Hörspielmagazin, vom 30.03.2021, 20:20 Uhr

Geschichte der Hörspieldramaturgie Teil 6Lärm und Stille. Audio Art.

Im sechsten Teil seiner Reise durch die Genese der Hörspieldramaturgie befasst sich Ulrich Bassenge mit der Geschichte der Klangkunst - von den frühen Anfängen um die Futuristen Russolo und Pratella bis zu den internationalen Klangbrücken der achtziger Jahre.

Luigi Russolo und sein Assistent Piatti mit den Intonarumori-Geräuschmaschinen 1914. Das Intonarumori oder "Instrument zur Erzeugung von Geräuschen" wurde 1913 vom futuristischen Komponisten Luigi Russolo (1885 1947) entwickelt.  (imago/Lebrecht/Leemage)
Luigi Russolo und sein Assistent Piatti mit den Intonarumori-Geräuschmaschinen (1914) (imago/Lebrecht/Leemage)

Zuspiel Radio Daze                                               

Ausschnitt Russolo: Intonarumori

Collage Sprecher:

"Ars Acustica."

"Audio Art?"

"Radio Art !" 

"Musique concrète … "

"Lautsprecherkunst ! "

"Geräuschkunst. Medienkunst? "

"Klangkunst! "

Ein unfassbares Getöse, ein Lärm der Definitionen begleitet die Geschichte der Klangkunst. Die italienischen Futuristen Pratella und Russolo hoben sie aus der Taufe: sie wollten nichts Geringeres als die Musik durch die Geräuschkunst ersetzen.

Zitat Russolo: "Es ist nötig, aus diesem beschränkten Kreis von reinen Tönen auszubrechen und die unendliche Vielfalt der Geräusch-Töne zu erobern. Heute (…) genießen wir es viel mehr, die Geräusche der Tram, der Explosionsmotoren, Wagen und schreienden Menschenmengen in unserer Vorstellung zu kombinieren, als beispielsweise die Eroica oder die Pastorale wiederzuhören."

Der Einfachheit halber definieren wir Klangkunst als eine musiknahe, nicht erzählende, für Ausstrahlung über Lautsprecher konzipierte, radiophone Form.

Klangkunst bedient sich elektronischer oder elektroakustischer Mittel, kann Feldaufnahmen und O-Töne in purem oder bearbeitetem Zustand enthalten und betrachtet Geräusch, Musik und Sprache als gleichwertig.

Ausschnitt Cage: Fontana Mix

Der Komponistenphilosoph John Cage hat bereits mit dem Hörspiel experimentiert und schreibt Musikgeschichte, als er am 29. August 1952 das Geräusch mitsamt der Stille in den Status der Gleichwertigkeit aller Klänge entlässt. Er platziert den Pianisten David Tudor scheinbar untätig vor der Klaviertastatur. Für vier Minuten und dreiunddreißig Sekunden sehen sich Pianist und Publikum gezwungen, der Stille zu lauschen, die natürlich keine ist. Durch Stuhlknarren, Husten, Unruhe und äußere Störungen wird sie zum Klang.

Zitat: "Kein einziger Klang fürchtet die Stille, die ihn auslöscht. Und es gibt keine Stille, die nicht mit Klang geladen ist."

Dieser definitorische Akt findet gleichzeitig eine Parallele auf unserer Seite des Atlantiks. Im club d’essai, einem Zusammenschluss um den Techniker Pierre Schaeffer im französischen Rundfunk, werden Diskussionen über eine Radiokunst geführt, die zur Entwicklung der musique concrète führen.   

Ausschnitt Schaeffer / Henry: Symphonie pour un homme seul

Das Treiben der forschungslustigen Franzosen lockt Gäste an, darunter Karlheinz Stockhausen aus Deutschland und Else-Marie Pade aus Dänemark. Ende der 1940er Jahre, bevor Tonbandgeräte zur Grundausstattung der Studios gehören, entwickelt das Team um Pierre Schaeffer und Pierre Henri eine Methode, selbstgepresste Schallplatten mit mehreren Plattenspielern quasi live zu collagieren.  Das Ergebnis ähnelt nicht zufällig Walter Ruttmanns Collage weekend auf Filmtonspuren.

Wenig später entsteht in Köln beim WDR das neuartige Studio für elektronische Musik, begründet von Herbert Eimert. Unter Verwendung von Tonbandgeräten und Klanggeneratoren erzeugt ein Kollektiv aus Komponisten und Technikern bislang unerhörte Klänge durch Überlagerung, Beschleunigung und Verzögerung. Eine  neuartige "Klangfarbenmusik", die es ohne die Möglichkeiten der Hörfunktechnik nie gegeben hätte. Ihre Protagonisten um Eimert und Stockhausen setzen sich in scharfen Worten von den Franzosen ab:

Zitat: "… kunstgewerbliche Arrangements sogenannter Klangobjekte, wie man sie als Gebrauchsmusik beim Film, Hörspiel und bei Bühneneffekten verwenden kann."

Es entbrennt eine damals erbitterte, heute merkwürdig marginale Fehde um die Lautsprechermusik. Soll sie nun rein elektronisch oder elektroakustisch sein? Darf sie Mikrofone einsetzen oder ausschließlich synthetische Klänge?

Ausschnitt Stockhausen: Gesang der Jünglinge

Ironie der Geschichte: Auch die definierende Komposition Stockhausens Der Gesang der Jünglinge enthält Tonbandaufnahmen eines Knabensoprans. In den sechziger Jahren wird die Klangkunst, vor allem die elektronische Musik zum internationalen Phänomen. Ihr kühler Chic erobert Film und Konzertsäle. In Tokio, Rom, Stockholm und München entstehen Studios für elektronische Musik. Bei der BBC realisiert der britische Radiokünstler Barry Bermange sein Großwerk Four Inventions for Radio - zugleich ein Meilenstein des O-Ton-Hörspiels - mit der sphärischen Musik Delia Derbyshires, die musique concrète und Elektronik kombiniert.

Ausschnitt Barry Bermange: Four Inventions - The Afterlife

In den siebziger Jahren betritt der kanadische Komponist und Klangforscher R. Murray Schafer die Szene und etabliert die neue Wissenschaft der Akustischen Ökologie. Entscheidend für die Klangkunst wird sein unübersetzbarer Neologismus der soundscape. Er definiert ihn als …

Zitat Schafer: "… die akustische Umwelt, eigentlich jeder Aspekt einer akustischen Umgebung, der als Untersuchungsgegenstand bestimmt wird. Der Begriff verweist sowohl auf reale Umwelten als auch auf abstrakte Strukturen, wie etwa die Musikkomposition und die Tonbandmontage, insbesondere wenn diese als Umgebungen aufgefasst werden."

Ausschnitt Soundscape

1973 übernimmt der WDR Schafers Vancouver Soundscape, die eine unübersehbare Folge von Klanginstallationen nach sich zieht. Der Soundkünstler Bill Fontana errichtet ab den 1980er Jahren sogenannte "Klangbrücken" zwischen Köln und Kyoto respektive San Francisco. Fontanas riesige Spektakel überschreiten die Grenzen des Radios und berühren Medienkunst, Performance und Land Art.

Viele Jahre bleibt der Terminus "Akustische Kunst" unter dem Dach des WDR. Hörspiel, Neue Musik, Lautpoesie und Elektronik verschmelzen zu stetig neuen Amalgamen. Unter der Ägide des langjährigen Dramaturgen Klaus Schöning geben sich im Funkhaus am Wallrafplatz die Klinke in die Hand: Carola Bauckholt, Barry Bermange, John Cage, Pierre Henry, Ernst Jandl, Mauricio Kagel, Friederike Mayröcker, Gerhard Rühm und viele andere. Um die Jahrtausendwende geht Klaus Schöning mit einer ganzen Dramaturgen-Generation in Rente. Bereits seit den 1990ern haben andere die Geschicke des Hörspiels gelenkt. 

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