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Friedhofsbesuche mit Schriftstellern / Archiv | Beitrag vom 30.08.2013

Georgi Gospodinov

Friedhof des Dorfes General Toschewo, Bulgarien

Von Tobias Wenzel

Georgi Gospodinov, Friedhof des Dorfes General Toschewo (Tobias Wenzel/ Knesebeck Verlag)
Georgi Gospodinov, Friedhof des Dorfes General Toschewo (Tobias Wenzel/ Knesebeck Verlag)

Warum war der alte Friedhof seines Heimatdorfes für Georgi Gospodinov eine Schule? Und inwiefern ist der Weltuntergang eine sehr persönliche Angelegenheit?

"Das letzte Mal war ich hier mit sieben Jahren. Mit meiner Oma. Diesen Ort verbinde ich mit ihr."

Georgi Gospodinov schreitet über einen Feldweg durch hohes vertrocknetes Gras und betritt den verlassenen Friedhof eines bulgarischen Dorfes, gut 100 Kilometer vom Schwarzen Meer entfernt.

Auf dem verwilderten Friedhofs seines Heimatdorfes General Toschewo wimmelt es nur so von Nuss- und Obstbäumen. Es ist, als spazierten wir durch Gospodinovs Erzählung "(K)eine Menschenseele", in der ein Mann, der letzte Überlebende des Dorfes, das Grab seines Freundes besucht und glaubt, die Bäume würden saftige Früchte tragen, weil sich die Toten unter der Erde um sie kümmerten.

"Zu diesem Grab bin ich immer mit meiner Oma gegangen, jede Woche, meist nachmittags, um diese Zeit."

Georgi Gospodinovs Vater hat uns zu einem schräg in die Luft ragendenden Grabstein geführt. Jemand hat ihn vor langer Zeit mühevoll, aber dilettantisch beschlagen und den Namen "Kalja" eingemeißelt. Hier liegt die Tante des Autors begraben, die ältere Schwester seines Vaters. 1938 starb das Mädchen mit nur drei Jahren. Kalja hatte sich verletzt. Eigentlich eine Lappalie. Aber die Großmutter versorgte die Wunde einem Brauch gemäß mit Asche. Die Wunde infizierte sich, das Mädchen starb. Ein Jahr darauf zog Kaljas Vater in den Zweiten Weltkrieg, ließ die Mutter trauernd zurück und schwanger. Sie erwartete einen Jungen, Georgi Gospodinovs Vater.

Georgi Gospodinov, Friedhofs des Dorfes General Toschewo, Bulgarien (Tobias Wenzel/ Knesebeck Verlag)Georgi Gospodinov, Friedhofs des Dorfes General Toschewo, Bulgarien (Tobias Wenzel/ Knesebeck Verlag)


"Meine Oma stand hier immer, hat lange geweint und von ihrer Tochter erzählt. Währenddessen habe ich meine Körpergröße gemessen. Ich war nur so groß wie dieser kleine Grabstein. Damals ließ ich meine Finger über die eingravierten Buchstaben gleiten. So habe ich das Alphabet gelernt. Überhaupt war der Friedhof meine Fibel. Die ersten Worte, die ich lesen konnte, waren verstorben, Gott und Ruhe in Frieden."

Georgi Gospodinovs Vater hat sich etliche Meter entfernt. Zu nah geht ihm noch immer der Tod der Schwester, die er nie kennengelernt hat. Dem Schriftsteller fällt es dagegen leichter, am Grab seiner dreijährigen Tante zu sein. Er geht neben dem Stein in die Hocke; vertrocknete Gräser verfangen berühren sein Holzfällerhemd.

"Wenn jemand unsere Geschichte erzählt, dann gibt es noch etwas nach dem Tod."

Und so erzählt Georgi Gospodinov an an diesem Augusttag Kaljas Geschichte. An ihrem Grab erinnert er sich überhaupt an seine Kindheit. Wie seine Großmutter ihm, dem damals Zehnjährigen, zum Beispiel ankündigte, die Welt werde im Jahr 2000 untergehen, er jedoch gelassen blieb:

"Ich habe mir damals überlegt, dass ich im Jahr 2000 schon uralt wäre, nämlich 32. Darum hat mir das nicht viel Angst gemacht. Meine Oma ist dann allerdings genau 2000 gestorben. Das zeigt, dass das Ende der Welt, die Apokalypse, eine sehr persönliche Angelegenheit ist."

"Georgi Gospodinov, Friedhof von General Toschewo, Bulgarien"

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