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Lesart | Beitrag vom 26.09.2018

Georgische Literatur"Hundert Neuübersetzungen sind eine großartige Leistung"

Mirko Schwanitz im Gespräch mit Joachim Scholl

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Panoramablick über die Stadt in abendlich-erleuchteter Atmosphäre (Jaanus Jagomägi/Unsplash)
Die georgische Hauptstadt Tiflis - seit viel Jahren reist Mirko Schwanitz regelmäßig hierher. Heute bringt er uns literarische Empfehlungen mit. (Jaanus Jagomägi/Unsplash)

Gastland der kommenden Frankfurter Buchmesse ist Georgien - ein kleines Land mit einer bemerkenswerten Literaturszene. Der Journalist Mirko Schwanitz erzählt von den vielen Büchern aus Georgien, die in diesem Herbst auf Deutsch zu lesen sind.

Joachim Scholl: Sie hören die "Lesart" im Deutschlandfunk Kultur, und das sind Töne aus Georgien, die uns der Journalist und Kollege Mirko Schwanitz mitgebracht hat – einer der besten Kenner des Landes, auch der Kultur und Literatur. Davon wollen wir jetzt profitieren und uns so vorbereiten auf das diesjährige Gastland bei der Frankfurter Buchmesse.

"90er-Jahre waren eine Katastrophe für Georgien"

Wir wollen uns natürlich speziell über Literatur und die Situation der Schriftsteller erkundigen, zunächst sollten wir aber doch auch den politischen Kontext kurz entfalten. Herr Schwanitz, Georgien hat ja unruhige, turbulente Jahre hinter sich, und Sie waren schon Anfang der 1990er-Jahre in der Region, direkt nach dem Wandel. Wie hat eigentlich Georgien so diesen krassen Umschwung verkraftet?

Schwanitz: Also die 90er-Jahre waren natürlich wie für alle sozusagen ex-sowjetischen Republiken und für Georgien auch eine Katastrophe. Die Leute verkauften ja Hab und Gut auf der Straße, es gab Kriminelle, es gab sogar Kriminelle an der Regierung. Dann kam Schewardnadse und versuchte, ein bisschen Ruhe und Frieden reinzubringen – das hat er auch geschafft, die Korruption hat er nicht beseitigen können.

Dann kam die Rosenrevolution, aber wie jede Rose hat diese Revolution, Rosenrevolution, natürlich auch Dornen gehabt. Micheil Saakaschwili ist ja heute Persona non grata in Georgien, aber was er natürlich gemacht hat, auch unter ihm, es hat eine Demokratisierung stattgefunden, und heute ist Georgien schon das vielleicht demokratischste Land im Südkaukasus überhaupt.

Tiflis zwischen Ost und West

Scholl: Von den Details wissen wir ja in der Regel beklagenswert wenig über diese Entwicklung in Ländern wie Georgien. Sie haben für uns einige Bücher ausgesucht, die uns auch gerade beim Verständnis dieser Situation jetzt schon helfen können.

Schwanitz: Für den Einstieg sozusagen in das Land – es gibt ja unheimlich viele, die derzeit nach Georgien reisen –, da gibt es beim Suhrkamp Verlag einen wunderbaren Sammelband, "Zug nach Tbilissi" heißt der, auch wenn man heute nicht mit dem Zug nach Tiflis reisen kann, sondern mit dem Flugzeug. Das ist ein tolles Buch, um einen Einstieg zu haben. Dort ist Knut Hamsun, wie hat er Tiflis erlebt? Man reist mit einem Stadtführer von 1912 durch Tiflis. Grigol Robakidse, eine ganz wichtige Figur in der Geschichte der georgischen Literatur, der schreibt dort über diese Stadt:

"Ob der Westwind es nach Osten trieb oder der Ostwind nach Westen, das weiß Tiflis nicht, es weiß nur, dass es an diese Stelle gefesselt ist. Etwas zwingt es, an Ort und Stelle zu bleiben, großen Bewegungsraum hat es nicht. Tausende Winde prallen es an, als ob es der Kreuzweg der Welt wäre. Vom Osten trennte es sich nicht, den Westen erreichte es nicht, dazwischen blieb es stecken."

Wow. Also eine tolle Beschreibung, und sie ist nach wie vor auch aktuell, und das macht den Charme dieser Stadt aus.

"Spektrum der georgischen Literatur ist sehr breit"

Scholl: Wie haben sich denn Kultur und Literatur im Land entwickeln können? Sie sagen, Herr Schwanitz, es ist eines der demokratischsten Länder in der Region. Was für Genre-Stile sind entstanden? Sie haben ja über die Jahre so viele georgische Schriftsteller kennengelernt und für uns porträtiert.

Schwanitz: Also es ist natürlich so, dass es vor '89 eine sehr parabel- und gleichnishafte Literatur gab. Da muss ich ein Buch erwähnen von Guram Dotschanaschwili, das ist jetzt beim Hanser Verlag erschienen, "Das erste Gewand". Ich erwähne es deshalb, weil es zwar schon 1978 erschienen ist, ein Gleichnis auf Georgien, das aber zumindest für die Anfangsjahre sehr aktuell ist und das einzige georgische Buch ist, was eine Fanseite im Internet hat. In den 90er-Jahren gab es dann eine Literatur, die eher dokumentarisch war, die sich sozusagen der eigenen Freiheiten versicherte. Heute ist es so, dass das Spektrum der georgischen Literatur wirklich sehr breit ist, dass sie wenig selbstbezogen ist, das heißt, die Geschichten funktionieren auch für uns, und das ist eine Entwicklung, die man nur begrüßen kann. Und die hundert Neuübersetzungen, die zur Frankfurter Buchmesse kommen, das ist natürlich für ein kleines Land von 4,7 Millionen Einwohnern eine ganz großartige Leistung.

Scholl: Ist Georgien überhaupt ein Leseland in unserem Sinne?

Schwanitz: Will ich Ihnen eine kleine Geschichte erzählen aus den 90er-Jahren: Wo Kriminelle die Straßen beherrschten, wo die Leute ihre Wohnungen verpfändeten, um leben zu können, und ihr Hab und Gut auf Märkten verkauften, machte sich ein Mann auf mit einem Klapptisch, und auf einem dieser Märkte wollte er ein Kinderbuch verkaufen. Und ein Mafiosi kam zu ihm an, um Schutzgeld zu erpressen und fragte: Was verkaufst du denn da? Da erzählte er ihm, dass er ein Kinderbuch übersetzt habe und dass er das verkaufen wollte. Und als der Mann sich das Kinderbuch angeguckt hat, hat er genickt und hat gesagt: Du brauchst kein Geld zahlen, und wenn dir jemand was will, melde dich bei mir, du stehst unter meinem Schutz.

Die Ironie der Geschichte: Das Buch war "Ronja Räubertochter" und es wurde übersetzt von Bakur Sulakauri, der heute einer der wichtigsten Verleger des Landes ist. Und ich glaube, der hat damals in den 90er-Jahren in dieser Situation, wo keiner Geld hatte, innerhalb von einem Monat 1.500 Exemplare von diesem Kinderbuch verkauft, und ich glaube, das sagt alles, wie sehr die Georgier doch Literatur mögen, lesen, bis heute.

Scholl: Georgien haben Sie, Herr Schwanitz, auch immer so als Atmosphäre beschrieben – die Landschaft mit dem ästhetischen Kaukasus, der Lebensstil, die Musik, das Essen. Wie sehr prägt das die Menschen und auch die Kultur?

Schwanitz: Ja, wenn es Ihnen gelingt, georgische Freunde zu gewinnen, dann werden Sie zu großen Festgelagen eingeladen, und da biegen sich die Tische, und zumindest für Berlin kann ich auch sagen, es gibt zwei wunderbare georgische Restaurants, da kann man sich den Geschmack des Landes schon mal auf die Zunge holen. Wenn Sie denn also da sitzen, bei so einem Festmahl – bei Blütensalat, Chinkali, Chatschapuri und wie die Gerichte alle heißen –, dann kann es passieren, dass Ihre Gastgeber einfach anfangen zu singen. Einer fängt an, der Zweite fällt ein, der Dritte fällt ein, und es entsteht einer jener polyphonen Gesänge, die als immaterielles Kulturerbe der Menschheit gelten. Und Zeuge eines solchen Vorgangs zu werden, das, glaube ich, werden Sie nie vergessen. Und wenn dann noch ein georgischer Wein dazukommt, dann ist die Welt völlig in Ordnung.

Zwei Bücher, die sich unbedingt lohnen

Scholl: Herr Schwanitz, Sie haben uns vorhin schon die Zahl genannt, es wird nun auf der Messe über einhundert neu ins Deutsche übersetzte Bücher aus Georgien geben. Haben Sie hier Favoriten, was sollten wir uns Ihrer Meinung nach unbedingt anschauen?

Schwanitz: Es gibt unheimlich viele Bücher, die auch eine gute Übersetzung haben, das hätte ich nicht für möglich gehalten. 2013 war das nicht abzusehen, als die Chefs der Leipziger und Frankfurter Buchmesse gemeinsam das erste Mal in Georgien überhaupt darüber sprachen, wo es Gastland werden solle. Ich will zwei Outsider empfehlen. Da ist einmal Salome Benidze, ein traumhaft poetischer Roman, "Die Stadt auf dem Wasser", erschienen im kleinen Aviva-Verlag, bisher sprachlich das Beste, was ich an Neuübersetzungen lesen konnte. Es ist die Geschichte von sieben Frauen, die sich am Ende auf sehr unerwartete Weise miteinander verknüpfen – magisch-fantastische Kulissen, eine schwebende Sprache, eine spannende Geschichte, mit Untertönen so tief wie das Meer.

Großes Kino ist auch der Roman "Das Birnenfeld", in dem uns Nana Ekvtimishvili vom Erwachsenwerden in einem georgischen Kinderheim erzählt, bei Suhrkamp erschienen. Wie sich ihre Hauptheldin Lela in einem von Gewalt, sexuellem Missbrauch und menschlicher Gleichgültigkeit geprägten Umfeld ihre Menschlichkeit bewahrt, ist so herzerwärmend und berührend, dass ich diesen Roman gerne jedem ans Herz legen möchte.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Im Interview besprochene Bücher:
Guram Dotschanaschwili: Das erste Gewand. Hanser Verlag, 696 Seiten, 32 Euro.
Zug nach Tbilissi. Herausgegeben von Alexander Kartosia und Eduard Schreiber. Suhrkamp Verlag, 383 Seiten, 25 Euro. 
Salome Benidze: Die Stadt auf dem Wasser. Aus dem Georgischen übersetzt von Iunona Guruli. Aviva Verlag, 160 Seiten, 16 Euro.
Nana Ekvtimishvili: Das Birnenfeld. Suhrkamp Verlag, 221 Seiten, 16,95 Euro.

Mehr zum Thema:

Ehrengast der Frankfurter Buchmesse - Georgien - Wandel im Spiegel der Literatur
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 25.9.2018)

Der weite Weg nach Westen - Georgiens Geschichte am Rande Europas
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 5.9.2018)

Lyrik aus Georgien - "Fortgegangen bin ich ohne Rückfahrkarte"
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 31.8.2018)

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