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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.04.2012

Geschichte der modernen Kunst

Susanna Partsch: "Wer hat Angst vor Rot, Blau, Gelb?", 206 Seiten, C. H. Beck Verlag, 2012

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"Wer hat Angst vor Rot, Gelb, und Blau?" von Barnett Newman (hier zu sehen bei einer Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie Berlin) (dpa / picture alliance / Jan Woitas)
"Wer hat Angst vor Rot, Gelb, und Blau?" von Barnett Newman (hier zu sehen bei einer Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie Berlin) (dpa / picture alliance / Jan Woitas)

"Wer hat Angst vor Rot, Gelb, und Blau?" - so heißt ein berühmtes Bild von Barnett Newman, dessen vier Versionen Ende der 60er-Jahre entstanden sind. Der Titel des Bildes hat auch den Titel eines Buches von Susanna Partsch inspiriert, das die moderne Kunst für junge Leser erklärt.

Das Berliner Bild wurde mit dem Knüppel attackiert. Die Amsterdamer Version mit dem Messer zerschnitten. Barnett Newmans monumentales Werk "Wer hat Angst vor Rot, Gelb, Blau?", das in vier Versionen existiert, hatte stets heftige Emotionen ausgelöst. Dabei zeigt es nichts anderes als drei große Flächen in den Titel gebenden Farben.

Doch diese lassen keinen kalt, und genau darum hat die Kunsthistorikerin Susanna Partsch die Farbfeldmalerei als Einstieg in ihre Geschichte der modernen Kunst gewählt. Sie wendet sich an Jugendliche ab 14 Jahren und zeigt anhand von 60 exemplarischen Werken die wichtigsten Kunstströmungen vom Beginn der Moderne bis heute.

Nur 60 Werke? Das klingt gewagt, doch hat Susanna Partsch ein gutes Argument. Viele Phänomene, so schreibt sie in der Einleitung, ließen sich gut an nur einem einzigen Beispiel erklären. So wird ihr "Wer hat Angst vor Rot, Gelb, Blau?" etwa zum Schlüsselwerk für die Kraft und Magie der Farbe. Das 1966 entstandene Bild fest im Blick, wandert die Autorin souverän durch die Zeit und zeigt faszinierende Verwandtschaften.

Etwa wenn sie Rot, Gelb und Blau im 15. Jahrhundert bei Matthias Grünewald findet, wenn sie die Farbtheorie von Newton bis Goethe erklärt, oder wenn sie an den Anfang des 20. Jahrhunderts springt und die abstrakte Kunst als Befreiung der Farbe vom Gegenstand beschreibt. Ein einziges Werk führt sie eindrucksvoll quer durch die Epochen und schließlich an den Beginn der Moderne.

Den verortet Partsch ganz klassisch um 1873 in Le Havre, als Claude Monet seine "Impression" malte, die für eine ganze Kunstrichtung namensgebend wurde. Partsch beschreibt das Werk als Meilenstein, ebenso wie "Hafeneinfahrt von Honfleur" von Georges Seurat, "Die Badenden" von Paul Cézanne und die Weizenfelder Vincent van Goghs.

Bild für Bild erklärt sie in detaillierten Interpretationen und mit augenfälligen Querverweisen diese Wegbereiter der Moderne. Tatsächlich ist es von dort nur noch ein winziger Schritt zur Abstraktion, und wer das einmal so erklärt und vor allem vor Augen geführt bekommen hat, wird keine Angst mehr haben vor Rot, Gelb, Blau. Und auch nicht vor dem, was davor war oder folgte.

Expressionismus, Kubismus, Futurismus, Dada, Ready-Made, Neue Sachlichkeit, Popart, Happening, Fluxus – es ist eine Freude Susanna Partsch auf ihrer Reise durch die Moderne zu folgen. Sie weiß Kunst zu erklären, ohne sie zu entzaubern und belehrt nebenbei auch diejenigen eines Besseren, die dachten: "Das kann ich auch." Vermutlich eher nicht, wie Partsch etwa an der Konzeptkunst einer Hanne Darboven zeigt oder an den anarchischen Aktionen Pippilotti Rists.

"I have a dream" des afrikanischen Künstlers Romuald Hazoumé (Benin) steht am Ende dieser schön erzählten Kunstgeschichte, die sich im letzten Kapitel vom westlichen Blick löst und globale Strömungen zu fassen versucht. Eine durchweg gelungene Einführung in die Moderne, die Einsteiger nicht überfordert und Kenner nicht langweilt. Was für eine seltene Kombination!

Besprochen von Eva Hepper

Susanna Partsch: Wer hat Angst vor Rot, Blau, Gelb?
206 Seiten, ab 14 Jahre, C. H. Beck Verlag, 2012, 19,95 Euro

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