leider haben die Gegner der Rabbinen, oder mit wem immer sie jetzt diskutiert haben, die Bibel auch gut gekannt und haben sofort darauf hingewiesen, dass manchmal das Verb auch im Plural ist. Also, auch das ist nicht so einfach. Also, in der Tat: Elohim ist Plural. Dann das andere, das Tetragramm, ist ja eigentlich nicht aussprechbar. Man sagt dafür Adonai auf Hebräisch, Adonai. Adonai ist eigentlich auch ein Plural. "Mein Gott", aber eigentlich ein Plural. Also, sogar sprachlich ist die Sache nicht so einfach, wie man es manchmal gerne hätte.

Viele Hinweise auf Vorstellungen von einer göttlichen "Zweiheit"

Dietrich: Überall diese Plurale!

Schäfer: Ja!

Dietrich: Wobei, es geht ja selten um, dass da so ein ganzes Pantheon an Göttern inszeniert werden würde, sondern es geht mehr um Gott und daneben noch eine andere quasi-göttliche Macht, das sind oft zwei. Sie verwenden dafür den Begriff binitarisch.

Schäfer: Ja.

Dietrich: Das ist ein bisschen schwieriger Begriff, der klingt … Also, für mich als Christin klingt das ein bisschen an trinitarisch an, eben an dreieinig. Ist das deswegen ein guter Begriff?

Schäfer: Nein, aber ich weiß keinen besseren. Binitarisch ist ein Kunstwort, völlig richtig, habe auch nicht ich erfunden. Und es ist natürlich in Anlehnung an trinitarisch gebildet worden. Eine Zweiheit von Göttern. Wenn mir jemand ein besseres Wort liefert, bin ich gerne bereit, das zu benutzen. Es ist ein Kunstwort. Ja, es versucht, auszudrücken die Vorstellung, dass auch im Judentum neben der Idee des einen und einzigen Gottes sich an vielen Stellen und in vielen Schriften Hinweise finden, dass man neben diesem einen und einzigen, in der Regel auch älteren, alten Gott sich einen zweiten, jungen, jüngeren Gott, oder besser vorsichtiger: göttliche Gestalt, ich sage manchmal auch vorsichtig: quasi-göttliche Gestalt vorgestellt hat und auch vorstellen wollte.

Dietrich: Diese Gestalt hat viele Namen und viele Erscheinungsformen, Menschensohn ist ein ganz berühmter, angelehnt an das Daniel-Buch, das Prophetenbuch, oder auch die Weisheit. Ein Beispiel ist auch der Patriarch Henoch, der sein, finde ich … hat eine ganz faszinierende Überlieferungsgeschichte, weil von Henoch in der hebräischen Bibel ja eigentlich nur ganz wenig erzählt wird. Im Fünften Kapitel der Genesis, also ganz am Anfang der Bibel, steht, dass es ihn gab, wie alt er war, als sein Sohn gezeugt wurde, wie viel Jahre er dann noch lebte, und dann das eigentlich Spannende und, was ihn dann von allen anderen unterscheidet, die in solchen Genealogien stehen, ist, dass eben nicht da steht, dass er gestorben ist.

Schäfer: Richtig. Bei allen anderen Erzvätern oder Patriarchen steht: Und er starb. Und bei Henoch steht: Und er war nicht mehr, denn Gott hat ihn weggenommen. Und das ist in der Tat der Auslöser, der diese ganze Lawine fast von möglichen Vorstellungen hervorgerufen hat: Ja, was ist denn mit ihm geschehen? Was ist denn aus ihm geworden? Und das beginnt in der Tat mit der Auslegung dieses kleinen biblischen Stückes aus dem Buch Genesis.

"Du, Henoch, bist der Menschensohn"

Dietrich: Was ist aus Henoch geworden?

Schäfer: Henoch ist dann in der nachbiblischen Literatur derjenige geworden, der in den Himmel aufgestiegen ist, der dort Gott geschaut hat, der dort den himmlischen Tempel geschaut hat, Gott im himmlischen Tempel geschaut hat. Henoch ist ein Mensch, der dort in den himmlischen Tempel sieht und Gott dort inthronisiert, im himmlischen Tempel sitzen sieht. Er ist also ein besonderer Mensch, denn er ist ja noch nicht gestorben. Henoch wird dann transformiert. Und das Spannende ist: Es gibt mehrere Henoch-Bücher, ich brauche nicht im Einzelnen zu sagen, es gibt drei davon. In dem ältesten Henoch-Buch passiert dann das, dass es plötzlich heißt, dass diesem Henoch, der da den himmlischen Tempel sieht, dass da aus dem himmlischen Tempel eine Prozession kommt, angeführt von Gott und von all seinen Engeln, und dann Gott zu ihm sagt: Und du, Henoch – wohl gemerkt: Der Mensch, der da aufgestiegen ist –, du, Henoch, bist der Menschensohn.

Und damit meint er den Menschensohn aus dem Buche Daniel, der – muss man wissen – im Buche Daniel eben eine halbgöttliche zweite, jüngere göttliche Gestalt ist. Das heißt, plötzlich wird der Mensch Henoch in diesem Henoch-Buch zum zweiten Gott erhoben, Gott selbst deklariert, verkündet ihm: Du bist der Menschensohn, das heißt der zweite Gott neben mir, der Messias – das gehört mit dazu –, der sein Volk Israel erlösen wird. Das heißt, Henoch wird in einer unglaublichen Weise erhöht, er ist nicht nur im Himmel als Mensch, sondern er wird – ich denke, das darf man sagen –, er wird vergöttlicht.

Dietrich: Bedeutete das für solche Vorstellungen einen Schnitt, als … mit dem Jahr 70 nach unserer Zeit auf der einen Seite der Tempel zerstört war und das Judentum sich vollkommen neu orientieren musste und auf der anderen Seite allmählich sich das Christentum als eine nicht nur jüdische Untergruppe, sondern als eine eigenständige Religionsgemeinschaft formierte?

Schäfer: Ja. Das dauerte ja nun einige Zeit mit der eigenständigen Religionsgemeinschaft. Eines meiner Themen, mit denen ich mich ja sehr intensiv befasst habe, in diesem Buch weniger, aber in anderen Büchern, ist ja der lange Zeitraum, in dem sich Christentum und Judentum auseinanderdifferenziert haben. Aber in der Tat, da ist ein Schnitt. Man muss sich das mal vorstellen: Das Judentum hat diese Tradition eines vergöttlichten Menschen, der neben Gott im Himmel ist, inthronisiert ist. Und dann kommt diese neue, wie ich lieber sage: Schwesternreligion, das Christentum und sagt: Ja, wir haben den, wir kennen den, wir wissen, wer das ist, das ist Jesus, Jesus von Nazaret, unser Jesus, unser Messias, der ist das! Das ist dann ein Problem, in der Tat. Wie haben dann die Juden – das ist jetzt das rabbinische Judentum –, wie haben die darauf reagiert?

Ein vergöttlichter Mensch wird als "der kleine Gott" bezeichnet

Und wir können ganz genau sehen, wie sie darauf reagiert haben. Es gibt eine Auslegung zu genau dem Bibeltext, den Sie eben zitiert haben über Henoch, wo Henoch degradiert wird, wo die Rabbinen, die Mehrheit des Judentums dieser nach- oder frühchristlichen Zeit diesen Henoch degradiert und sagt: Nein, mit diesem Henoch wollen wir nichts zu tun haben, der Henoch war in Wirklichkeit ein Frevler und der war kein besonders guter Mensch. Und deswegen hat Gott ihn schnell weggenommen, bevor er noch größere Dummheiten anrichten konnte sozusagen. Also, er wird depotenziert. Das heißt, die Mehrheit der Rabbinen wollte mit ihm nichts mehr zu tun haben, und das ist genau die Haltung, die wir jetzt erwarten würden, nachdem das Christentum ja diese Vorstellung usurpiert hatte sozusagen. Aber – das ist das große Aber! –, es bleibt nicht dabei!

Und das ist das, worauf es mir sehr ankommt: Es gibt Kreise im Judentum, die es nicht dabei belassen und die gerade deswegen, oder das wohl wissend, was das Christentum tut, diesen Henoch wieder, ja, wiederbeleben. Im Judentum! Und im Judentum wieder zu einem zweiten Gott machen, trotz des Christentums, und sagen: Wir haben den Henoch im Judentum auch noch, und es ist nicht euer Jesus von Nazaret.

Dietrich: Warum ist Ihnen das so wichtig, zu sagen, dass es diese Traditionen eben auch weiterhin innerhalb des Judentums gibt, dass sie nicht etwas sind, die dann einfach ans Christentum sozusagen ausgelagert wurden und deswegen für Juden gar keine Bedeutung mehr haben?

Schäfer: Ja, weil ich eben glaube, dass das Judentum eben nicht nur antagonistisch dem Christentum gegenüber aufgestellt gewesen ist, sondern durchaus auch frei mit diesen Vorstellungen umgehen konnte und sagen konnte: Ja gut, ihr habt den, ihr sagt, das ist der, wir haben den auch, wir haben den auch, wir haben diesen Erlöser, wir haben diesen vergöttlichten Menschen, haben wir auch genau wie ihr, und das ist dieser Henoch, den wir alle schon ganz lange kennen, aber es ist nicht euer Jesus von Nazaret. Und diese Kreise, die das machen, die gehen unglaublich weit. Wir haben Texte, in denen diese Kreise diesen Henoch, der dann später den Namen Metatron bekommt, diesen Henoch, den Adonai-Tetragramm-JHWH-Hakatan, den kleinen Gott nenne. Das muss man sich vorstellen. Im nachchristlichen Judentum, 5., 6., 7. Jahrhundert nach Christus, wird ein Mensch, ein vergöttlichter Mensch neben Gott als der kleine Gott bezeichnet, mit dem Tetragramm.

Ein vielfältigerer, bunterer, flexiblerer Gottesbegriff

Dietrich: Wie wichtig sind diese Gedanken – das sind ja letztlich nur relativ wenige Texte, Textstellen, Überlieferungen für die Entwicklung des Judentums – für die Theologie des Judentums?

Schäfer: Ja, das ist ein Argument, das wird häufig gebraucht, dass man sagt: Mein Gott, du hast da einige wenige Stellen herausgesucht, wie repräsentativ sind die eigentlich fürs Judentum? Nachdem ich mich damit lange beschäftigt habe, glaube ich inzwischen: Es sind nicht einige wenige, es sind eine ganze Menge und es sind einige sehr zentrale Texte, die diese Vorstellungen bringen. Und es ist etwas, das durchgeht, das weitergeht, das übrigens auch mit diesen Kreisen des kleinen Gottes überhaupt nicht aufhört. Was ich in meinem Buch nicht behandele, aber wie geht es denn weiter: Wir haben doch im Judentum dann ein paar Hundert Jahre später eine große, unglaublich einflussreiche Bewegung, nämlich die Kabbala, die jüdische Mystik, die genau diese Gedanken weiterentwickelt hat.

Also, ganz im Gegenteil: Das, was wir hier haben, was ich hier behandele, sind nicht nur nebensächliche Punkte, sondern in einigen sehr wichtigen Schriften und auch sehr prominenten Schriften. Gleichzeitig ist das ein Wesenszug, der sich im Judentum weiter fortsetzt. Nur wir heute, die wir vom Rationalismus des 19. Jahrhunderts geprägt sind, wir tun uns schwer damit. Aber im Judentum ist das über viele Jahrhunderte ganz anderes gewesen.

Dietrich: Verändert das denn den Blick auf den Monotheismus, wenn man ihn mit dieser Perspektive betrachtet? Dem Monotheismus wird ja immer ein Gewaltpotenzial vorgeworfen. Er hat gerade keinen guten Ruf, weil es heißt, diese Ausschließlichkeit im Glauben setzt sich direkt um in eine Ausschließlichkeit auch in weltlichen Dingen.

Schäfer: Ja, also, ich persönlich bin mit diesem Gewaltpotenzial zurückhaltend. Das ist ja eine These, die ist ja sehr en vogue im Moment. Aber lassen wir das mal beiseite. Es ist völlig richtig, dass auch diese viel vollere und vielfältigere Vorstellung eines jüdischen Gottes, der sich in mehreren Dimensionen ausfaltet, dass die natürlich auch nicht so einfach unter dem Gewaltpotenzial, unter der Gewaltvorstellung abzuhandeln ist. Auf diese Weise wird einfach der Gottesbegriff vielfältiger, bunter, flexibler, offener und damit auch weniger eingegrenzt auf das, was wir als Gewaltpotenzial bezeichnen würden.

Dietrich: Mehr Freiheit und Blick für Alternativen sind auch beim Reden über den einzigen Gott erlaubt. Peter Schäfer war das, Judaist und Direktor des Jüdischen Museums Berlin. Sein Buch "Zwei Götter im Himmel" nimmt mit auf eine manchmal herausfordernde, vor allem aber immer anregende Reise zu Gottesvorstellungen der jüdischen Antike, so der Untertitel. Erschienen ist das Buch bei C.H. Beck, und weitere Angaben finden Sie auf unserer Homepage deutschlandradiokultur.de/religionen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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