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Buchkritik | Beitrag vom 25.05.2020

Gerhard Paul: „Bilder einer Diktatur“Fotos der NS-Zeit neu sehen und verstehen

Von Carsten Hueck

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Das Cover zeigt zwei Soldaten, einer der beiden filmt mit einer Handkamera. (Wallstein Verlag / Deutschlandradio)
Das Buch „Bilder einer Diktatur“ von Gerhard Paul (Wallstein Verlag / Deutschlandradio)

Fotos aus dem Fundus der NS-Propaganda formen bis heute die kollektive Sicht auf die Jahre von 1933 bis 1945. Der Historiker Gerhard Paul lehrt uns in dem gut lesbaren Band "Bilder einer Diktatur“, sie neu und kritischer zu betrachten.

Auch 75 Jahre nach Ende des so genannten Dritten Reiches, sind Bilder aus der Zeit der Naziherrschaft allgegenwärtig. Sie illustrieren nicht nur Schulbücher, Zeitungsartikel, Ausstellungen und historische Werke, sondern werden auch in TV-oder Kinofilmen zitiert.

Bilder wie das von der Rampe in Auschwitz, von Wehrmachtssoldaten, die an der polnischen Grenze einen Schlagbaum beseitigen, oder vom Treck über das Eis der Ostsee. Überwiegend Fotos aus dem Fundus der NS-Propaganda, formen bis heute die kollektive Sicht auf die Jahre von 1933 – 1945.

42 Schlüsselbilder von Berufs- und Laienfotografen

Meist jedoch ist die unreflektiert. Was sich im Kopf festsetzt, ist immer noch das Produkt einer medialen Konstruktion, einer Inszenierung. Gerhard Paul, emeritierter Professor für "Geschichte und ihre Didaktik", bezieht sich auf den Kunsthistoriker Horst Bredekamp, wenn er von der "anwesenden Erzählung" - gemeint ist das, was wir sehen - spricht. Die "abwesende Erzählung" hingegen ist das, was im Kopf des Betrachters ausgelöst wird, ist die Bedeutung, die wir einem Bild geben. Die Vermischung beider Erzählungen hinterfragt der Autor, indem er Bildsprache und historische Fakten miteinander abgleicht.

Paul unternimmt es, die medialen Konstruktionen der NS-Zeit anhand von 42 Schlüsselbildern aus den Jahren 1932 bis 1945, die jeweils für ein bestimmtes Thema stehen, zu dekonstruieren. Sie stammen von Berufs-und Laienfotografen, sind Standbilder aus Filmen, Propagandaerzeugnisse, Schnappschüsse und Gemälde. Chronologisch beschreibt der Autor die Umstände ihrer Entstehung, wie sie eingesetzt wurden, ihr Nachleben und wie er ihnen zum ersten Mal selbst begegnet ist.

Aufklärende Schule des Sehens

Schnell erweist sich der auf den ersten Blick einschüchternde Band –  über 500 Seiten auf schwerem Papier – durch klare Gliederung und kritische Kontextualisierung der einzelnen Bilder als ausgesprochen gut lesbar. Das ist kein Fachbuch ausschließlich für Akademiker, sondern eine aufklärende Schule des Sehens, in die Paul hier einführt. Seine Analysen der Bilder sind nachvollziehbar, ihre Wirkungsgeschichte, um historische Informationen ergänzt. Eröffnet wird ein differenzierter Blick auf die NS-Zeit. Auch kunstgeschichtlich erhellend ist das Kapitel über die erfolgreichen Arbeiten des Bauhaus Designers Herbert Bayer nach 1933.

Bilder repräsentieren nicht nur eine Zeit, sie generieren auch eine Realität. Mitunter eine verschobene. Das zeigt Paul anhand eines Fotos, das die Flucht der Deutschen vor der Roten Armee im Januar 1945 zu dokumentieren scheint. Die Aufnahme wurde verwendet, um die "Heimkehr" in den "Schutz des Reiches" zu suggerieren.

Geordnet, in stoischer Ruhe, Planwagen nach Planwagen, kommt ein Treck aus der Tiefe des Raums dem Betrachter entgegen. Assoziationen an den Auszug der Juden aus Ägypten und die Aussiedlung von Volksdeutschen 1940 sind möglich. Diese Ikone von Flucht und Vertreibung wurde 2007 im TV-Film "Die Flucht" erneut zitiert. Paul konfrontiert sie mit zwei Fotos, die Angehörige der deutschen und russsichen Luftwaffe gemacht haben: auf ihnen sieht man Versprengte und Tote, das Drama und Chaos der Flucht über das Haff.

"Bilder einer Diktatur" ist ein überaus verdienstvolles Buch, das prägnant Fotos der NS-Zeit und ihr Nachleben neu zu verstehen hilft.

Gerhard Paul: "Bilder einer Diktatur. Zur Visual History des 'Dritten Reiches'"
Göttingen, Wallstein Verlag, 2020
528 Seiten, 38 Euro

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