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Kompressor | Beitrag vom 14.10.2015

Germaine Krull im Gropius-BauRevolutionäre Fotografin

Von Barbara Wiegand

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Fotografien und Schriftstücke von Germaine Krull (1897-1985) sind im Martin-Gropius-Bau in Berlin zu sehen. (picture alliance / dpa / Rainer Jensen)
Fotografien und Schriftstücke von Germaine Krull (1897-1985) sind im Martin-Gropius-Bau in Berlin zu sehen. (picture alliance / dpa / Rainer Jensen)

In den 1920er-Jahren prägte Germaine Krull mit ihren Bildreportagen die Fotografiegeschichte. Mit schrägen Perspektiven und extremen Ausschnitten entwickelte sie eine ganz eigene Bildsprache. In einer Ausstellung in Berlin kann man sie jetzt wiederentdecken.

Es ist eine recht kleine Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, eine Retrospektive in nur zwei Räumen im Obergeschoß des Hauses. Und doch liegt eine große Faszination in dieser Begegnung mit Germaine Krull, in der Begegnung mit der 1897 in Posen geborenen Frau, die sich auch gern selbst fotografieren ließ.

Ganz burschikos mit Baskenmütze auf dem Kopf fährt sie auf einem dieser Porträts im eigenen Wagen durch die Straßen Monacos. Auf einem anderen lümmelt sie leger in orientalisch gemusterten Kissen  - und raucht.

So eigenwillig wie ihr Auftreten auf diesen Porträts, so ausdrucksstark sind viele der anderen Fotografien, die hier zu sehen sind.  Egal ob Germaine Krull darauf die Welt im Ganzen oder en Detail ablichtet, ob sie die Dinge schräg von unten, von oben oder von mittendrin betrachtet.

Kurator Michel Frizot:

"Sie war eine revolutionäre Fotografin, das kann man schon sagen. Ja, sie war überhaupt eine ungewöhnliche Frau, eine außergewöhnlich Frau für diese Zeit. 1920 schließt sie sie sich den kommunistischen Revolutionären in München an, in Russland muss sie 1921 ins Gefängnis und erkrankt dort an Typhus. Enttäuscht vom Bolschewismus zieht sie sich nach ihrer Rückkehr aus der Politik und lässt sich als Fotografin nieder."

Von den Bayern wegen ihres politischen Engagements ins Exil geschickt, zieht Germaine Krull Anfang der 1920er-Jahre nach Berlin. Hier entstehen Aktfotos, die im Deutschland der Freikörperkultur zwar keinen Skandal auslösen, aber doch in ihrer spielerisch erotischen Inszenierung experimentell wirken. Den weich geschwungenen Körpern setzt Krull bald kalten Stahl entgegen. Das Eisen hatte es ihr angetan.

"Das Besondere ist aber nicht, dass sie Eisen und Stahl fotografiert hat, sondern wie sie das getan hat. Etwa wenn sie von schräg unten nach oben fotografiert hat. Wenn sie Details so fotografiert hat, dass man nicht genau weiß, was auf dem Bild zu sehen ist."

Ein Labyrinth aus Eisenstreben

Kräne erinnern an ein filigranes Ballett im Himmel, der Eiffelturm, den sie nach ihrem Umzug nach Paris immer wieder fotografiert, wirkt wie ein Labyrinth aus Eisenstreben. Mit den schrägen Perspektiven, der Ausschnitthaftigkeit ist das nahe an der Fotografie des Neuen Sehens, mit denen vor allem Bauhaus-Fotografen in den 20er-Jahren stilistische Strukturen aufbrachen.

"Sie hatte keine Verbindung zu den Bauhaus-Fotografen. Sie war unabhängig und sie hatte ihre eigene Art, modern zu fotografieren."

Dieser eigenen Art, die Dinge neu zu sehen, wohnt oft ein verblüffender Zauber inne. Den Kohlköpfen, die sie in den Pariser Markthallen fotografiert, als wären es geheimnisvolle Hügel. Den Kohlekiepen, nebeneinander aufgereiht, wie im Gespräch vertieft.

Lohnende Wiederentdeckung

Es ist eine eigene Bildsprache, die sich auch später wiederfindet, in ihren Reportagen. Im Auftrag der Freien französischen Streitkräfte um General de Gaulle fotografiert sie die Schlacht ums Elsass. Später reist sie durch die Welt, Afrika, Fernost.

Dabei ist Germaine Krull längst nicht mehr nur Fotografin: In Bangkok leitet sie ein Hotel, in Nordindien lebt sie mit Anhängern des Dalai Lamas in einem Tempel. Die Fotos, die dabei entstehen, sind vielleicht nicht mehr so originell wie die Aufnahmen aus der  Pariser Zeit – sie faszinieren aber immer wieder durch den direkten und dabei liebevollen Blick, den Germaine Krull auf die Welt wirft.

1985 stirbt sie, fast vergessen, im hessischen Wetzlar. Sie jetzt im Martin-Gropius-Bau wiederzuentdecken, lohnt sich.

Germaine Krull - Fotografien
Ausstellung im Martin-Gropius-Bau Berlin
15. Oktober 2015 bis 31. Januar 2016

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