Hörspielmagazin, vom 01.06.2021, 20:10 Uhr

Geschichte der Hörspieldramaturgie Teil 8Hörspiel-Journalismus. Die zweite Kölner Dramaturgie.

Im achten Teil seiner Reihe zur Geschichte der Hörspieldramaturgie widmet sich Ulrich Bassenge dem Hörspiel kurz nach der Jahrtausenwende, das von Autorenproduktionen, "Inhaltismus" und einem Verwischen der Genregrenzen geprägt ist.

Der Berliner Regisseur und Hörbuch-Autor Paul Plamper sitzt am Donnerstag (23.10.2008) im Museum Ludwig in Köln in einer von ihm gestalteten Installation.  (picture-alliance/ dpa | Jörg Carstensen)
Paul Plamper: Begehbares Hörspiel in Köln (picture-alliance/ dpa | Jörg Carstensen)

Zuspiel "Radio Daze"                                                                

Um die Jahrtausendwende verschieben sich die Prämissen. Die Vertriebswege werden neu definiert. In enger Zusammenarbeit mit Verlagen entstehen Hörspielboxen, Acht-, Zehn-, Zwölf-, Zwanzigteiler. Vorreiter des CD-Booms ist der Bayerische Rundfunk. Postwendend bläst jede Dramaturgie, die auf sich hält, zur Jagd auf abgelaufene Urheberrechte oder Bestseller-Schnäppchen. Aber gleichzeitig lanciert der BR 1999 und 2002 das Publikumsfestival intermedium, das die überfällige Neudefinition von Hörspiel und Medienkunst versucht. An Bord in seltener Einigkeit die gesamte ARD und der Deutschlandfunk. Euphorie breitet sich aus. Zweimal geht das Festival über die Bühne, in Berlin und Karlsruhe, dann wird der Geldhahn zugedreht und der Spaß ist vorbei. Das dritte Festival läutet nur noch ein zaghaftes Totenglöckchen.

Der Generationenwechsel geschieht im West-deutschen Rundfunk. Dramaturgin Martina Müller-Wallraf übernimmt das Ruder. Mit strategischem Geschick treibt sie das Pop-Hörspiel weiter voran, holt mit Christoph Schlingensief den Trash an Bord, mit Schorsch Kamerun den Polit-Punk und mit Paul Plamper den Rap und den Soziolekt. Alle drei übrigens am Theater tätig.

Ausschnitt "Hüttenkäse"                                                                                                          

Fernab des Studios für Akustische Kunst, das aus der Hörspielabteilung herausgelöst worden ist, verfolgt die Dramaturgin nun einen anderen Ansatz. Die neue Losung heißt: Autorenproduktion. Gegen beträchtliche bürokratische Widerstände im eigenen Haus werden Komplett-Verträge mit den aufstrebenden Auteurs abgeschlossen. Paul Plamper, Andreas Ammer mit seinen jeweiligen musikalischen Mitstreitern oder der Verfasser dieses Beitrags heuern auf dem Wallraf-Dampfer an. Sie schreiben, inszenieren, komponieren. In freien Tonstudios im bayerischen Umland oder in Ostberlin entstehen schlüsselfertige Hörspiele aus eigener Herstellung, die starke Ähnlichkeit mit Pop-Konzept-Alben aufweisen. Dies ist der Weg zur radikalen Erneuerung der WDR-Ästhetik vorbei an festangestellten Regisseuren und der allgemeinen Trägheit des Apparats. Die Strategie des BR, vieles auf Tonträger zu pressen, wird beibehalten.    

Ausschnitt "Rosebud"                                                                                                  

Nach dem Vorbild des Regietheaters wird ein Fenster zur Realität nahezu Pflicht im WDR. Also bauen sich die Autoren selbst ins Stück ein, verwenden Interviews und Feldaufnahmen und machen Produktionsvorgänge transparent. Doch unter dem großen Dach des Senders haben nicht nur diverse Metaebenen Platz, sondern auch Exoten wie Birgit Kempker mit ihren stream-of-consciousness-Exerzitien oder das großartig skurrile Sowieso der Apparat erwürgt dem Zeit. Katastrophale Gespräche mit der Amme, in dem verschiedene Personen mit einer künstlichen Intelligenz korrespondieren. 

Ausschnitt "Sowieso der Apparat erwürgt dem Zeit"                                                     

Trotz ihrer bahnbrechenden Umstrukturierungsmaßnahmen ist Martina Müller-Wallraf der einzig aktuellen Hörspielgeschichte, jener von Hans-Jürgen Krug, genau einen Eintrag wert. Nämlich die Meldung, dass sie 2011 nach der Berentung des Hörspiel-Leiters Wolfgang Schiffer die Abteilung übernommen habe.

Zuspiel "Celluloid Heroes"                   

Müller-Wallraf positioniert sich klar und eindeutig. In ihren eigenen Worten:

Zitat Müller-Wallraff: "Die Hörspielproduzent*innen in den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten müssen nichts verkaufen. Sie arbeiten mit beitragsgestützten Etats. Sie bespielen feste, wiederkehrende Sendeplätze. Sie haben also die Freiheit, auch Unbequemes auszudrücken und Querständiges zu produzieren, eine große Zuhörerschaft inklusive. Aber dieser Luxus verpflichtet auch: Er verpflichtet dazu, Haltung zu zeigen, Perspektiven und Horizonte zu öffnen, statt den Äther mit Belanglosigkeiten zu verstopfen. Denn das darf die Kunst nicht nur – sie muss es, wenn sie das Recht auf luxuriöse Ausspielwege nicht verlieren will. Und sie muss es in einer Zeit, in der Meinung zum Inhalt und Inhalt interpretierbar geworden ist."                                  

So steht die Neue Kölner Dramaturgie, wie es Hans-Jürgen Krug formuliert:

Zitat Hans-Jürgen Krug: "Für moderne, nicht literarische Soundkonzeptionen"

… laut Hörspielchef Schiffer mit einer Ästhetik, die …

Zitat Schiffer: "… nicht nur die Grenzziehung zwischen den Radiogenres und zu anderen Künsten, sondern auch die zwischen den Generationen bewusst zu überschreiten sucht."

Folglich findet Hörspiel in der Ära Wallraf sowohl auf dem Kultursender WDR 3 …

Zitat: "Markenname: WDR Open"

… als auch nachts ab 23 Uhr auf der Jugendwelle 1Live statt.

Zitat: "Soundstories"

Als dritter Sender wird das Informationsprogramm WDR 5 bespielt. Dieser geniale Schachzug verjüngt das Hörspielpublikum und holt einige der älter gewordenen Cassetten-Kids an Bord, denen die Drei Fragezeichen fad geworden sind.  Eine Hörspieloffensive ohnegleichen im Sendegebiet der ARD, die sich bald in einem Preisregen niederschlägt. Der WDR hat die Definitionsmacht: allein den Hörspiel-preis der Kriegsblinden gibt es in der Dekade 1999 – 2009 unglaubliche acht Mal.

Mit den Worten eines nicht genannt werden wollenden Insiders:

Zitat: "Der Triumph des sozialdemokratischen Hörspiels"

Dieses Bonmot soll besagen, dass eine gewisse thematische Übereinstimmung mit sozialen und politischen Trends die Auszeichnung durchaus befördert. Es kann nicht schaden, wenn ein nominiertes Stück einer der Prämissen der von Dietmar Dath diagnostizierten thematischen Trias gehorcht:

Zitat Dietmar Dath: "Hitler, Krebs und DDR"

Es ist die goldene Zeit der Autorenproduktionen, aber auch des "Inhaltismus", zu dem sich die ausgebildete Journalistin Müller-Wallraf bekennt. In jener Hochzeit der zweiten Kölner Dramaturgie trösten innovative Konzepte und spielerische Formen über manches tagespolitische Dogma hinweg. Und "Inhaltismus" ist mit Sicherheit das richtige Antidot zu erstarrten Formen von Klangkunst und Literaturbearbeitung. Auch davon künden die Preise.

Ausschnitt "Kamerun. Ein Menschenbild …"                                                             

Unter dem Diktum des Inhalts bestückt Martina Müller-Wallraf die Sendeplätze mit Produktionen, die nicht mehr nur dem Hörspielformat entsprechen. Die Grenze zum Feature ist ohnehin durchlässig geworden, Mockumentaries und Doku-Fiktionen haben ihren Teil dazu beigetragen. Und so finden folgerichtig in späteren Jahren Interviews mit Operndiven oder – nach dem Putschversuch gegen Erdogan – Türkei-Korrespondenten-Wochen ins Hörspiel-Programm.

2007 stellt der WDR Schorsch Kameruns soeben mit dem Kriegsblinden-Preis ausgezeichnetes Stück Ein Menschenbild, das in seiner Summe Null ergibt, zum Gratis-Download ins Netz. Dies ist der Beginn des WDR Hörspielspeichers. Ein Jahr später zieht der BR nach gründlicher Prüfung der Rechtslage mit dem Bayern2 Hörspiel Pool nach. Im neuen Millennium werden die Vertriebswege diverser und zeitgemäßer und bereiten das Ende des linearen Radios vor.

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