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Studio 9 | Beitrag vom 21.07.2015

Germanwings-AbsturzBittere Klage gegen die Lufthansa

Von Benjamin Hammer

Insgesamt 150 Kerzen brennen vor der Trauerfeier für die Germanwings-Opfer im Kölner Dom. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
Insgesamt 150 Kerzen brannten währen der Trauerfeier für die Germanwings-Opfer im Kölner Dom. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

45.000 Euro Schmerzensgeld bietet die Lufthansa – die Erwartungen der Angehörigen sind sechsstellig. In einem Brief drücken Hinterbliebene der Opfer des Germanwings-Absturzes ihren Unmut darüber aus. Im Weg steht ihren Forderungen aber vor allem die deutsche Gesetzeslage.

"Sehr geehrter Herr Spohr", so beginnt der Brief an den Vorstandsvorsitzenden der Lufthansa.

"Wir wenden uns an Sie, um Ihnen unsere Enttäuschung über das Verhalten der Lufthansa mitzuteilen, seitdem ein Pilot Ihres Konzerns unsere Kinder getötet hat."

Der Brief, der auch diesem Sender vorliegt, ist der Lufthansa nach Angaben des Rechtsanwaltes der Angehörigen, Elmar Giemulla heute zugestellt worden. Unterzeichnet haben ihn – so steht es unter dem Brief – 32 Väter und Mütter der getöteten Kinder und Lehrerinnen aus Haltern am See sowie die Partner der Lehrerinnen. Bei dem Flugzeugabsturz über den französischen Alpen waren 18 Menschen aus Haltern getötet worden.

Es ist das erste Mal, dass sich Angehörige der Opfer des Germanwings-Absturzes mit so scharfen Worten an den Mutterkonzern Lufthansa wenden. Der Vorwurf: Lufthansa-Chef Spohr habe sich nicht genug um die sie gekümmert.

"Herr Gauck, Frau Merkel und Frau Kraft haben mit uns gesprochen. Sie nicht. Sie waren für Ihre Kunden da, nicht für uns."

Ein Sprecher der Lufthansa sagte diesem Sender: Man verstehe die Emotionalität der Angehörigen, es sei nachvollziehbar, dass diese wütend seien. Man bedaure aber, dass nun eine solche Schärfe in die Diskussion gebracht werde. Carsten Spohr, so der Sprecher, habe sich mehrfach mit Hinterbliebenen getroffen. Es gebe jedoch insgesamt rund 1000 Angehörige. Die könne der Lufthansa-Chef nicht alle persönlich sehen. Bislang habe man die Rückmeldungen zu der Betreuung positiv wahrgenommen.

Eine Beleidigung für uns und unsere toten Kinder

In dem Brief kritisieren die Angehörigen aus Haltern am See auch die von der Lufthansa angebotenen Zahlungen. Der Konzern hatte eine Soforthilfe von 50.000 Euro geleistet. Nun will die Lufthansa weitere 25.000 Euro Schmerzensgeld zahlen und zusätzlich 10.000 Euro pro nahem Angehörigen. Je nach Rechnung könnte so eine zusätzliche Summe von 45.000 Euro gezahlt werden.

"Das Leben eines jeden unserer Kinder mit 45.000 Euro zu bemessen, beleidigt uns und vor allem unsere Kinder zutiefst."

Rechtsanwalt Elmar Giemulla fordert, dass die Lufthansa zwischen 100.000 und 300.000 Euro zahlt. Auch er will sich mit dem Angebot der Lufthansa nicht abfinden.

"Das ist etwas, was die Hinterbliebenen als Schlag ins Gesicht empfinden. Die Hinterbliebenen waren in den ersten Monaten – zu Recht – durchaus sehr verständnisvoll, was die Situation der Lufthansa angeht. Es wurden dort ja auch von Seiten der Vorstandsebene sehr positive menschliche Signale ausgesandt. Jetzt plötzlich die Konfrontation. Und das Signal: Wir nehmen Euren Schmerz nicht richtig ernst. Ob das so gemeint, das sei dahingestellt. Aber das wird von den Hinterbliebenen so empfunden und dass das wahre Gesicht der Lufthansa sich jetzt erst zeigt, jetzt wo es um Cent und Euro geht, das ist eine sehr starke Enttäuschung." 

Von der Lufthansa heißt es, dass man mit dem Angebot deutlich über den deutschen rechtlichen Bestimmungen liege. Diese Feststellung wird auch vom Anwalt der Angehörigen nicht in Frage gestellt. Der Grund: Die Gesetze in Deutschland sehen traditionell relativ geringe Schmerzensgeldzahlungen vor. Außerdem bekommen Angehörige für ihr seelisches Leid in der Regel gar kein Schmerzensgeld ausgezahlt. Die Bundesregierung hat bereits im Koalitionsvertrag angekündigt, dass sie die Gesetze an dieser Stelle ändern will.

Rechtsanwalt Giemulla droht der Lufthansa, in den USA vor Gericht zu ziehen. Dort könnte das Schmerzensgeld in die Millionen gehen. Er betont aber auch: Man wolle in Deutschland keine amerikanischen Verhältnisse.

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