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Lesart / Archiv | Beitrag vom 26.03.2015

Gesa Ufer liest Musik "Prolog" von Tocotronic

Von Gesa Ufer

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Der Bassist Jan Müller (l-r), Gitarrist und Keyboarder Rick McPhail, Schlagzeuger Arne Zank und Sänger Dirk von Lowtzow der Band Tocotronic am 16.03.2015 in Berlin (dpa / picture alliance / Britta Pedersen)
Tocotronic: Bassist Jan Müller (l-r), Gitarrist und Keyboarder Rick McPhail, Schlagzeuger Arne Zank und Sänger Dirk von Lowtzow (dpa / picture alliance / Britta Pedersen)

Mit Songs wie "Pure Vernunft darf niemals siegen" oder "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein" hat die Hamburger Band Tocotronic Texte geschrieben, die zu geflügelten Worten wurden. Ihr neues Album dreht sich um die Liebe. Die erste Single-Auskopplung "Prolog" versetzt den Hörer in eine beängstigende Szenerie.

Passend zum Tag der Arbeit am 1. Mai bringen die Musterschüler der Hamburger Schule ein echtes Konzeptalbum heraus. Arbeitstitel: "Das rote Album" – und zwar nicht nur an Anlehnung an politische Forderungen, nein, diesmal geht es den vier Musikern um nichts anderes als die Liebe in all ihren Spielarten.

Vor Kitsch und Schmalz muss sich bei den Diskursrockern zum Glück niemand fürchten. Im Gegenteil: Die erste Single-Auskopplung "Prolog" versetzt den Hörer mit Aplomb in eine beängstigende Szenerie.

Eines Morgens bist du in der Fremde
Aufgewacht. Deine Hände
Zittern noch, du hörst in dich hinein
Doch das wird erst der Anfang sein

In unwirtliche Stadt gespült

Gregor Samsa, ik hör dir trapsen. Wie bei Franz Kafkas berühmter Erzählung "Die Verwandlung", in der sich ein Mann morgens in ein Insekt verwandelt im Bett wiederfindet, haben sich auch hier in der Nacht unerklärliche Dinge abgespielt, die noch lange nicht ausgestanden sind.

Du weißt nicht, was dich geritten hat
In diese tote Küstenstadt
Um dich verstreut liegen deine Papiere
Muscheln und Schalentiere

Als Beifang muss das lyrische Ich in dieses Zimmer in einer unwirtlichen Stadt gespült worden sein. Jetzt sammelt es sich langsam, wie schwer verkatert, und kramt in seiner Erinnerung, wer oder was es ist.

Du spürst die Gifte im System
Willst nur den Abend übersteh'n
Da sind Löcher unter deiner Haut
Du bist aus Schwamm gebaut

Das Ungeheuerliche wird zur Tatsache: Die Haut des ehemals unversehrten Körpers ist durchlässig geworden, ab jetzt wird nur noch aufgesogen.

Ah ah ahhh

Von der Urgewalt der Liebe in Besitz genommen

Das mühsam angeeignete akademische Wissen, die Rückbesinnung auf Orte und Menschen, die sonst Halt gegeben haben, nichts scheint mehr als verlässlicher Orientierungspunkt zu funktionieren.

In der letzten Liedzeile erst klärt sich auf, was das lyrische Ich weggeschwemmt und zu einem willenlosen, schwammgleichen Objekt gemacht haben mag.

Jetzt wo auch dieser Tag zu Ende geht
Bemerkst du, wie der Wind sich dreht
Du zitterst noch und hörst in dich hinein
Liebe wird das Ereignis sein.

Die Urgewalt der Liebe also hat das lyrische Ich in Besitz genommen. Ob sie sich möglichicherweise noch vom kafkaesken Alptraum in einen Traum verwandelt, lässt sich an diesem Punkt nicht sagen. Nur soviel: Die ruhigen Zeiten inmitten der anderen Gelangweilten gehören bis auf weiteres der Vergangenheit an, denn: Die große Reise hat gerade erst begonnen.

 

Das neue Album von Tocotronic erscheint am 1. Mai.

 

 

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