Hörspielmagazin, vom 01.09.2020, 20:30 Uhr

Geschichte der HörspieldramaturgieTeil eins: Zauberei auf dem Sender. Vorkriegs-Dramaturgie.

Ein Blick zurück auf die Anfänge der Radiokunst: Unter welchen Bedingungen, mit welchen Ideen und Visionen haben die Radiopioniere damals begonnen? Ulrich Bassenge präsentiert den ersten Teil seiner kleinen Geschichte der Hörspieldramaturgie.

Kind hört Radio (circa 1922)  (picture alliance / imageBroker / Rosseforp)
Die Welt wurde laut: Auch das Radio hielt in den 1920er-Jahren Einzug. (picture alliance / imageBroker / Rosseforp)

Ausschnitt "Radio Daze"                                                                                             

Am 29. Oktober 1923 geht in Berlin die erste deutsche Radiostation on air. Wohlgemerkt, die erste zivile Radiostation. Denn:

Zitat: In den Schützengräben des ersten Weltkrieges, bei Freund und Feind, ist der Rundfunk zum ersten Mal in Gebrauch gekommen; die englischen und ebenso die deutschen Soldaten haben ihn sich seit 1917 da und dort zu Unterhaltungssendungen ausgebaut.

Der martialische Tenor, in dem Heinz Schwitzke noch 1962 die Ursprünge des Radios beschwört, verweist vor allem auf eines: die Geburt aller technischen Innovation aus dem Geist des Krieges. Und so wird das Medium, das Nachrichten und Befehle zwischen Sender und Empfänger transportierte, ab 1923 zum Medium drahtloser Unterhaltung und Belehrung.

Zitat: Drei Minuten vor acht Uhr! Alles versammelt sich im Senderaum. Erwartungsvoll beobachtet man das Vorrücken des Zeigers der Uhr … Acht Uhr! Alles schweigt. In das Mikrofon ertönen nun die Worte: Achtung! Achtung!

O-Ton Ansage

Achtung! Achtung! Hier ist die Sendestelle Berlin im Voxhaus auf Welle 400 Meter. Meine Damen und Herren, wir machen Ihnen davon Mitteilung, dass am heutigen Tage der Unterhaltungsrundfunkdienst mit Verbreitung von Musikvorführungen auf drahtlos telefonischem Wege beginnt. Die Benutzung ist genehmigungspflichtig.

MusiK

Nachrichten, Politik, Kultur, Unterhaltung, Werbung. Das sind – fast möchte man sagen: damals wie heute – die fünf Pfeiler des neu entstandenen Radios. Die Tonqualität der Mittelwelle ist mäßig; eine Rauschunterdrückung findet nicht statt. Alles wird live gesendet und mono im Kopfhörer empfangen.

Die Kultur-Verantwortlichen der in rascher Folge entstehenden Landessender greifen gerne auf Gedichtlesungen oder Theater-Monologe zurück. Als dann ab Januar 1924 die ersten szenischen Lesungen stattfinden ….

Zitat: … zeichnet sich die Konzeption einer akustischen Anthologie des bürgerlichen Bildungsgutes ab, die für die Programmgestaltung der ersten Rundfunkjahre charakteristisch werden sollte …

… wie es der Hörspiel-Chronist Stefan Bodo Würffel auf den Punkt bringt. Als erstes Hörspiel, das den Namen verdient, benennt die Forschung "Zauberei auf dem Sender" von Hans Flesch. Ausstrahlung am 24. Oktober 1924 - eine Aufzeichnung der Liveaufführung existiert nicht. Flesch, der damalige künstlerische Leiter des Frankfurter Senders, macht in medienkritischer Absicht das Radio selbst zum Protagonisten.

Zitat: Zauberei auf dem Sender. Versuch einer Senderspiel-Groteske. Mitwirkende: Alle bei der Frankfurter Sendestation beschäftigten Personen, Dinge und Instrumente

Das Radio selbst ist der Zauber, es ist der Illusionist, ja, und es ist die Seance; durchaus in Übereinstimmung mit der damaligen Vorstellung einer körperlosen Stimme, die sich über große Distanz auf magische Weise in den Wohnzimmern der Hörerinnen und Hörer manifestiert. Der Zauberer Hans Flesch wird zum erklärten Gegner des Livehörspiels, dessen theatrale Wurzeln er ausreißen möchte.

Zitat: Der Rundfunk ist ein mechanisches Instrument, und seine arteigenen künstlerischen Wirkungen können infolgedessen nur von der Mechanik herkommen. Glaubt man nicht, dass das möglich ist, so kann man eben an das ganze Rundfunk-Kunstwerk nicht glauben.

Eine mediale Revolution stellt dem Radio Ende der 1920er Jahre zwei weitere technische Neuerungen zur Seite: die elektrische Klangverstärkung und den Tonfilm. Dieser dreifachen Konvergenz entspringt die Radio-Klangkunst. Der Berliner Hörspielleiter Alfred Braun denkt sie bereits am 6. März 1926 voraus. Sein Hörspiel "Der tönende Stein" ist in seinen Worten…

Zitat: … ein akustischer Film … ein Funkspiel, das in schnellster Folge bewusst die Technik des Films auf den Funk übertrug.

Heute würden wir von einer O-Ton-Montage sprechen, nur dass diese Montage seinerzeit mittels Live-Schaltung zwischen verschiedenen Klang-Ereignissen geschah. Schritt für Schritt versucht man sich dem Wesen einer speziellen Radiokunst anzunähern. Das Hörspiel wird zur "Krönung des Funks" ausgerufen und hat eine erste Blütezeit zwischen 1929 und 1934, die sich auch der Dramaturgie von Hans Flesch verdankt.

Ausschnitt "Weekend"

Vor der Erfindung mobiler Aufnahmegeräte wird hier die Filmtonspur zur Klangaufzeichnung - und zur Montage verwendet. Mit Berliner Alltagsgeräuschen realisiert Walter Ruttmann 1930 für Dramaturg Flesch keine Literaturadaption, sondern die radikale Idee, mit Klang zu schreiben; und somit Schreibmaschine und Papier gegen Mikrofon und Aufnahmegerät einzutauschen. Leider bleibt "Weekend" ein Einzelfall. Schon 1930 trauen die Macher dem eigenen Medium nichts zu. Und dummerweise sitzen Autoren, die die Idiosynkrasien radiophonen Schreibens verstehen, nicht im nächstbesten Kaffeehaus. Außer Bertolt Brecht und seinen Freunden Walter Benjamin und Kurt Weill - allesamt Flesch-Eleven -, scheinen Schriftsteller und Komponisten einen Bogen um das Radio zu machen.

Ausschnitt "Hallo! Hier Welle Erdball!!!"                              

Hallo hier Welle Erdball. Wer dort? /  Kein Geheimnis mehr zwischen Süd und Nord. / Was die Welle empfängt, die den Erdstern schnürt /  Wir senden es aus, es wird vorgeführt. /  Ein Ausschnitt nur, Momentaufnahme, / aber so ist das Dasein, liebe Dame. / Es kennt keine Logik, es springt mit uns um. / Eins, zwei, drei: Der Plumpsack geht rum!

Auf einer Tagung der Rundfunkanstalten im Jahr 1929 zum Thema "Dichtung und Rundfunk" bringt Festredner Alfred Döblin die Ängste der Schriftsteller zur Sprache: vor der Vulgarität der Massenmedien, "vor Unterhaltung und Belehrung plumper Art." Der Film sei durch seine Industrialisierung bereits verkommen. Im Radio und besonders im Hörspiel hingegen sieht der Schriftsteller noch Entwicklungsmöglichkeiten.

Zitat: Für die Musik und Journalistik bedeutet der Rundfunk im wesentlichen kein Novum, er ist da nur ein neues technisches Mittel der Verbreitung. Für die Literatur aber ist der Rundfunk ein veränderndes Medium.

Doch die Kassler Tagung ändert nichts. Also bleibt es bei den Dramaturgen, den Moloch des Sendebetriebs zu füttern und sie verfallen - wenig überraschend - auf die Klassiker der Theaterliteratur. Der überzogene Theaterton des 19. Jahrhunderts trifft auf modernste Technologie in Gestalt der Neumann-Flaschen-Mikrofone, die Stimmen und Geräusche bereits erstaunlich transparent abbilden. Den von der Technik verunsicherten Radiomännern springt als Vordenker Richard Kolb bei. In seiner Schrift "Das Horoskop des Hörspiels" schreibt der spätere Nazi-Intendant 1932 der Gattung das Höchste zu: das Immaterielle, das Überpersönliche, das Seelische.

Zitat: Das Miteinander metaphysischer und irdischer Spannungen kommt im Hörspiel zum unmittelbaren Bewußtsein, da der naturalistische Mensch in den illusionären umgewandelt wird, der der metaphysischen Potenz auf der gleichen Ebene entgegentritt.

Und so wurde in den 1930er Jahren das Narrativ vom Hörspiel als Literatur geschaffen. Der Medienwissenschaftler Bernhard Siegert fasst zusammen:

Zitat: Dass das Hörspiel überhaupt zur Literatur gerechnet wird, ist Ergebnis einer politischen Rauschunterdrückung, die vor allem einen experimentellen Hörspieltyp betraf, der in den 20er und frühen 30er Jahren von Künstlern und Intendanten der Avantgarde entwickelt wurde.

Wer hat das revolutionäre Rauschen des neuen Mediums unterdrückt?

Zuallererst die Nazis, die jeden avantgardistischen Ansatz ersticken. Anschließend wird die Rauschunterdrückung in ungebrochener Tradition von reaktionären Nachkriegsdramaturgen perpetuiert. So zerstört man in den folgenden Jahrzehnten gründlich den klanglichen Ansatz und betoniert den des "Sendespiels":

Ein Radiotheater inklusive Sendespielleiter, Bühne, Autor, Radioschauspielern und Geräuschemacher.

Ausschnitt "Der Narr mit der Hacke    "                                

Meine Damen und Herren. Wir wünschen ihnen nun eine gute Nacht. Vergessen Sie bitte nicht, die Antonie zu beerdigen - ähh, äh, die Antenne zu erden!

 

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