Seit 19:30 Uhr Zeitfragen. Literatur
Freitag, 15.01.2021
 
Seit 19:30 Uhr Zeitfragen. Literatur

Interview / Archiv | Beitrag vom 26.05.2018

Geruchsforschung im MuseumDer Gestank von Schlachtfeldern im Ersten Weltkrieg

Sissel Tolaas im Gespräch mit Ute Welty

Podcast abonnieren
Französische Infanterie während der Schlacht um Verdun im Jahr 1916. (picture-alliance / dpa / AFP)
Die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg bleibt oft steril, deshalb können historische Gerüche die Vergangenheit sinnlich erfahrbarer machen. (picture-alliance / dpa / AFP)

Die Künstlerin und Geruchspädagogin Sissel Tolaas setzt darauf, dass Gerüche dabei helfen können, Geschichte erfahrbarer zu machen. In einem Berliner Labor rekonstruiert sie historische Düfte und Gestank, mit denen sie an Ausstellungen mitwirkt.

In Dresden wurde einigen Besuchern schlecht, weil die Rekonstruktion der Geruchssituation in den Schachtgräben im Ersten Weltkrieg sie so überwältigte. Die norwegische Künstlerin und Geruchspädagogin Sissel Tolaas hatte im Gespräch mit Militärhistorikern recherchiert, wonach es damals gerochen haben könnte und brachte das Ergebnis ihrer anschließenden Laborarbeit in eine Ausstellung zum Ersten Weltkrieg im Deutschen Militärhistorischen Museum in Dresden ein. 

Wiederkehr der Gerüche  

"Das ist toter Körper. Pferdekadaver, Erde, Schweiß, Senfgas – ja, alles, was man sich so von Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs vorstellen kann", sagte Sissel Tolaas  über die ausgewählten Geruchskomponenten im Deutschlandfunk Kultur. Für sie gehört der historische Geruch zur Vorstellung von Geschichte dazu. In der Gegenwart kritisiert sie die Überflutung durch süße Düfte, die der Gesundheit keineswegs gut täten. Alles rieche nach Blumen, Zitrone oder Granatapfel, so Tolaas.  

(gem)


Das Interview im Wortlaut:

Ute Welty: New Plymouth in Neuseeland wartet derzeit mit einer besonderen Ausstellung auf, die nicht nur etwas für Auge und Ohr bietet, sondern auch für die Nase. In New Plymouth in Neuseeland kann man nicht nur sehen und hören, wie es war, als die ersten Siedler aus Europa ankamen, man kann es auch riechen, was sicherlich eine Erfahrung ist, aber nicht immer eine angenehme, denn auf diesen ersten Siedlerschiffen hat es nicht nach Rosen geduftet, sondern es hat gestunken nach schmutziger Wäsche, nach Moder und nach Erbrochenem. Wie man solche historische Gerüche rekonstruiert, damit beschäftigt sich auch Sissel Tolaas, Künstlerin, Geruchspädagogin und eine Forscherin in Sachen Geruch in der Stadt. Guten Morgen!

Sissel Tolaas: Guten Morgen!

Welty: Riechen im Museum, das ist ja bislang eher die Ausnahme. Warum kann es durchaus Sinn machen, wenn eine Ausstellung auch eben den Geruchssinn anspricht?

Tolaas: Als Mensch ist man mit fünf Sinnen geboren. Und wir leben in einer Welt, wo es hauptsächlich darum geht, wie Sachen aussehen, und im besten Fall auch ein bisschen Text, und im allerbesten Falle auch ein bisschen Geräusche. Aber ich bin im Bereich Geruch seit mehr als 20 Jahren unterwegs und habe immer versucht, dieses Thema in verschiedener Art und Weise, in verschiedenen Kontexten rüberzubringen.

Und warum soll man nicht eine Geschichte auch mit Geruch erzählen? Die Welt, in der wir leben, ist meistens überdeckt mit Gerüchen, in anderem Sinne überdecken wir die Realität mit noch mehr Informationen, wenn ein Geruch per se Informationen geben könnte und so die Zuhörer oder Besucher mehr implizieren oder mit integrieren und auch emotional engagieren. Ich glaube, das ist ein Riesenfortschritt.

Mehr Transparenz

Welty: Sie selbst haben die Gerüche der Schachtgräben im Ersten Weltkrieg für eine Ausstellung kreiert, was dazu geführt hat, dass es etlichen Besuchern schlecht geworden ist. Macht das Spaß?

Tolaas: Es geht nicht um Spaß. Es geht, glaube ich, um Transparenz, um den Versuch, eine Geschichte ernst zu nehmen und ernst rüberzubringen, und was kann das besser als ein Geruch? Man reagiert darauf, was der Geruch zu vermitteln versucht. Und ich glaube, das ist sehr effizient, und man wird niemals diese Situation vergessen. Ich glaube, Geschichte generell hat immer das Problem, man engagiert sich kaum damit. Man konstatiert, das ist passiert –

Welty: Man nimmt es nicht mit nach Hause.

Tolaas: Exakt. Und der Moment, wenn man einen Geruch erlebt, diese Geschichte durch Geruch erlebt, engagiert man sich anders und versucht auch zu verstehen. Ich glaube, Emotion ist sehr wichtig, um zu verstehen.

HANDOUT - Das Foto zeigt die norwegischen Geruchsforscherin Sissel Tolaas in ihrem Labor in Berlin. München riecht nach Bier, Fleisch und teuerem Parfüm. Das hat die Tolaas herausgefunden. «In dem Duft Münchens steckt viel Tradition», sagte sie im Interview der Nachrichtenagentur dpa. Foto: privat/dpa (zu dpa "Wie riecht München? Geruchsforscherin fängt Duft der Stadt ein" vom 15.06.2013) | Verwendung weltweit (Foto: privat/dpa )Geruchsforscherin Sissel Tolaas in ihrem Berliner Labor (Foto: privat/dpa )

Welty: Wie kann man solche Gerüche rekonstruieren? Wie geht das konkret?

Tolaas: Ich habe ein Riesenlabor in Berlin, und in Verbindung mit diesem Labor habe ich auch mehrere Geräte, die mir erlauben, Gerüche digital aufzunehmen, zu analysieren und chemisch, in dem Fall synthetisch wiederherzustellen für verschiedene Zwecke. Und was hier auch ein wichtiges Argument ist, dass diese Gerüche – lassen Sie uns sagen, von Realität oder Geschichte, wie auch immer – kann man dann unendlich wiederherstellen.

Welty: Also Sie entwickeln quasi ein Rezept?

Tolaas: Eine Formel, ja. Und diese Formel ist mathematisch sehr präzise, das muss sehr präzise gemacht werden, um überhaupt nach zwei oder vier Jahren oder wie auch immer wieder rekonstruiert oder formuliert zu werden.

Pferdekadaver und Schweiß

Welty: Wenn wir jetzt bei diesen Schachtgräben aus dem Ersten Weltkrieg bleiben – was ist denn da drin in diesem Geruch?

Tolaas: Im Fall des Erstens Weltkriegs für das Deutsche Militärhistorische Museum in Dresden ist es schwierig für mich gewesen, eine Quelle zu finden, da die meisten Quellen schon nicht mehr gibt und auch keine Referenzen im Sinn von Menschen, die diesen Krieg erlebt haben. Also musste ich mich auf Geschichtsbücher und Storytelling verlassen. Und im Fall des Militärs habe ich Zugang zum professionellen deutschen Militär, die mir auch sehr gründlich Auskunft gegeben haben über Moleküle und Chemie, die im Krieg verwendet wurden, also Senfgas oder wie auch immer. Und auf Grundlage dieser ganzen Erzählungen habe ich dann einen Geruch rekonstruiert entsprechend der Botschaft, die ich rüberbringen wollte.

Militärhistorisches Museum der Bundeswehr, Hauptarsenalgebäude mit Keil, Dresden, Sachsen, Deutschland militärhistorisches Museum the Bundeswehr with Keil Dresden Saxony Germany (imago stock&people)Militärhistorisches Museum der Bundeswehr in Dresden (imago stock&people)

Welty: Aber was ist denn da drin? Sie können ja nicht mit echtem Senfgas arbeiten?

Tolaas: Das ist toter Körper. Pferdekadaver, Erde, Schweiß, Senfgas – ja, alles, was man sich so von Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs vorstellen kann. Ich habe vor Kurzem auch in Australien ein ziemlich ähnliches Projekt gemacht, die Geschichte der Landung in Melbourne, über die indigene Vergangenheit, und versucht, durch Geruch Geschichte zu erzählen. Und das war unfassbar.

Welty: Warum?

Tolaas: In Australien gibt es mehrere Themen. Das ist eine ziemlich komplexe Situation und ziemlich schwierig, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Sie wissen, was ich meine. Ich habe versucht, da durch Geruch diese Geschichte zu erzählen …

Welty: Auch so etwas wie Nähe herzustellen?

Tolaas: Nein. Eher, um den Leuten ein anderes Medium zu geben, ein Versuch, etwas mitzukriegen, Erfahrung hineinzubringen.

Leben ohne Seife

Welty: Kann man tatsächlich einen Unterschied ausmachen zwischen dem Geruch von schmutziger Wäsche im 19. Jahrhundert und dem Geruch von schmutziger Wäsche im 21. Jahrhundert?

Tolaas: Ein Vergleich? Damals gab es keine Seife. Vielleicht für die Achselhöhle, aber weniger für Klamotten. Man hat mit Wasser gewaschen, und das war's. Diese ganze Deodorisierung und Parfümierung und Sterilisierung ist Neuzeit. Wir machen das viel zu viel. Im Endeffekt hat keiner mehr reelle Informationen mehr. Alles riecht nach Blumen und Zitrone und Granatapfel, was Sie wollen. Es ist nicht gesund für den Körper, es ist nicht gesund für die Umwelt. Und ich glaube, wir brauchen mehr wahre Information, die sich in Gerüchen verbirgt. Und das kann alles sein, von Gerüchen von Geschichte bis zur Neuzeit.

Welty: Immer der Nase nach – dieser Satz hat für Sissel Tolaas eine besondere Bedeutung, denn sie ist Künstlerin und Geruchspädagogin. Ich danke sehr herzlich für den Besuch hier in "Studio 9"!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr zum Thema

Portrait - Portrait - Sissel Tolaas
(Deutschlandfunk Kultur, Breitband, 15.11.2008)

Kommunikation durch Geruch - Informationen im Urin
(Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 11.09.2017)

Kunstreihe über Geruch - Der Mond riecht nach Schießpulver
(Deutschlandfunk, Corso, 18.04.2016)

Interview

Homeschooling im Corona-JahrKein Sitzenbleiben
Ein Mädchen sitzt zu Hause an ihrem Schreibtisch und macht Aufgaben für die Schule. (picture alliance / dpa / Kira Hofmann)

Im Corona-Jahr müssen alle Schülerinnen und Schüler versetzt werden: Das fordert Marlis Tepe, die Vorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW, und sorgt damit für Diskussionen. Landesschülersprecher Lennart Seimetz beurteilt Tepes Vorschlag positiv.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur