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Nachspiel | Beitrag vom 15.09.2019

Geschichte der SozialgymnastikMit Bewegungsfreude Leib und Seele stärken

Von Peter Kolakowski

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Frauen bei der Gymnastik am Stand von Warnemünde, 1929 (Bode Bund/Ulrich Bode)
Frauen bei der Gymnastik am Stand von Warnemünde, 1929 (Bode Bund/Ulrich Bode)

Die Sozialgymnastik der 1920er-Jahre verstand sich als ganzheitliches Gesundheitskonzept. Durch Bewegung im Freien sollte der Körper, aber auch die Seele gestärkt werden. Profitieren sollten zunächst Industriearbeiter und Bauernkinder.

Rund 25 Frauen tanzen allein und gemeinsam, schwingen Arme und Beine hin und her oder gehen konzentriert und achtsam durch den lichtdurchfluteten Gymnastiksaal. Alle zählen zu den letzten des Berufsstandes der Sozialgymnastikerin. Einmal im Jahr treffen sie sich in der Gymnastikschule Schwarzerden in der Rhön, um Körper und Seele zu erfrischen.    

Die Sozialgymnastik geht auf die Ausbilderinnen Elisabeth Vogler und Marie Buchhold zurück. Im Zuge der Jugend- und Lebensreformbewegung suchten die beiden Pädagoginnen ab den frühen 1920er-Jahren nach Alternativen zum "trügerischen tropischen Wachstum der Industrie", welche das Volk teuer bezahle, – nach einer anderen Art der Erziehung von Körper und Seele, die sich völlig vom Leistungsgedanken und Drill der klassischen Leibeserziehung unterschied.

Beide gründeten schließlich im Örtchen Schwarzerden unterhalb der Rhöner Wasserkuppe eine Siedlung, die sie zu einer Berufsschule für Frauen, die eine Berufsausbildung mit hohem sozialem Anspruch anstrebten, weiterentwickeln wollten.

"Wir haben die Bauernkinder gepflegt"

Buchhold hatte ihre bedrückenden Erfahrungen im Unterricht mit armen Schülern und Hilfsschülern tief geprägt. Sie entwickelte eine heftige Kulturkritik gegen "alle konventionell Vermorschten", gegen Krieg, menschenfeindliche Industrialisierung, Technisierung und Verstädterung.

"Uns schwebte eine ländliche Frauenschule vor. Uns schwebte in gleichem Sinn vor, da Elisabeth Vogler ja Gymnastiklehrerin war – Gymnastik –, also körperliche Erziehungsarbeit in den Mittelpunkt dieses Versuchs zu stellen. Dass die Kinderchen kamen, und die Kinderchen bekamen da ihre Gymnastik, sie bekamen ihre Haltungskorrektur. Es wurde den Müttern, den meisten, die neugierig kamen, gesagt, das musst du machen, das Kind muss andere Schuhe tragen usw.

Wir sind zu den Leuten gegangen, wir haben bei ihnen gesessen, und wir haben, – da Fräulein Vogler ja eine ganze Menge von Gesundheitslehre und Körperpflege verstand –, die Bauernkinder gepflegt und wenn einer mit einer schweren Krankheit kam, dann wurde der auch mal behandelt, und an manchem Krankenbett hat Fräulein Vogler des Nachts gewacht, damit nichts passierte und es dem Kranken richtig ergeht."  

Meist waren es Familien aus der Umgebung, die sich keinen Kinderarzt leisten konnten, erzählt Marie Buchhold in diesem einzig erhaltenen Tondokument. 1923 boten sie und Elisabeth Vogler erste Kurse – unter anderem für Berufstätige, Bürobeamtinnen, Lehrerinnen und Fürsorgerinnen aus Kinderheimen – an, in denen gesundheitlich-philosophische Fragestellungen thematisiert und "Gymnastik als Körperlehre- und pflege, Erkenntnis und Übung im richtigen Gebrauch des Glieder- und Atemleibes" praktiziert wurde.

Bärbel Bernard, Sozialgymnastikerin nach Schwarzerdener Schule: 

"Ob dieser Mensch aus anatomischen, – auch aus psycho-physischen Gründen –, in der Lage ist, diese Korrektur, die ich ihm gebe, anzunehmen und als Bereicherung zu verstehen. Nicht als ein Einwirken auf jemanden, sondern als 'Schau mal bei den Größe oder bei deiner Haltung oder bei deiner Fußposition, wenn du die Füße so stellst …, – probiere mal aus, ob du dich dann sicherer fühlst'. Dazu das Gespräch mit den anderen, und in der Zusammenarbeit mit anderen, im Zusammenbewegen war immer ein Wechselspiel von Ideen, von Möglichkeiten, von Einfällen, von freiem Handeln und freiem Denken." 

Vier junge Frauen bei Gymnastik im Freien in Berlin; Aufnahme vom Juli 1928, digital koloriert. (picture-alliance / akg)Vier junge Frauen bei Gymnastik im Freien in Berlin; Aufnahme vom Juli 1928, digital koloriert. (picture-alliance / akg)

Letztlich verstanden Marie Buchhold und Elisabeh Vorgler ihre sozial angewandte Gymnastik auch als Alternative zur Turnbewegung und Leibeserziehung von Friedrich Ludwig Jahn, der mit seiner 1816 erschienenen "Deutschen Turnkunst" als "Turnvater" in die Geschichte einging.

Kinder, die körperlich und seelisch verkümmern

Jahn wollte nicht mit ansehen, wie Knaben durch tägliches Sitzen in den Lehranstalten körperlich und seelisch immer mehr verkümmerten. Er gab den Jungen nach den Schulstunden Turnunterricht in der Berliner Hasenheide, einem großem Park. Dort konnten die Schüler nach Belieben herumtollen und sich austoben. 

"Frisch – frei – fröhlich – fromm. Mögen alle Turner diese vier Worte im tätigen Leben beweisen. Dafür werden sie gesegnet sein mit Gesundheit des Leibes und der Seele."

Das schreibt Jahn 1843 in einem Brief an die Frankfurter Turngemeinde. Er erfindet schließlich allerlei Turngerät, wie das Reck, den Barren oder das Pferd zur systematischen Kräftigung und Streckung des Körpers. Die jungen Männer sollten körperlich und geistig fit gemacht werden für die Herausforderungen des Lebens – aber auch wehrhaft sein im Falle eines möglichen Krieges.

Die damalige preußische Regierung erkannte schnell die Vorteile einer systematischen Unterweisung in Leibes- und Leistungserziehung zur Verteidigung des Vaterlandes gegen die napoleonische Besetzung. Dieser patriarchalisch-militaristische Duktus, – turnerischer, sportlicher Drill als Vorbereitung auf eine mögliche kriegerische Auseinandersetzung –, gefällt gleichwohl nicht allen. Nicht den Vertretern der Anfang des 19. Jahrhunderts aufkommenden Naturheilbewegung, nicht den Vertretern der Lebensreform und auch nicht den Frauen. Allerdings waren sie ohnehin von allen Bestrebungen, Gymnastik und Turnen als Teil der Gesundheitsvorsogen und Fürsorge zu etablieren, ausgeschlossen. "Die Frauen durften ja nicht. Sie waren ja ans Haus gefesselt. Jahn hat den militaristischen Sport gebracht", sagt die Sport- und Gymnastiklehrerin Christine de La Camp.

"Man kann sagen, dass Frauenbewegung sehr viel mit der Gymnastikbewegung zu tun hat, weil es der Frauenbewegung auch darum ging, den weiblichen Körper zu befreien. Von moralischen Vorstellungen, aber auch von Korsett. Also wie Frauen in der Welt stehen, wie sie selber ihren Körper begreifen, wie ihr Körper sich bewegen kann. Interessant finde ich daran aber auch, dass der Beruf der Gymnastikerinnen auch ein Versuch war, Frauen eine Selbstständigkeit in einer beruflichen Hinsicht zu geben."

Dr. Kerstin Wolff, Historikern und Leiterin des Archivs der Deutschen Frauenbewegung in Kassel:

"Wir sehen im 19. Jahrhundert das Bedürfnis, und zwar in der gesamten Gesellschaft, sich zu überlegen, wie Menschen in dieser Welt sind. Wir haben da ja Industrialisierung, das heißt, wir haben eine Entfremdung von Arbeit und Leben. Wir haben eine Mechanisierung des Körpers und von dem her geht es immer darum, das nochmal gemeinsam zu denken, also Körper und Geist, um auch in ein neues Körpergefühl zu kommen. Und um aber auch, diese Gesellschaft, in der die Menschen leben, auch zu verändern. Und zwar durch den Weg, dass der Einzelne sich vervollkommnet. Und das ist auch ein Weg, der mit dem Körper gegangen werden kann."

Tänzerische Gymnastik als neue Bewegungkultur

Frauen wie Genevieve Stebbins, Bess Mensendiek, Hede Kallmeyer, Dora Menzer oder Eleonore Duncan entwickeln eine neue, andere Bewegungskultur: die tänzerische, funktionelle oder künstlerische Gymnastik. Denn die allgemeine Gesundheitserziehung – mit und durch Bewegung - und der damit verbundene soziale Anspruch, wie ihn schon 1774 der Reformpädagoge, Theologe und Philanthrop Johann Bernard Basedow einforderte, – sie trat in der klassischen Schulsportpädagogik mehr und mehr in den Hintergrund, die Nützlichkeit des Körpers dagegen in den Vordergrund.

"Dass der Körper ertüchtigt werden soll, um am Arbeitsmarkt und am Arbeitsleben teilnehmen zu können, – das widerspricht natürlich der Idee dieser Sozialbewegung, dieser Sozialgymnastikbewegung, also das Bewusstwerden eines Menschen durch körperliche Betätigung", sagt die Historikerin Dr. Kerstin Wolff.

Auch der Pädagoge und Menschenfreund Johann Friedrich GutsMuths, der die Leibeserziehung von Basedow weiterentwickelte, betrachtete Gymnastik nicht nur als rein körperliche Aktivität gegen die "Verweichlichung der Jungen" und zur Hinführung zum "natürlichen männlichen Wesen", sondern vorrangig als ganzheitliche Gesundheitspflege: mit viel Bewegung im Freien, gesunder Ernährung und regelmäßigen Waschungen mit kaltem Wasser. Er berief sich dabei neben Vertretern der Aufklärung – wie Rousseau – auch auf die alten Griechen, die schon vor rund 2700 Jahren in ihren "Gymnasien" verschiedenste gymnastische Übungen zur Förderung der Gesundheit des Leibes und der Seele wie auch gegen allerlei Befindlichkeitsstörungen und Krankheiten anwandten.

13 Frauen in kurzer weißer Sportkleidung sitzen auf dem Boden im Kreis. Sie haben ihre Beine zur Mitte des Kriese gestreckt, ihre Arme in die Höhe gehoben und den Kopf nach vorn gebeugt. (picture alliance/imageBROKER)Historische Aufnahme, Frauen bei der Gymnastik, ca. 1929. (picture alliance/imageBROKER)
Bewegung statt Sport! Diesen Anspruch erhebt – neben Elisabeth Vogler und Marie Buchhold – auch ein Lehrer der rhythmischen Gymnastik namens Rudolf Bode. Und zwar Anfang der 1920er-Jahre.

Bode wendet sich gegen militaristische Übungen

Bode, ursprünglich Kapellmeister, wendet sich vehement gegen die isolierten, mechanistisch-militaristischen Übungen zur "Kräftebildung", wie er sie immer mehr in der schulischen Leibeserziehung und Leibesertüchtigung vorfindet. In der Ärztlichen Rundschau von 1913 schreibt Bode über die Aufgaben und Ziele der rhythmischen Gymnastik.

"Der Kraftbegriff hat die gesamte Entwicklung bis auf den heutigen Tag an sich gerissen und beherrscht, unter gewaltsamer Zurückdrängung einer viel zentraleren Forderung: der Formenergie des Organismus. Es ist wohl keiner unter Ihnen, der nicht schon einmal spielenden Kindern zusah und gefangen wurde von jenem eigentümlichen Zauber, der von den Lebensäußerungen dieser Kinder, das heißt von ihren Bewegungen, ausging. Fragen wir uns nach den Ursachen dieses eigentümlichen Erlebnisses, ist es vor allem die Tatsache, dass jene Kinder im Besitz eines unverdorbenen Organismus sind, eines Organismus, in welchem jene innere Formenergie sich in dem seelischen Ausdruck der Bewegungen manifestiert."

Bewegung war für Bode nicht eine in seine Einzelteile zergliederte einzig kraftbetonte Regung, sondern viel mehr ein rhythmischer Schwingungsvorgang, der den ganzen Körper miteinbezieht:

"Verehrte Hörerinnen und Hörer, ich glaube, dass wir in dieser hektischen Zeit, in der Zeit der Olympischen Spiele, in der man mehr von den Rekorden, von den Weltbestleistungen spricht, ein wenig auch in dieser Sendung von anderen Dingen sprechen können, die für das Leben von uns Menschen mehr Bedeutung, mehr Wert besitzen, als man gemeinhin annehmen möchte."

Steigerung der Menschenfreundlichkeit

So beginnt 1956 der damals 33-jährige Sport und Olympiareporter Harry Valerien ein Interview mit Rudolf Bode und seiner Frau anlässlich des 75. Geburtstages Rudolf Bodes.

"Es ist ein geheimes Gesetz, dass unser Seelisches nur in dem Maße in der Bewegung mitgeht, als diese Bewegung den ganzen Körper umfasst. Ich sehe den Hauptwert in der Einwirkung auf das Seelische. Dass die Menschen, die sich wirklich frei bewegen können, auch ein ganz anderes Bedürfnis nach Mitteilsamkeit haben, dass sie sich viel mehr ihren Mitmenschen öffnen und sich ganz besonders auch im Schulberuf, den Kindern gegenüber ganz anders mitteilen können. Für die Schule ist hier noch ungeheuer viel zu tun. Ich kann es auch ganz kurz ausdrücken: Das letzte Ziel ist die allgemeine Steigerung der Menschenfreundlichkeit, als es bei verkrampften und verspannten Menschen möglich ist."

Und seine Frau Elly Bode ergänzt:

"Dass die Menschen zu verkrampft sind. Es tritt immer wieder in Erscheinung, dass die Menschen kommen, weil sie so furchtbar nervös sind. Und aus dem Grunde glaube ich auch, dass die Gymnastik, die gymnastische Bildung in diesem Sinne noch eine ganz große Zukunft haben wird. Die Männer arbeiten eben heute nur auf Leistung, und zwar außerdem nur mit Handgeräten. Auch der Mann müsste diese Schulung des rein Organischen haben, also von Rumpf aus entwickelt, dass die Bewegung sich überträgt auf die Arme und auf die Beine."

"Ich hatte das Glück, als meine Großmutter zu ihrem 95. Geburtstag einen Lehrgang gegeben hat, an dem Lehrgang noch teilnehmen zu können. Und ich musste danach dann lernen am nächsten Tag und es fiel mir viel leichter als sonst."

Anderes Körpergefühl als beim Fitnesstraining

Ulrich Bode, Enkel von Rudolf und Elly Bode, Vorsitzender des Bode Bundes und Gesellschafter der Bode Schule in München:

"Also ich hab dann verstanden, was die Älteren so begeistert an dieser Gymnastik, dass es ein ganz anderes Körpergefühl ist als beim Fitnesstraining. Im Schwingen drückt sich eben diese Ganzheitlichkeit aus. Die ganzheitliche Bewegung. Der ganze Körper in Verbindung mit dem seelischen Erleben, diese Wechselwirkung."

"Ein Schüler Bodes, der Gymnastiklehrer Hinrich Medau, entwickelt die rhythmische Gymnastik Bodes zur sogenannten Organgymnastik nach Medau weiter. Statt Reck, Barren und Sprunggrube waren eigens komponierte Klavierstücke, Gymnastikball und -reifen der Rahmen für die Wiedergewinnung der natürlichen ursprünglichen Bewegungsform."

Elly und Rudolf Bode, undatierte Aufnahme (Bode Bund/Ulrich Bode)Elly und Rudolf Bode, undatierte Aufnahme (Bode Bund/Ulrich Bode)

"Sie haben ja als Einzelpersonen gegen den Trend der Zeit gestanden", sagt Prof. Dr. Jochen Medau, Kardiologe, Internist, Sportmediziner, Sohn von Hinrich Medau und langjähriger Leiter der Medau-Schule in Coburg über seinen Vater - und über Rudolf Bode:

"Die haben einen ganz anderen Trend reingebracht. Und haben dann ja durch das Bekanntwerden dieser Art von Bewegung – vornehmlich für die Frau –, die Männer haben doch immer Bänke gestemmt und alles Mögliche gemacht …, – aber für die Frau war das ein völlig neues Erlebnis, auch ihre Körperlichkeit, ihre Ganzheitlichkeit, ihre Schönheit präsentieren zu können – in einer Form von Ausbildung –, denn die Gymnastik hatte mal einen sehr, sehr hohen Stand. Wie gut es den Kindern getan hat, musikalisch, rhythmisch, körperlich zu arbeiten."

Während sich in den 1920er- und 30er-Jahren immer mehr Gymnastikschulen in Deutschland etablieren konnten, hieß es für die führenden Vertreter der Gymnastikbewegung in der Nazi-Zeit: Schule schließen oder sich arrangieren, mitlaufen.

NS-Zeit: Seelenlose Ertüchtigung

Gymnastik war für das Regime letztlich nicht mehr als eine Maßnahme, die Gebärfreudigkeit der deutschen Frau durch körperliche Betätigung zu bewahren, während die Männer weiter der sportlichen Leistung huldigten. Leib und Seele wurden entindividualisiert, und dogmatisch zum Volksleib, zur Volksseele aufgeladen. Von Individualität und Ganzheitlichkeit war keine Rede mehr. Erst Anfang der 50er-Jahre konnte die ursprüngliche gymnastische Idee zwar wiederaufleben, aber nicht mehr ganz an ihre damaligen Erfolge und ihre Popularität anknüpfen. Der leistungsorientierte Sport dagegen nimmt in der Gesellschaft immer breiteren Raum ein.

Doch die aufkommenden Zivilisationskrankheiten, das Übergewicht, die orthopädischen Erkrankungen, Nervosität, Kopfschmerzen, Verspannungen, Überreizungen und die gleichzeitig stetig wachsende Bewegungsarmut verlangen nach Antworten, die der leistungsorientierte Sport offenbar nicht geben kann. Ärzte wie Lewis Radcliffe Grote warnen vor dem Anstieg solcher Erkrankungen, wie hier auf einer seltenen Schallplattenaufnahme eines Vortrages aus dem Jahr 1959. Grote zählt bis heute zu den bedeutendsten Internisten und Klinikern, er verfasst zahlreiche medizinphilosophische und zivilisationskritische Schriften und beschäftigt sich schwerpunktmäßig auch mit der "Ganzheitsmedizin" und der Kinderheilkunde; und hier vor allem mit dem alarmierenden Anstieg der "Zuckerkrankheit" bei Kindern und Jugendlichen.

"Im Einzelnen kann man manche Umstände unseres Lebens aufzählen, denen die Möglichkeit, Menschen krank zu machen, sie zu kränken, unumwunden zugestanden werden muss. Eine solche Liste der Qualen habe ich in einem Aufsatz vor einiger Zeit aufgestellt. Ich nenne daraus: die mit Abgasen beladene Luft der Großstädte, das nervenzerrüttende Telefon, die mangelnde körperliche Bewegung und Ausarbeitung in guter Luft ohne die Peitsche des sportlichen Rekordes. Die seelische Lagen von heute, die Normierung und Nivellierung der Persönlichkeit, die Verflachung des Geisteslebens, und durch alles das die Einbuße an frei sich entwickelnder Individualität, sind für das Sein des Menschen, für die Humanitas im weiten Sinne nicht zu leugnende Bedrohungen. Wie weit ist nun die zivilisatorische Lebensform unserer Tage mit Sicherheit pathogen? Um das zu beantworten, wird zuerst die Statistik gefragt."

"Es ist sicher so, dass die Bewegung im Kindes- und Jugendalter zurückgeht", sagt Dr. Hermann-Josef Kahl, Kinder- und Jugendarzt und Sprecher beim Bundesverband der Kinder und Jugendärzte:

"Dass wir bei den Jugendlichen ab zehn Jahren eine Zunahme des Körpergewichts schon feststellen, vor allen Dingen leider bei den Jugendlichen, die aus bildungsferneren Schichten kommen. Da scheinen zwei Komponenten eine Rolle zu spielen. Einmal die Bewegungsarmut, lieber auf der Couch sitzen, und die Einnahme von hochkalorischen Nahrungsmitteln, zu viel Zucker, zu viel Salz, zu viel Fett."

"Der Sport, der Fußball, das Leistungsprinzip, die alle haben die Gymnastik an den Rand gedrängt", sagt Professor Hans-Jochen Medau. "Das hat aber auch damit zu tun, dass man die Gymnastik und den Tanz und alles, was für die Mädchen und die jungen Frauen dazugehörte, 1976 aus dem Schulbereich rausgenommen hat."

Gemeinschaftsgefühl und Gesundheitsbewusstsein stärken

Zwar hat auch der traditionelle Sportunterricht in den letzten Jahren einige rudimentäre Grundgedanken aus der Gymnastikbewegung übernommen, wie im aktuellen Memorandum der Kultusminister zum Schulsport nachzulesen ist. Danach soll der Sportunterricht jeden Schüler nach seinen Möglichkeiten fördern, das Gemeinschaftsgefühl und Gesundheitsbewusstsein stärken. Nur wie, wenn der Noten- und Leistungsdruck bleibt? Wenn Körper weiter in gute und schlechte, in leistungsfähige und nicht leistungsfähige separiert werden? Wenn den Schülern kein Wissen über den Zusammenhang zwischen Bewegung und Ernährung, Gesundheit und seelischem Empfinden vermittelt wird?

Professor Hans-Jochen Medau: "Es müsste mehr ein Lebenstraining sein. Die ganze Ernährungsproblematik und der Sport sollte sich als Aufgaben setzen, dem jungen Menschen zu vermitteln, dass er Freude an irgendeiner Art von Bewegung hat. Denn nur dann wird er sie auch weiter durchführen. Es ist sinnlos, sich an die Lattenwand zu hängen. So sollte der Sport nach der Schule in der Lage sein, dem Menschen vermittelt zu haben, sich täglich für seine Gesundheit, sein Wohlbefinden zu bewegen, was auch immer er tut. Wenn einer gerne Leistungssport betreibt, dann ist das wunderbar, aber die Masse wird es nicht tun und die muss man dahinbringen, dass sie Freude an der Bewegung haben. Das wäre das Ziel."

Notwendig wäre hierfür allerdings ein anderer Sportunterricht, der sich mehr als Bewegungspädagogik und Gesundheitserziehung definiert, angelehnt an die Gymnastik Voglers und Buchholds, Medaus und Bodes, und wie er sich in Skandinavien und auch in den Niederlanden in Teilen etabliert hat, – in Deutschland dagegen seit Jahrzehnten nur als Forderung im Raum steht. Denn: Voraussetzung hierfür wäre eine engere Zusammenarbeit mit verschiedenen Ministerien auf Landes- wie Bundesebene.

Dr. Hermann-Josef Kahl vom Bundesverband der Kinder und Jugendärzte: "Natürlich wäre das gut, wenn man eine solche Strategie fahren würde, wo erster Linie nicht auf Leistung ankommt, sondern auf eine regelmäßige Bewegung. Und wir wissen, dass eine Stunde regelmäßige Bewegung pro Tag auch die Intelligenz fördert und die intellektuelle Leistungsfähigkeit fördert. Wir bräuchten auch Ernährungsberater in den Schulen, die zusammen mit den Sportlehrern auch arbeiten würden, ganz klar, und auch mit uns zusammenarbeiten würden. Wir haben schon versucht, eine Gesundheitserziehung zu platzieren in den Schulen. Es ist extrem schwer, da sind sehr viele Interessen, die eine Rolle spielen. Da ist das Gesundheitsministerium, da sind die anderen Ministerien dabei, da sind drei vier Ministerien, die gefragt werden müssen, die das dann koordinieren müssen und das können Sie mir glauben, das ist eine Sisyphusarbeit." 

Während alternative Bewegungsangebote zum klassischen Sport wie Yoga, Feldenkrais, Alexander-Technik, Eutonie, Tai Chi und Qi Gong seit Jahren einen Boom erleben, sind echte sozial-gymnastische Bewegungsprogramme in Deutschland nach den Vorstellungen Voglers, Buchholds, Bodes und Medaus heute bislang allenfalls Nischenangebote. Angewandt wird ihre Lehre zum Teil in einigen Kurkliniken in der stationären Rehabilitation. Die Patienten werden in einem mehrwöchigen Training mit Sport- und Gymnastiklehrern, Ernährungsberatern, Physiotherapeuten, Psychologen und Atempädagogen dazu angeleitet, achtsamer und verantwortungsbewusster mit ihrem Leib und umzugehen und den Zusammenhang zwischen körperlichem Befinden und ihrem Gemütszustand – ihrem seelischem Befinden – mehr zu beachten.

Leib und Seele durch Bewegung gesunden

Auch in der Psychomotorik und hier vor allem in der Motopädagogik findet sich der gymnastische Anspruch, Leib und Seele durch Bewegung zu gesunden, wieder. Die Motopädagogik fördert bei Heranwachsenden, durch zweckfreie Bewegungsspiele und schöpferische Tätigkeiten wie gemeinsames Basteln oder Gärtnern ihren Körper als auch ihre Emotionen besser wahrzunehmen. Bislang wird die Motopädagogik hauptsächlich aber nur bei verhaltensauffälligen und Kindern mit einer Behinderung eingesetzt. Warum nicht auch im regulären Sportunterricht?

Und schließlich: Auch einige Physiotherapeuten, Krankengymnasten und Ergotherapeuten, sofern sie nach Medau oder Bode ausgebildet wurden, legen in der Arbeit einen besonderen Schwerpunkt darauf, die Selbstverantwortung des Patienten, ihre Resilienz und Kohärenz durch regelmäßige gymnastische Bewegungsminuten zu stärken. Die Sportwissenschaftlerin Gabriele Christ-Schröder kam vor fast 30 Jahren zur Medau-Schule und leitet den dortigen Gymnastikbereich:

"Die reinen Physiotherapeuten, die haben in der Ausbildung eine Bewegungsstunde im Semester. Ich muss es selber spüren. Und bei den anderen Physiotherapieschulen haben die eine begrenzte Anzahl an Bewegungsstunden. Da sind wir natürlich hier im Vorteil, das heißt unsere Physiotherapeuten profitieren, und die haben einen ganz anderen Blick. Einen Bewegungsblick, eine Beobachtungsgabe, ein Selber-Tun, dass wir auch dieses Ineinandergreifen haben."

Einsatzmöglichkeiten einer auch sozial angewandten Gymnastik gäbe es also genug, resümiert Sozialgymnastikerin Bärbel Bernard. Zum Beispiel auch in der Jugendarbeit für Kinder und deren Eltern aus bildungsfernen Schichten oder in der klassischen Sozialarbeit.

Die Schule von Marie Buchhold und Elisabeth Vogler in Schwarzerden steht heute leer und verlassen da. Weder der Bund noch das Land Hessen fühlen sich für den Erhalt zuständig, um dieses einmalige historische Zeugnis der Bewegungskultur zu erhalten und zu revitalisieren.

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