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Religionen / Archiv | Beitrag vom 04.08.2012

Geschaffen zum Spiel

Theologische Assoziationen zu einem menschlichen Grundbedürfnis

Von Susanne Krahe

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Der Tischtennis-Spieler Dimitrij Ovtcharov freut sich über seine Bronze-Medaille. (picture alliance / dpa / EPA / Bernd Thissen)
Der Tischtennis-Spieler Dimitrij Ovtcharov freut sich über seine Bronze-Medaille. (picture alliance / dpa / EPA / Bernd Thissen)

So skeptisch die Briten erst waren, so begeistert scheinen sie jetzt von den Olympischen Spielen. Und auch bei uns kommt keiner an den Spielen vorbei - noch zumal jetzt, wo auch Medaillen gewonnen werden. Aber warum fasziniert uns das Spiel? Weil wir im Grunde dazu geschaffen sind?

"Ihr wisst doch, dass an einem Wettlauf viele teilnehmen; aber nur einer bekommt den Preis, den Siegeskranz. Darum lauft so, dass ihr den Kranz gewinnt! Alle, die an einem Wettkampf teilnehmen wollen, nehmen harte Einschränkungen auf sich. Sie tun es für einen Siegeskranz, der vergeht. Aber auf uns wartet ein Siegeskranz, der unvergänglich ist." (1 Kor 9,24f)

Der Apostel Paulus als olympischer Langläufer? Ein ungewohntes Bild in der Bibel, aber ganz auf seine sportbegeisterten Leser zugeschnitten. Ein paar Jahre, bevor Paulus die Korinther mit diesem Vergleich zum Durchhalten im christlichen Glauben anspornen wollte, waren in der Stadt die Isthmischen Spiele neu eröffnet worden. Zur antiken, olympischen Leichtathletik gehörte der Wettlauf, zur Schwerathletik der Faustkampf.

"Darum laufe ich wie einer, der das Ziel erreichen will. Darum kämpfe ich wie ein Faustkämpfer, der nicht daneben schlägt. Ich treffe mit meinen Schlägen den eigenen Körper, so dass ich ihn ganz in die Gewalt bekomme." (1 Kor 9, 26-27)

Die alten Griechen wussten damals genauso so gut wie wir heute: Ohne Disziplin und hartes Training ist im Sport keine Medaille zu gewinnen.

"Ich glaube, jeder Mensch ist von Natur aus mit einem mehr oder weniger geschärften Ehrgeiz ausgestattet. Und das Ziel des Spielens ist, mindestens ein Tor mehr zu schießen als der Gegner. Das treibt alle Fußballer an und alle Fußballer wollen immer gewinnen, weil gewinnen natürlich heißt: Positive Presse, positives Ansehen, jeder klopft dir auf die Schulter..."

Das sagt Norbert Dickel, der ehemalige Spitzenstürmer von Borussia Dortmund. Seine Zeit als Fußball-Profi ist seit über 20 Jahren vorbei, aber auch als Stadionsprecher und Mitarbeiter im Management-Bereich ist er seinem Verein bis heute eng verbunden. "Der Held von Berlin!" So wird Norbert Dickel in seiner Heimatstadt noch heute betitelt. 1989, nach einer langen Durststrecke der Borussen, trug er mit zwei Toren zum spektakulären Pokalsieg gegen Werder Bremen bei: Sein sportlicher Höhepunkt, und die Erfüllung eines Traums.

"Und dann das Spiel gegen die übermächtigen Bremer zu gewinnen, das war für uns Spieler natürlich etwas ganz Besonderes, so ganz klar mit 4:1 zu gewinnen. Die Tage danach, die gehen aus dem Kopf nicht raus, als wir nach Dortmund zurück gekehrt sind."

Was in der Antike die Olympischen Spiele waren, ist im Deutschland von heute der Fußball: Ein sportliches, aber auch ein gesellschaftspolitisches Großereignis, in dem es längst um mehr geht als um einen Siegerkranz aus Fichte oder Lorbeer. Auch Norbert Dickel hat in seinem heutigen Job mit der Vermarktung des Fußballspiels zu tun. Trotzdem: Als die eigentliche und effektivste Triebfeder des Sports bezeichnet er die Leidenschaft für den Fußball, nicht die Aussicht auf das große Geld.

"Man muss als Erstes mal wissen: Alle, die jetzt in der Bundesliga spielen, die haben irgendwann angefangen, weil ihnen Fußball Spaß macht. Und dass sie besonders talentiert sind, hat sich in den nächsten Jahren erst herauskristallisiert. Und sicherlich ist es die Aufgabe des Trainers, des Vereins, immer dafür zu sorgen, dass die Jungs Spaß am Spiel haben. Und gerade in der Mannschaft. Jetzt bei Borussia Dortmund sieht man, dass den jungen Spielern einfach dieses Spiel Fußball unheimlich viel Spaß macht, und die laufen füreinander, die rennen und kämpfen, und das ist das Besondere und das Schwierige bei einer Mannschaft, den Spaß am Spiel zu erhalten."

Sportlicher Wettkampf ist nicht die einzige Art, in der wir Menschen unser Grundbedürfnis des Spielens entfalten. Wir spielen in jedem Alter und jeder Lebenslage: Allein oder vor dem Bildschirm, mit einem Partner, mit Gegenständen, mit Worten oder mit dem Schicksal, gegeneinander und füreinander, voreinander und miteinander.

Wir tüfteln uns Strategien aus oder drehen Däumchen, ohne uns dessen bewusst zu sein. Wir spielen Theater, zielen mit Murmeln, entlocken einem Musikinstrument Töne, erfinden uns eine zweite Identität im virtuellen Raum des Internets. Wir setzen Glück und Geld auf eine Karte, verzocken ein fremdes Erbe an der Börse, riskieren sogar unser Leben.

Dass die deutsche Sprache – anders als das Englische – nicht zwischen "game" und "play" unterscheidet, macht den Spiel-Begriff verführerisch unpräzise. Das Wort eröffnet ein weites Spektrum von Assoziationen, balanciert aber zugleich auf einem schmalen Grat zwischen Rausch und Disziplin, Sucht und Lebensgenuss, Leichtsinn und Leidenschaft.

"Nun gut, was ist nun eigentlich der Witz des Spiels? Warum kräht das Baby vor Vergnügen? Warum verrennt sich der Spieler in seine Leidenschaft, warum bringt der Wettkampf eine tausendköpfige Menge zur Raserei?"

Das fragte sich im Jahre 1938 der Kultur-Anthropologe Johan Huizinga. Die Antwort des Niederländers gilt noch immer als klassische Definition des Spielbegriffs:

"Spiel ist eine freiwillige Handlung oder Beschäftigung, die innerhalb gewisser festgesetzter Grenzen von Zeit und Raum nach freiwillig angenommenen, aber unbedingt bindenden Regeln verrichtet wird, ihr Ziel in sich selber hat und begleitet wird von einem Gefühl der Spannung und Freude und einem Bewusstsein des 'Andersseins' als das 'gewöhnliche' Leben."

Spielen geschieht innerhalb von zeitlichen und räumlichen Grenzen außerhalb des Alltags. Es ist immer freiwillig – und vor allem zweckfrei. Es hat seinen Sinn in sich selbst und entzieht sich dem Nützlichkeitsdenken. Das heißt nicht, dass es – etwa in der Entwicklung eines Kindes oder bei der gesellschaftlichen Sozialisation von Randgruppen – auch nützliche Funktionen zeitigen könnte.

Indem wir spielen, lernen und bilden wir uns auch. Aber wir spielen nicht, um zu lernen. Das würde einer weiteren Grunderfahrung widersprechen: Wie ein Spiel ausgeht, ist offen und unplanbar. Diese Unberechenbarkeit macht seine Spannung, aber auch den Freiraum aus, den es eröffnet.

In Gesellschaftsspielen geht es, anders als im Sport, nicht um große Erfolge. Ihr Reiz liegt in der entspannenden Spannung, die außerhalb von Planbarkeit und Nützlichkeit entsteht. Frei von den üblichen Alltagszwängen und Routinen, werden überraschende Reserven ausgegraben.

"Schön ist auch, wenn man bei so Spielen auch bluffen kann. Die reinste Unschuldsmiene aufsetzen und dann irgendwelche Aktionen im Hinterhalt vorbereiten, und dann kommt man damit raus, und alle Anderen hätten überhaupt nicht damit gerechnet. Ein diebisches Vergnügen, wenn ich damit alle anderen überrasche, womit keiner gerechnet hat."

So das Geständnis von Johannes Doering. In seinem Alltagsleben als Pfarrer in Unna kann er sich bestimmte Verhaltensweisen, zu denen die gesellige Spielrunde den Rahmen liefert, nicht erlauben. Eines seiner Lieblingsspiele ist "Activity"; ein Brettspiel, in dem es um das Erraten von Begriffen geht. Dazu müssen Teams gebildet werden.

Die gesuchten Begriffe müssen entweder pantomimisch dargestellt oder mit Worten umschrieben oder durch eine Zeichnung erklärt werden. "Activity" setzt also nicht auf Glück oder Zufall, sondern auf verschiedene Fertigkeiten der Mitspieler. Entscheidend für den Erfolg sind aber nicht die Qualitäten der Einzelnen, sondern ihre Fähigkeit, mit den Partnern zu kommunizieren und die persönlichen Stärken für die eigene Mannschaft fruchtbar zu machen. Das Gegeneinander wird als Miteinander ausgefochten.

Auch der Mannschaftssport bezieht seine Anziehungskraft aus dem Gemeinschaftserlebnis. Ex-Fußballer Norbert Dickel weitet das Gemeinschaftserlebnis sogar noch über das Spielfeld hinaus aus. Die, die mit- und gegeneinander antreten, ziehen ein großes Publikum mit ins Geschehen, wie auf einer Bühne.

"Ich glaube, in Gemeinschaft mit den unfassbar vielen Fans und der Aufmerksamkeit, die man in der Öffentlichkeit hat, fasziniert Fußball jeden Menschen."

Ohne Engagement der Spieler macht das Spielen keinen Spaß. Umgekehrt kennt aber jeder und jede auch die Folgen eines allzu verbissenen Einsatzes, etwa eines Fouls, oder den Ärger, den jemand bei seinen Mitspielerinnen provoziert, wenn er oder sie die Püppchen einfach hinschmeißt.

"Nur eine(r) kann gewinnen. Alle anderen üben verlieren. Die häufigste Erfahrung, die wir beim Spielen machen, ist das Verlieren."

Diese These von Harald Schröter-Wittke hört sich zunächst banal an. Aber der Professor für Praktische Theologie, selbst Erfinder eines Brettspiels, verbindet tiefes, existentielles und theologisches Lernen mit der spielerischen Einübung des Verlustes.

Schon der ärgerliche Rausschmiss beim "Mensch, ärgere dich nicht"-Spiel kann als eine Art Todeserfahrung verstanden werden. Auch die tiefe Versunkenheit in ein Spiel, mit der wir aus der Zeit und unseren alltäglichen Sorgen entgleiten, ist dann eine Methode, der ständigen Erinnerung an das Sterben zu entkommen .

Nach Harald Schroeter-Wittke erfahren wir im Spiel, wie wenig Herrin und Herr wir im eigenen Haus sind. Aber gleichzeitig bekommen wir einen Vorgeschmack von Unendlichkeit und Himmel . Aus dieser Hingabe an das, was außerhalb unserer Kontrolle liegt, ergibt sich auch eine Chance: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Während im Leben die Entscheidungen unrevidierbar erscheinen, können Spiele wiederholt werden. Die Karten werden einfach neu gemischt. Neues Spiel, neues Glück, Ende wieder offen.

War es diese prinzipielle Offenheit für neue, andere Möglichkeiten, die Norbert Dickel half, über das unfreiwillige Ende seiner Profikarriere hinweg zu gelangen? Schon kurz nach dem Pokalsieg seiner Mannschaft in Berlin, das den Stürmer zur Legende machte, spielte sein Knie nicht mehr mit.

"Also ich bin mit voller Leidenschaft immer Fußballer gewesen, und wenn dir dann ‘n Arzt sagt "Norbert, das wird nichts mehr, du kannst nicht mehr spielen", das ist echt ein Schlag mit ‘nem Baseballschläger ins Gesicht, das ist nicht ganz einfach."

Aber das Leben war eben nicht zu Ende, lediglich die Karriere als Profispieler. Das "Aus" auf dem Fußballplatz war der Startschuss für einen Neuanfang. Zunächst probierte der gelernte Werkzeugmacher sich auf anderen Berufsfeldern aus – bis ihm dann von seinem alten Verein das Angebot gemacht wurde, ins Management der Borussen einzusteigen.

"Zwei, drei Jahre hat das schon gedauert, bis ich das dann endlich auch begriffen hatte: Du wirst keinen Fußball mehr spielen. Du wirst aktiv auf dem Platz nicht mehr dabei sein. Und dann hab ich mich halt meinem Job hingegeben, der musste auch ausgeführt werden, das macht mir auch 'nen Riesenspaß, Gut, du bist zwar etwas weg von der Mannschaft, aber dadurch, dass du Stadionsprecher und Moderator in vielen Dingen bist, dadurch bist du auch wieder eng an der Mannschaft. Und das hat mir auch weitergeholfen, diese nicht ganz so einfache Phase positiv gestimmt zu überstehen."

Wenn eine spielerische Einstellung zum Leben wirklich weiterhilft, Krisen zu bewältigen, verspricht sie auch ernst zu nehmende Impulse zu geben für den Umgang mit Konflikten, und zwar nicht nur im persönlichen Leben. Auch unsere Gesellschaft steht mit einer Fülle offener, ungelöster Fragen vor einem Umbruch. Pfarrerin Petra Dais aus Stuttgart wünscht sich, dass im Umgang selbst mit globalen Problemen die Haltung des Spiels öfter eingeübt wird, zum Beispiel in unseren Schulen.

"Denn es geht ja darum, letztendlich auch angesichts von Ausweglosigkeit sich neue Möglichkeiten zu eröffnen. Und ich glaube, da spielt das Spiel 'ne ganz große Rolle, im Feld von Experimentieren, in der ernsthaften Suche nach neuen Möglichkeiten, wie dieses Leben auf dieser Welt weitergehen kann."

Petra Dais ist Jugendpfarrerin in Stuttgart. In der dortigen "Jugendkirche" hat sie die Chance, mit jungen Menschen großflächig ins Spiel zu gehen, wie sie es ausdrückt. Acht Wochen im Jahr wird ein ganzer Kirchenraum in ein Atelier verwandelt. Die Kirche öffnet ihren Raum für Kinder und Jugendliche, damit sie ihre eigene Lebenswelt hineintragen, ausdrücken, gestalten.

Die Stuttgarter Jugendkirche hält für ihre Projekte Kontakt mit örtlichen Künstlern, versteht ihre eigene Bildungsarbeit als ästhetischen Bildungsprozess. Diese Idee wird aus der Bewegung der "Playing Arts" übernommen, die sich Anfang dieses Jahrhunderts in der evangelischen Jugendbildungsarbeit geformt hat, und zwar in Zusammenarbeit mit Kunst- und Theaterpädagogik.

"Und wir sagen, dass "Playing Arts" sozusagen das Dreieck zwischen Kunst, Alltag und Spiritualität beschreibt. Wir gehen davon aus, dass Kunst und Leben etwas miteinander zu tun hat, also dass viele Künstler ihre Themen ja aus Alltagsthemen holen, und dass viel Kunst auch mit Spiel zu tun hat, und dass es darum geht, selber ins Spiel zu kommen. Also "Playing Arts" ist letztendlich eine Haltung, das Leben spielend anzugehen."

Schon der Kulturanthropologe Huizinga hatte 1938 in seinem Buch-Klassiker "Homo Ludens" erkannt: Das Spiel ist der Anfang von Kult und Kultur. Beide gehen auf das archaische Empfinden von "Ergriffenheit" zurück – was vielleicht den Zauber, die Gänsehaut, die Begeisterung von Sportfans im Stadion ebenso erklärt wie das nicht unähnliche Empfinden bei einem Kirchenkonzert.

Ästhetische und religiöse Prozesse sind untrennbar miteinander verschränkt, und beide wirken zudem politisch. Auf dieser Basis der Verschränkungen bietet das Spiel für Petra Dais die Chance, die gewohnte Wirklichkeit aus einer erweiterten Perspektive wahrzunehmen und neue Möglichkeiten zu entdecken.

"Man kann es zum Beispiel auch im Kinderspiel ganz gut sehen. Wenn wir davon ausgehen: Dieser Stuhl, der ist einfach zum Sitzen da, er hat ne klare Funktion, dann erlebt man ja Kinder oft so, dass die sozusagen in diesem Objekt noch viel, viel mehr sehen. Da wird dieser Stuhl plötzlich zum Schiff, und der Küchenboden wird zum Meer, und die Funktion erweitert sich."

Petra Dais meint nicht nur das freie Spiel der Fantasie, sondern auch die Möglichkeit, die neuen Vorstellungen gleich körperlich auszuspielen. Dazu bietet die Jugendkirche Materialien und Werkzeuge an. Sogar der politische Alltag kann von einer spielerischen Neudeutung der Verhältnisse beeinflusst werden.

Die Pfarrerin berichtet von dem politischen Widerstand der Demonstranten gegen den Neubau des Stuttgarter Hauptbahnhofs. In Presse und Fernsehen war fälschlicher Weise verbreitet worden, die Demonstranten hätten mit Pflastersteinen gegen Polizisten geworfen.

"Und es wurde dann ja am gleichen Abend auch zurückgenommen und gesagt: Es waren die Kastanien im Park, die geworfen wurden. Und ich glaube, es war schon am nächsten Tag, als dann jemand die Kastanien in kleine Beutelchen gepackt hat und drauf geschrieben hat: Stuttgarter Pflastersteine. Und wir haben das dann auch nachgemacht und haben diese Stuttgarter Pflastersteine, die Kastanien, weiter verschenkt. Und das fand ich 'nen ganz gutes Beispiel dafür, wie sozusagen, in einer Situation, wo man so, so machtlos sich gefühlt hat, durch diese Verdrehung, durch diesen Witz, der da auch drinsteckte. Es wurde dann ein richtiges Spiel daraus – letztendlich auch ein Thema offen gehalten wurde. Also, es hatte dann ja auch ‘ne Leichtigkeit, ‘nen Witz, und die Absurdität wurde sichtbar gemacht. Und dann die Verbissenheit teilweise genommen."

Verbissenheit und Erstarrung, das sind für Petra Dais die Gegenbegriffe zum Spiel. Spielend werden Verkrampfungen gelöst. Es kommt in Gang, was gelähmt schien. Die traditionelle Gegenüberstellung von Spiel und Ernst, oder von Spiel und Arbeit, trägt nicht mehr. Wer wollte die Ernsthaftigkeit des Kinderspiels bestreiten? Auch die Kunst ist ein Beispiel für die Einbindung des Spiels in ernsthafte Arbeitsprozesse, zu denen auch Disziplin und Fleiß gehören. Erst recht gilt das für den Profisport.

"Wenn du vier Mal hintereinander verlierst, wird Fußball ernst."

Bevor sie ad acta gelegt wurden, haben die scheinbaren Gegensätze von Spiel und Ernst bzw. Arbeit in der Theologie lange Zeit eine positive Einstellung zum Spielen verhindert. Gerade bei den Protestanten galt Spielen als leichtsinnig, als Laster. Nicht zur Tändelei, nicht zur Verschwendung von Zeit und Energie, sondern zum heiligen Ernst des Gottesdienstes und zur Erfüllung seiner Arbeitspflichten sei der Mensch geschaffen.

Friedrich Schiller leitete eine Wende in der Auffassung ein, als er in seiner Schrift zur Ästhetik den Kern des Menschen in dessen Freiheit zum Spiel verortete.

"Denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt."

Hatte nicht bereits die hebräische Bibel den Menschen als Homo ludens, als einen Spielenden charakterisiert?

"Am Anfang hat der HERR mich geschaffen, ich war sein erstes Werk vor allen anderen." (Spr 8, 22)

sagt die Weisheit im biblischen Buch der Sprüche.

"In grauer Vorzeit hat er mich gemacht, am Anfang, vor Beginn der Welt.
Als ich geboren wurde, gab es noch kein Meer,
und keine Quelle brach aus der Tiefe hervor.
Ich war dabei, als er den Himmel wölbte
und den Kreis des Horizonts festlegte über den Tiefen des Ozeans."
(Spr. 8,23ff)

Die Weisheit als Zeugin bei der Schöpfung; oder als Muse? Als Mitarbeiterin gar? Hat der Schöpfer ihr als Partnerin die Bälle zugespielt, bevor er ihnen den endgültigen Platz in der Materie zuwies? Hat er den Bewegungen, dem Auftritt der Weisheit zugeschaut, während er sein ernstes Werk in Angriff nahm?

"Da war ich als Kind an seiner Seite,
ich freute mich an jedem Tag und spielte unter seinen Augen.
Ich spielte auf dem weiten Rund der Erde
und hatte meine Freude an den Menschen."
(Spr. 8,30f)

Die Weisheit spielte vor Gott. Während der Schöpfer verschiedene Stoffe kombinierte, hatte er die unerwarteten Sprünge eines spielenden Kindes vor Augen. So lässt sich nicht nur der unendliche Variantenreichtum des Lebens erklären. Petra Dais:

"Das ist ja auch ganz interessant, dass hier das Spiel sozusagen als Impuls für den Schöpfer und für die Tätigkeit Gottes als Schöpfer eine Rolle spielt; also dass die Schöpfung nicht als klar geplantes, architektonisches Wesen dargestellt wird, sondern dass die Schöpfung selbst ihre Energie, ihre Kraft nimmt aus dem Spiel."

Die Schöpfung bewegt sich in dem von Gott eröffneten Spielraum, die Gesellschaft gründet sich auf vorgegebenen Regeln, wie sie zum Beispiel in den Zehn Geboten verdichtet sind, oder auf Ritualen, die unseren Alltag strukturieren. Aber, so Petra Dais, wir haben die Kompetenz und die Freiheit, diese Regelkreise auch mal zu durchbrechen – wie auch Jesus es immer wieder wie ein Künstler vorgespielt hat.

"Und er hat, glaube ich, gerade deswegen auch so stark gewirkt, weil er immer wieder selbstverständliche Dinge umgedreht hat."

Kirchen und Gottesdienste als Spielräume des Lebens und des Glaubens, Seelsorge als interaktive Plattform, in der Therapeut und Klienten sich gegenseitig die Bälle zuwerfen, eine Religionspädagogik, die mit dem Lernen vor allem eine Einübung in das Lebensspiel als Ganzes fördert. In der Praktischen Theologie ist die Spielbegeisterung vor etwa dreißig Jahren angekommen und mittlerweile fest verankert.

Predigt und Gottesdienst werden als "Kunststücke" verstanden und neu konzipiert. Durch veränderte Zugänge zur Bibel wie dem Bibliodrama sind neue Türen zu ihrem Verständnis geöffnet worden: Die Akteure, die biblische Szenen am eigenen Leib erfahren, dem Echo der alten Geschichten unter der eigenen Haut nachspüren und mit eigenen Körperbewegungen nachspielen, entdecken Untertöne und Strömungen, die beim bloßen Nachlesen und Nacherzählen des Textes unbemerkt bleiben.

Die Freiheit zu diesem souveränen Umgang mit der Tradition kann nur entwickeln, wer Bibel und Predigt nicht starr als ein für allemal gültige Wahrheiten auffasst. Beide sind vielmehr Kommentare zu ihren jeweiligen Lebenswelten, beide beziehen sich auf diesen konkreten Alltag. Hier gilt, was der Praktische Theologe Henning Luther in den 1990er Jahren formuliert hat:

"Spätmoderne Predigt versucht, biblische Texte in Szene zu setzen, in Szenen unseres Lebens zu versetzen. Setzt biblische Texte in Beziehung – in Beziehung zu anderen Texten, zu Texten gegenwärtiger und gegenläufiger Erfahrung, zu Texten der Welt. Die spätmoderne Predigt will nicht 'Wahrheit' produzieren Nur so kann deutlich werden, dass biblische Texte nicht Auskunft geben über eine andere Welt, hinter oder über unserer, sondern einen Kommentar abgeben zu unserer Welt. Als Kommentar zur Welt kann spätmoderne Predigt vielleicht dazu ver¬helfen, die Welt anders zu sehen."

Dieser andere Blick auf die Welt begreift sie als Spielfeld, auf dem ab und zu auch etwas riskiert werden muss. Das Ende ist offen.

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