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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 17.12.2014

Geschichte der PostkarteDie SMS des 19. Jahrhunderts

Von Stefan May

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Eine Postkarte mit Badeszenen von der Ostsee aus dem Jahr 1910 (dpa / picture alliance / Stefan Sauer)
Eine Postkarte mit Badeszenen von der Ostsee aus dem Jahr 1910 (dpa / picture alliance / Stefan Sauer)

Von der einfachen Nachricht bis zum Liebesgeständnis: Die Postkarte erlebte in der Zeit um 1900 einen regelrechten Boom. Sieben Mal täglich wurde sie zugestellt, nur zwei Stunden war sie im Schnitt unterwegs. Doch schon damals gab es Bedenken in Sachen Datenschutz.

Das Geräusch beim Schreiben einer Postkarte ist fast schon so historisch wie das Drehen der Wählscheibe auf alten Telefonen. Mitte des 19. Jahrhunderts begann die Geschichte der Postkarte, zeitgleich in Deutschland und in Österreich. Fachleute schlugen eine rasche, offene Kommunikationsmöglichkeit vor.

"Bubi ist gesund, lieb, herzig, brav, trinkt und isst gut, schläft viel, sieht gut aus, ist viel im Garten, fährt mit der Großmama aus…" 

In Deutschland allerdings stieß man damit erst einmal auf Widerstände. Ein Schriftverkehr, den jedermann mitlesen konnte, eine offene Karte anstelle eines Briefbogens im verschlossenen Kuvert, galt als unsittlich. Schon damals gab es also Datenschutzbedenken.

Das wundert wenig. Mitunter finden sich ganze Liebeskorrespondenzen in einer Postkartensammlung. Meist jedoch notierte man einfache Nachrichten: Grüße, Verabredungen, Hinweise für zu Besorgendes, Angaben über Zugverbindungen.

Ursprünglich kringelte man den Text um das Foto

1869 wurde die so genannte Korrespondenzkarte in Österreich eingeführt, unmittelbar darauf auch in Deutschland. Auf der einen Seite stand die Adresse, die andere war für den Text reserviert. Dann die große Neuerung: Auf die ursprüngliche Textseite wurden Zeichnungen und Grafiken gedruckt. Die ersten Bilder! Und später dann Fotografien. Der Text kringelte sich nun rund ums Foto oder zwängte sich daneben. Denn die andere Seite war weiterhin ausschließlich der Adresse vorbehalten.

"Liebe Schwägerin Helene! Besten Dank für Deine Bemühungen, das gewählte Anhängsel gefällt mir sehr gut. Heuer gibt es gar nichts hier... Dich bestens grüßend Franz."

Das Photoinstitut Bonartes in Wien zeigt derzeit eine Ausstellung mit dem Titel "Format Postkarte". Michael Ponstingl ist Fotowissenschaftler im Institut. Er erklärt, dass die Postkarte einem Trend Rechnung tragen sollte, und zwar:

"Dem steigenden Kommunikationsbedürfnis, das durch Verstädterung, Urbanisierung, demografische Wanderungen und so weiter hervorgerufen worden ist, also eine verstärkte Mobilisierung in einem ersten oder weiteren Globalisierungsschub."

Den ersten Masseneinsatz erlebte die Postkarte im deutsch-französischen Krieg 1870/71 als Feldpostkarte – auch weil sie gratis zugestellt wurde. Ich lebe noch, lautete die Botschaft. Erstmals wurden jetzt auch Bezüge zwischen Text und Bild geschaffen: Das sind meine Kameraden, da stehe ich. So wie man Jahrzehnte später ein Kreuz auf dem Foto des Gebirgspanoramas machte, um den Lieben daheim mitzuteilen, welchen Berg man im Urlaub bestiegen hat. Neue Druckverfahren machen eine Massenherstellung möglich. Das goldene Zeitalter der Postkarte brach an, erzählt Michael Ponstingl:

"Es sind eigene Postkartenverlage entstanden, und daneben haben Buchverlage, Fotografen und auch Einrichtungen, die sonst nicht publizieren, wie Hotels, Vereine und so weiter, Postkarten erzeugt."

Viele Motive zeigen Landschaften, aber auch Stadtansichten oder Schauspielerporträts. Mit dem Urheberrecht war es anfangs noch nicht weit her: In der Wiener Ausstellung sind 81 Postkarten mit ein und demselben Motiv des Wiener Praters zu sehen. Von einem Ur-Negativ retouchierten die Verlage nach Belieben weg oder hinzu: Mal steht ein Fiaker im Vordergrund, mal ein Auto, mal sind es drei Personen.

Textstil orientierte sich am Telegramm

Um 1900 kam die Erlebnisfotografie auf. Die Postkarte übernahm eine Reportage-Funktion, wenn sie Bilder von Ereignissen wie Unfällen oder Aufmärschen schneller an einen Adressaten beförderte als etwa eine Zeitschrift. 1904 gab es eine Zäsur: der Teilungsstrich wurde eingeführt: Jetzt wurde nicht mehr die Bildseite beschrieben, sondern die Rückseite. Links der Text, rechts der Adressat.

"In dem Moment, wo die Postkarte, genauer gesagt die illustrierte Postkarte, einen Boom erlebt hat, sind sofort Vereine entstanden, die gesammelt haben, es sind sofort Fachgeschäfte entstanden. In diesen Postkartenfachgeschäften hat man nicht nur Postkarten mit Motiven von vor Ort kaufen können, sondern, wie in Wien bei den Brüdern Kohn zum Beispiel, Postkarten aus der ganzen Welt."

Das entfachte Sammelleidenschaft, vor allem im Bürgertum. Ganze Alben füllten sich und Fachzeitschriften diskutieren an die 20 verschiedene Sammelstrategien, von chronologisch bis thematisch. Tatsächlich gelangte nur etwa die Hälfte der bunten Kartons überhaupt in den Umlauf, der Rest verschwand in den Alben.

Trotz ihrer Beliebtheit wurden die Karten dem Brief nie zur Konkurrenz. Im Gegenteil, bisweilen kündigten sie ihn sogar an. Und wegen des kleinen Formats wagten sich auch weniger mit dem Schreiben Vertraute an diese Art der Mitteilung, erzählt der Wiener Fotowissenschaftler. 

"So war die Postkarte im Laufe der Jahrzehnte ein mehr demokratisches Medium als der gediegene Brief im 19. Jahrhundert."

Hinzu kam eine eigene Textqualität, die sich am Telegrammstil orientierte. Noch bis vor wenigen Jahren gab es ein billigeres Porto für Postkartensendungen mit bis zu fünf Grußworten. Ein durchaus modern anmutendes Format.

"Die Postkarte ist insofern als SMS um 1900 zu bezeichnen, weil zum Beispiel in Wien die Zustellung der Postkarten wochentags siebenmal stattgefunden hat. Durchschnittlich hat eine Postkarte zwei Stunden benötigt."

Und darum schrieb man häufig auch die Uhrzeit auf eine Postkarte - Zeichen längst vergangener Bedeutung.

"Die Funktion der Postkarte ist nach '45 eigentlich auf die touristische Funktion eingeschränkt worden, weil das Telefon immer stärker geworden ist. Wie die Zukunft der Postkarte aussieht, das steht in den Sternen. Es gibt auch unter den Kommunikationswissenschaftlern ein Theorem, das Riepel'sche Gesetz, wonach kein Medium ausstirbt. Trotzdem ist das Medium Postkarte einem Funktionswandel unterworfen. Wie das in zehn Jahren aussieht, weiß ich nicht."  

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