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Lesart | Beitrag vom 10.07.2020

Gerhard Stadelmaier: "Don Giovanni fährt Taxi"Auf der Bühne des Alltags

Gerhard Stadelmaier im Gespräch mit Joachim Scholl

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Journalist und Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier (Stöber)
Gerhard Stadelmaier war 26 Jahre Theaterkritiker für die "FAZ". Im Ruhestand hat er jetzt seine Alltagsbeobachtungen aufgeschrieben. (Stöber)

Mit seinen Theaterkritiken wurde Gerhard Stadelmaier zum Star des Feuilletons. In seinem Alltag erlebe er vieles, was ihn ans Theater erinnere, sagt er. Diese Geschichten hat er nun in seinem Buch "Don Giovanni fährt Taxi" aufgeschrieben.

Theater ist Gerhard Stadelmaiers Leben – und war es immer. Als Sechsjähriger besuchte er eine Schulaufführung. In der Pause zwischen dem letzten Vorhang und dem Schlussapplaus platzte es aus ihm heraus: "Zum Glück ist der Scheiß vorbei!" Viele Jahre später wurde daraus sein Beruf. 26 Jahre lang war Stadelmaier legendärer Theaterkritiker bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Im Ruhestand gehe er nur noch selten ins Theater und wenn, dann sei er "naturgemäß oft enttäuscht", sagt er. Seine Zeit nutze er heute vielmehr dazu, seine Mitmenschen zu beobachten – und seine Gedanken dazu aufzuschreiben. Sein Buch "Don Giovanni fährt Taxi" enthält zahlreiche seiner Alltagsbeobachtungen, denn es hieße ja schon bei Shakespeare: "Die ganze Welt ist eine Bühne."

Parallelen zum Theater

Und so fand Stadelmaier den Kern seiner Notizen in der Wirklichkeit. Der Rest sei "Ausschmückung und Weiterfantasieren". Drei Männer in einer Tankstelle hätten ihn beispielsweise an die drei Hexen in Shakespeares "Macbeth" erinnert. Die Männer hätten Bier getrunken, Zigaretten geraucht "und unverständliche Dinge vor sich hin gebrummelt". Aus diesen Beobachtungen habe er dann eine Geschichte entwickelt. 

Der Titel des Buches "Don Giovanni fährt Taxi" basiere wiederum auf einem Erlebnis, das er während einer Taxifahrt hatte. Der Fahrer habe ihn gefragt, ob er heute genug verdient hätte, um sich eine Frau kaufen zu können. "Nein, keine Prostituierte", habe er noch gesagt, er meine, sich die Dienste einer Frau für 14 Tage zu erkaufen, und ergänzt: "Also die reine ökonomische Liebe." Er habe den Taxifahrer hier als "erotischen Marktwirtschaftler" erlebt – und sofort Parallelen zu "Don Giovanni" gesehen.

"Wenn man in der Wirklichkeit die Augen auf macht und die Ohren spitzt vor allem, dann erlebt man seltsame und tolle Dinge." Man müsse diese nur aufschreiben und ausschmücken, sagt Stadelmaier. Das hat er nun also gemacht.

(nis)

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