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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 03.01.2014

GeschichteDer Egoismus lebt noch immer

Erster Weltkrieg sollte Europas Regierungen eine Warnung sein

Von Ernst Piper

Eine Militäreinheit marschiert Richtung Moskauer Innenstadt vor ihrem Abtransport an die Front, 1917 (picture alliance / Itar-Tass)
Eine Militäreinheit marschiert Richtung Moskauer Innenstadt vor ihrem Abtransport an die Front, 1917 (picture alliance / Itar-Tass)

Ein Krieg zwischen europäischen Ländern? Heute eigentlich undenkbar. Doch der Historiker Ernst Piper sieht durchaus Parallelen zwischen der Eskalation von einst und der aktuellen Krise Europas. Er warnt vor dem Beharren auf nationalen Interessen.

Der bevorstehende 100. Jahrestag hat uns eine Fülle neuer Bücher über den Ersten Weltkrieg beschert. Eines der wichtigsten stammt von Christopher Clark. Am Ende kommt er auf die Herausforderungen zu sprechen, mit denen die Europäische Union derzeit konfrontiert ist. Dieser Bezug zur Gegenwart ist kein Zufall.

Ausgangspunkt für den Ersten Weltkrieg war ein Konflikt zwischen Österreich und Serbien. Entscheidend war aber nicht nur das Attentat von Sarajewo, sondern die Art und Weise, wie die Akteure damit umgingen. Keiner der maßgeblichen Staatsmänner war willens oder in der Lage, dem Spiel mit dem Feuer Einhalt zu gebieten. Es fehlte an Mut und Entschlossenheit.

Krieg galt damals als ein legitimes Mittel der Politik, die Vergrößerung des eigenen Territoriums auf Kosten angrenzender Staaten als legitimes Kriegsziel. Als der SPD-Vorsitzende August Bebel nach der zweiten Marokkokrise im November 1911 im Deutschen Reichstag davor warnte, dass alles könne in einem "großen Kladderadatsch" enden, schallte ihm aus den Reihen der Konservativen der Zwischenruf entgegen: "Nach jedem Kriege wird es besser!"

Tatsächlich trat Bebels Vorhersage ziemlich genau ein. Die konservativen Eliten hatten "ihrer eigenen Staats- und Gesellschaftsordnung das Totenglöcklein" geläutet und mehr als 15 Millionen Männer waren in den vier Kriegsjahren auf den Schlachtfeldern geblieben.

1919 versuchten die Siegermächte in Versailles eine europäische Nachkriegsordnung zu etablieren. Der amerikanische Präsident Woodrow Wilson wollte das Selbstbestimmungsrecht der Völker zur Grundlage der Friedensverhandlungen machen, was aber nur sehr partiell gelang, weil die realpolitischen Interessen der europäischen Siegermächte dem in vielem entgegenstanden.

Ein drängendes Problem waren die vielen nationalen Minderheiten, die durch die radikal veränderte politische Landkarte entstanden. Um sie zu schützen, sollten nicht nur individuelle, sondern auch kollektive Menschenrechte vertraglich gesichert werden wie das Recht auf die eigene kulturelle Tradition, Sprache und Religion.

Das Konzept von Versailles ist gescheitert

Durchgesetzt hat sich dann aber nicht das Konzept von Versailles, sondern der Geist des Vertrags von Lausanne, der nach dem Griechisch-Türkischen Krieg 1923 zu einem Bevölkerungsaustausch von fast zwei Millionen Menschen führte. Er wurde zur Blaupause für unzählige weitere Versuche der ethnischen Entmischung, die für Millionen von Menschen entsetzliches Leid mit sich brachten.

Ein großer Fortschritt ist es zweifellos, dass aus den jugoslawischen Kriegen nicht ein europäischer Flächenbrand wie 1914 entstanden ist, sondern im Gegenteil die internationale Staatengemeinschaft sogar interveniert hat, um dem Morden Einhalt zu gebieten.

Tatsächlich ist ein Krieg etwa zwischen Frankreich und Deutschland heute nicht mehr denkbar, und das ist ein gewaltiger Fortschritt. Aber, Christopher Clark spricht es an, auch die Akteure der Eurokrise waren sich der Tatsache bewusst, dass ein Ausgang im Bereich des Möglichen lag, der katastrophale Folgen haben würde.

Und genau wie 1914 hofften sie, dass es nicht so weit kommen würde, was sie aber nicht daran hinderte, weiterhin eigene Interessen zu verfolgen. Vielmehr nutzten sie während der Eurokrise die Möglichkeit einer allgemeinen Katastrophe aus, um sich bestimmte Vorteile zu verschaffen.

Ein Jahrhundert nach dem Ersten Weltkrieg gibt es eine Fülle internationaler Verträge und Institutionen, um bewaffnete Konflikte zu verhindern. Aber genauso gibt es noch immer Regierungen, die sich vor allem dem nationalen Interesse verpflichtet sehen, oder dem, was sie dafür halten, gibt es Egoismus und Kurzsichtigkeit, und die Versuchung mit dem Feuer zu spielen, ist unverändert groß. Wirklich beruhigend ist das nicht.

Der Historiker Ernst Piper. (Foto: Cordula Giese /Copyright: Ernst Piper)Der Historiker Ernst Piper. (Foto: Cordula Giese /Copyright: Ernst Piper)Ernst Piper, 1952 in München geboren, hat Geschichte, Philosophie und Germanistik studiert, lebt heute als Historiker in Berlin und ist Privatdozent für Neuere Geschichte an der Universität Potsdam. Ernst Piper hat zahlreiche Bücher geschrieben, unter anderem eine "Kurze Geschichte des Nationalsozialismus" (2007) und "Nacht über Europa. Eine Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs" (2013).

 

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