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Lesart / Archiv | Beitrag vom 23.04.2020

Georges-Arthur Goldschmidt über das Exil"Eine fürchterliche und doch unersetzliche Erfahrung"

Georges-Arthur Goldschmidt im Gespräch mit Andrea Gerk

Porträt von Georges-Arthur Goldschmidt am Schreibtisch in seinem Arbeitszimmer. (LAIF / Opale / Leemage / Philippe Matsas )
In "Vom Nachexil" schreibt Georges-Arthur Goldschmidt noch einmal sehr verdichtet über sein Lebensthema. (LAIF / Opale / Leemage / Philippe Matsas )

Seine Eltern schickten ihn 1938 als Zehnjährigen ins Ausland. Georges-Arthur Goldschmidt überlebte die Nazi-Herrschaft in Frankreich. In "Vom Nachexil" schreibt er noch einmal über sein Lebensthema. Und er spricht über Deutschland einst und jetzt.

Andrea Gerk: "Wer einmal ins Exil getrieben wurde, kommt lebenslang nicht mehr davon ab" – ein starker erster Satz, an dem man gleich hängen bleibt, wenn man anfängt, das schmale Bändchen "Nachexil" zu lesen. Geschrieben hat es Georges-Arthur Goldschmidt, er ist einer der zentralen Autoren der Holocaust-Literatur. Er hat Friedrich Nietzsche, Walter Benjamin und viele Bücher von Peter Handke ins Französische übersetzt und selbst in zahlreichen Büchern von der Erfahrung der Emigration erzählt. Und nun, in diesem kurzen brillanten Text, hat er diese Erfahrungen noch mal verdichtet zu einer Art literarischen Essenz seines Lebens. Schon vor einigen Tagen habe ich Georges-Arthur Goldschmidt in seiner Heimatstadt Paris erreicht. Guten Tag, Herr Goldschmidt, schön, dass Sie sich Zeit für uns nehmen!

Georges-Arthur Goldschmidt: Ja, guten Tag, freut mich, Sie zu hören!

Gerk: Wie geht es Ihnen im Moment, wie erleben Sie die aktuelle …

Goldschmidt: Ich hab nur einige Glukose-Probleme, aber gar nicht schlimm.

Gerk: Aber wie leben Sie in Paris, wie erleben Sie das mit diesen Einschränkungen, die die Pandemie mit sich bringt?

Goldschmidt: Wir sind beide, meine Frau und ich, über 90. Wir leben wie gewöhnlich, gehen ein bisschen spazieren, aber sonst ändert sich kaum etwas. Wir haben Telefonate mit den Leuten, aber für uns ist weiter nichts dabei. Nun sind die Straßen vollkommen leer, die Sonne scheint, es ist eigentlich erschreckend, was die Leute da erleben. Wir nicht, aber die armen Leute, die nicht zur Arbeit gehen können, die nicht immer ihre Pension kriegen oder ihr Gehalt, es ist eine entsetzliche Lage für die meisten Leute – die wohnen manchmal gedrängt in ganz kleinen Wohnungen und können nicht raus. Das ist eine unvorstellbare Lage eigentlich.

"Ein nicht heilbares Verbrechen"

Gerk: Sie erzählen in Ihrem neuen Buch "Nachexil" – es kam mir vor wie noch mal eine Verdichtung Ihres Lebensthemas. Es ist ein sehr bewegendes Buch, mich hat es sehr berührt, und ich dachte, das muss auch Sie ja beim Schreiben noch mal sehr angefasst haben. Warum haben Sie sich noch mal so intensiv da hineinbegeben, in diese schmerzhafte Kindheitserfahrung, die Sie gemacht haben?

Goldschmidt: Ich bin jetzt 92, und bei mir trocknet die Nabelschau aus. Und da ich mein ganzes Leben lang nichts anderes getan habe als Nabelschau, ist es mein Schwanengesang: Umso intensiver, als es das letzte Buch ist, das ich schreiben werde – auf Französisch. Ich hab nichts mehr zu sagen. Ich bin ein Faulpelz und finde es wunderbar schön, dass ich eigentlich nichts mehr zu tun habe. Ich lege Patiencen, ich schaue das Fernsehen an, spiele mit meinem Computer, ich kann auch nicht mehr so gut lesen. Für mich ist das Leben unverändert. Aber ich bin kein richtiger Autor, ich hab nie etwas anderes erzählt als mich selber. Ich gehöre nicht zu den großen Schriftstellern, die über die Welt schreiben können. Ich kann das nicht.

Gerk: Aber Sie haben ja auch etwas sehr Existenzielles erlebt. Sie wurden als Zehnjähriger mit Ihrem Bruder alleine ins Exil geschickt, erst nach Italien, dann nach Frankreich. Davon erzählen Sie auch noch einmal in diesem Buch. Und Sie sagen, das Exil verändert alles – es gibt schlagartig ein Vorher und ein Nachher, es stülpt einen um wie einen Sack.

Goldschmidt: Ein deutscheres Kind als mich gab es nicht. Ich war völlig in Grimms Märchen, im Protestantismus, in der Sonntagsschule – deutscher als ich konnte man gar nicht sein. Und plötzlich war ich weg, das ist für ein Kind unverständlich. Ein nicht heilbares Verbrechen wurde an mir begangen, und ich gehöre noch zu den Privilegierten. Ich wurde dann in diesem Internat gerettet, wo wir noch gezüchtigt wurden – das war gar nicht so schlimm, die Rutenstrafen, das war gang und gäbe in dieser Zeit, und das war auch ein Mittel, das Heimweh zu vergessen. Ich hab, wie soll ich sagen, auch die unglaubliche Erfahrung des plötzlichen Sprachekönnens. Ich hab Französisch nie gelernt, ich bin da reingefallen, und kein Mensch kann wissen, dass ich kein Franzose bin. Mein Deutsch ist nicht mehr so gut wie früher, aber kein Mensch, wenn ich Deutsch rede, glaube ich, kann vermuten, dass ich eigentlich gar kein Deutscher mehr bin. Und das ist das Entscheidende an meinem Leben, dieses ständige Schlottern zwischen zwei Sprachen, das ist eigentlich furchtbar wunderbar, eigentlich ein herrliches Leben.

"Das Widerständige hat mich sehr geprägt"

Gerk: Sie haben das gerade schon erwähnt mit dem Französischlernen, dass Sie das nicht wirklich gelernt haben, sondern Sie beschreiben das ganz toll in "Nachexil", dass das quasi über Sie gekommen ist, als Sie in diesem Internat waren.

Goldschmidt: Genau, das sagen Sie sehr schön, es ist über mich gekommen.

Gerk: Und dass Sie das auch seelisch befreit hat. Was war das für eine Erfahrung, oder wie prägt Sie das bis heute? Sie sind ja ein Homme de Lettres, der sein Leben der Sprache, dem Umgang mit der Sprache, der Übersetzung gewidmet hat. Denken Sie, das hängt damit zusammen?

Goldschmidt: Das kommt aus meiner frühen Adoleszenz. Das habe ich in Frankreich gelernt: die Rebellion. Die Franzosen sind doch immer wieder rebellisch, und das hab ich gelernt, dass man den König ruhig ärgern darf.

Gerk: So etwas Widerständiges, das braucht man ja auch gerade …

Goldschmidt: Was Widerständiges, und das hat mich sehr geprägt. Und dazu auch dieses komische Regime in diesem Internat. Man bekam die Rute, und je mehr man sie bekam, desto mehr war man im Widerstand. Das war auch der Sinn, das haben die Jesuiten so erfunden. Dadurch lernt man Widerspenstigkeit. Und diese Widerspenstigkeit, die hab ich auch wunderbar politisch erlebt durch de Gaulle. Ich war als kleiner Junge Gaullist. Ich verstand gar nicht, dass die Franzosen nicht gegen Pétain revoltierten. Die konnten das gar nicht, weil die Deutschen das Land im Joch hielten. Aber für mich war de Gaulle immer die Figur des Widerstands. Ich habe geglaubt, London ist die Hauptstadt Frankreich, weil de Gaulle doch damals in London war. Ich hab den Widerstand schon als Knabe gelernt. Und dann diese ungeheuren Texte des französischen 17. Jahrhunderts, die immer aufmüpfig sind, frech – da hab ich die Frechheiten gelernt, und das ist wunderbar.

"Typisch deutsch – die ewige Kindheit"

Gerk: Und Sie haben ja wiederum den Franzosen deutsche Literatur nähergebracht, indem Sie zum Beispiel Peter Handke übersetzt haben. Der verdankt ja auch Ihnen ein bisschen seine Beliebtheit in Frankreich. Und Sie haben am Gymnasium Deutsch unterrichtet. In was für einer Rolle haben Sie sich da befunden?

Goldschmidt: Ich hab Deutsch mit großer Freude unterrichtet. Ich hatte immer kleinere Klassen, das ging sehr gut, und ich vertrug mich mit den jungen Schülern ungeheuer gut – wir lachten sehr viel. Und ich hab dadurch auch diese Bücher über die "Psychoanalyse" geschrieben, über Freud, "Als Freud das Meer sah". Und Freud war auch das Wort, das haben meine Schüler mir beigebracht, die immer fragten, ja, warum schreibt man das so und so. Da habe ich entdeckt, dass die deutsche Sprache völlig anders funktioniert als das Französische, und das war unheimlich interessant. Das Deutsche ist eine konkrete Sprache, die immer alles mitsagt, wo das Französische es immer vermeidet, um schneller ans Ziel zu kommen.

Gerk: Herr Goldschmidt, aber man hört Ihnen ja noch Ihre Hamburger Herkunft an, obwohl Sie als Zehnjähriger Deutschland ja verlassen mussten. Einem meiner Kollegen haben Sie auch erzählt, dass Ihre Frau meint, Sie seien sehr deutsch. Wie meint sie das denn?

Goldschmidt: Weil ich so irgendwie kindhaft reagiere. Sie meint, ich wäre noch nicht völlig erwachsen, und das ist auch typisch deutsch – die ewige Kindheit. Ich fand das auch das große deutsche Problem, auch irgendwie schön. Leider hat das zur politischen Katastrophe ohnegleichen geführt.

Wunderbar, wenn Fußgänger bei Rot über die Straße gehen

Gerk: Sie sind auch in den letzten Jahren immer mal wieder nach Berlin gekommen. Wie ist Ihr Gefühl, wenn Sie nach Berlin oder nach Deutschland überhaupt kommen?

Goldschmidt: Es ist immer eine wunderbare Überraschung, dieses freie Land zu entdecken, wo die Fußgänger bei Rot über die Straße gehen, wo man endlich frei atmen kann. Sie können sich nicht vorstellen, was das Deutschland meiner Kindheit gewesen ist.

Gerk: Aber das beschreiben Sie ganz eindringlich in diesem Buch jetzt, finde ich: Wie bedrückend das war, wie quasi die Diktatur bis in die Atmung der Menschen hineindrückt.

Goldschmidt: Die Landschaft hatte Angst. Das war eine unbeschreibliche Zeit, wo die Leute … Ihre Nazibegeisterung war nur der Gipfel der Angst. Jeder denunzierte doch jeden sofort. Eine fürchterliche Zeit. Meine Eltern durften kein Personal mehr haben, und da kam eine Frau, die meiner Mutter helfen wollte, und die hatte eine Schürze an. Ich wollte am Knoten ziehen, und da hat sie mir gesagt, wenn du nicht aufhörst, kommst du ins KZ. Jeder wusste, dass das KZ allgegenwärtig war, das haben wir heute vergessen. Jeder sprach vom KZ. Immer hatte man einen Nachbarn, der von jemandem wusste, der schon in Buchenwald war oder so was.

"Niemand warf mir die jüdische Herkunft vor"

Gerk: Aber heute sind ja in der ganzen Welt wieder sehr viele Menschen auf der Flucht und auf der Suche nach einem Exil. Sie beschreiben in dem Buch jetzt gerade auch noch einmal, wie stark einen diese Erfahrung für den Rest seines Lebens prägt. Möchten Sie diesen Menschen, die ja heute auf der Flucht sind, etwas mitgeben? Wovon sollten sie ausgehen, diese Menschen?

Goldschmidt: Diese Menschen haben in sich eine fürchterliche und doch unersetzliche Erfahrung, und zwar die Erfahrung des Exils. Man kommt nicht davon ab. Die werden ihr Leben lang – entweder werden sie daran untergehen, die Armen, oder sie werden davon groß. Sie werden sich am Exil bereichern, wenn sie die Möglichkeit haben, durchzukommen.

Gerk: Und was hilft ihnen dabei, also wie können wir ihnen dabei auch helfen? Oder was hat Ihnen damals am meisten geholfen?

Goldschmidt: Dass keiner mir meine Herkunft, meine jüdische Herkunft vorwarf. Niemand hat mein Leben lang hier eine Bemerkung über meine Herkunft gemacht, und für Exilanten ist es unbedingt wichtig, dass man sie nicht für Exilanten hält, dass man sie für normale Menschen hält, die eben Pech haben. Es gibt keinen Unterschied.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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