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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 21.03.2018

Gerhard SeyfriedDer Comic-Zeichner aus der Sponti-Szene

Moderation: Katrin Heise

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Der Comiczeichner Gerhard Seyfried steht vor einem Plakat seiner Figur _Zwille" in seiner Wohnung in Berlin-Schöneberg. (picture alliance / Christoph Soeder/dpa)
Der Comiczeichner Gerhard Seyfried steht vor einem Plakat seiner Figur "Zwille" in seiner Wohnung in Berlin-Schöneberg. (picture alliance / Christoph Soeder/dpa)

Das Wimmelbild als Wahlplakat ist eine Erfindung des Berliner Comiczeichners Gerhard Seyfried. Mit bunten Zeichnungen unterstützte er den Grünen-Politiker Ströbele und später Die Linke. Auch die legendäre Comic-Figur "Zwille" stammt aus seiner Feder.

Der Berliner Zeichner Gerhard Seyfried ist 70 Jahre alt geworden. Sein Comic-Alter-Ego "Seyfretti" ist dagegen ebenso wenig gealtert wie die übrigen Figuren, die sein gerade erschienenes neuestes Werk "The Law Returns to Kreuzberg" bevölkern.

Den Helden Zwille kennen die Fans noch aus legendären Heften wie "Invasion aus dem Alltag" oder "Flucht aus Berlin". Ansonsten ist Seyfried vor allem für seine Wimmelbilder bekannt, etwa die Wahlplakate für den Grünen-Politiker Christian Ströbele oder seinen Entwurf für die Nutzung des Flughafens Tegel. Gezeichnet hat Seyfried eigentlich schon immer:

"Ich bin da von meinen Eltern unterstützt worden, auch mein Vater, der relativ gut zeichnen konnte, hat da geholfen. In der Schule ist es auch entdeckt worden, da hatte ich einen guten Zeichenlehrer… im Vergleich dazu einen sehr bösartigen Mathematiklehrer. Also bin ich fast völlig hilflos, wenn es um Mathematik geht."

Während einer Ausbildung zum Industriekaufmann nimmt ihn der Grafiker der Werbeabteilung unter seine Fittiche:

"Das war dann so, dass ich nach der Lehrzeit noch ein Jahr Praktikum bei ihm gemacht habe, und sehr, sehr viel von ihm gelernt habe."

"Irgendwie in der Sponti-Szene gelandet"

Den Kontakt zur linken Szene, in deren Kontext seine bekanntesten Werke erschienen sind, bekam Seyfried über die Bundeswehr, wie er sagt. Sein Vater unterstützte ihn in dem Wunsch, den Wehrdienst zu verweigern und um dieses Ziel zu erreichen, nahm er Kontakt zu pazifistischen Gruppen auf.

Mit Erfolg: Es fand sich ein Nervenarzt, der ihm attestierte, dass er aufgrund einer traumatischen Gesichtsverletzung keine Kopfbedeckungen tragen konnte.

Gerhard Seyfried beim Zeichnen  (picture alliance / Christoph Soeder/dpa)Gerhard Seyfried beim Zeichnen (picture alliance / Christoph Soeder/dpa)

"Erst war ich bei den Pazifisten ein bisschen aktiv und hab mir dann im Lauf der Zeit die linke Szene angeguckt und habe eigentlich alles ausprobiert, was es da so gab. Das war der Zeitraum zwischen '66 und '68. Da kamen dann Freunde, die sagten, wir sind bei den Trotzkisten, schau da doch mal rein. Das fand ich alles langweilig, diese ganzen K-Gruppen, wunderbar zersplittert, unendlich viele Gruppen. Da ist man halt so durch.

Bis ich irgendwie in der Sponti-Szene gelandet bin und damit aber auch bei Leuten, die das, was sie 'predigen' auch versuchen zu leben. Und das hat mir dann gefallen."

"Das Dritte Reich, die Kriege und all das Zeug"

Die ersten Comic-Figuren entstanden für die Münchner alternative Stadtzeitung "Blatt", sein erster eigener Comic Band "Wo soll das alles enden" wurde ein Überraschungserfolg, dem diverse weitere folgten und der den Zeichner bundesweit bekannt machte.

Seit einigen Jahren schreibt Gerhard Seyfried auch mehr als Sprechblasen und kurze Bildtexte: Mittlerweile hat er vier verschiedene historische Romane veröffentlicht.

"Man muss dazu sagen, dass ich immer schon historisch interessiert war. Das war immer so im Stillen bei mir, ich habe alles gelesen, was mit deutscher Geschichte zu tun hatte, vor allem das Dritte Reich, die Kriege und all das Zeug.

Ich bin dann mit meiner Kollegin Ziska 1999 nach Namibia eingeladen worden, um dort Vorträge zu halten vor deutsch-sprachigen Lehrern über die Verwendung von Comics im Sprachunterricht. Und da hatten wir Zeit und ich bin auf diese ganzen Spuren der deutschen Kolonialgeschichte gestoßen und dachte 'da schreibst du mal was für die Zeitung drüber'."

Die Menge des Materials legte dann allerdings eine Verwertung über einen Zeitungsartikel hinaus nahe – so entstand schließlich der Roman "Herero". Weitere Romane Seyfrieds befassen sich mit dem Boxeraufstand in China, linken Widerstandsbewegungen in Südamerika und dem U-Boot-Krieg zwischen England und Deutschland.

In diesen Büchern zeigt sich eine sehr ernsthafte Seite des Autors, der ansonsten der festen Überzeugung ist, dass man Gesellschaftskritik am besten mit Humor übt: "Verspotten ist sehr viel wirkungsvoller. Lächerlich machen ist der beste Weg."

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