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Lesart | Beitrag vom 11.07.2018

Georg M. Oswald zum NSU-Prozess"Es bleiben vor allem viele, viele Fragen"

Georg M. Oswald im Gespräch mit Andrea Gerk

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Die im NSU-Prozess angeklagte Beate Zschäpe, umringt von Foto-Journalisten. (picture alliance / dpa / Peter Kneffel)
Die Angeklagte Beate Zschäpe (picture alliance / dpa / Peter Kneffel)

Mit dem Urteilsspruch im NSU-Prozess ist die Sache keineswegs abgeschlossen, sagt der Schriftsteller Georg M. Oswald. Jetzt müsse der Fall aufgearbeitet werden - auch durch die Literatur.

Andrea Gerk: Einer der größten Prozesse der Bundesrepublik geht zu Ende, nach fünf Jahren und 437 Verhandlungstagen. Vor dem Oberlandesgericht München wurde über zehn Morde, 15 Raubüberfälle und zwei Sprengstoffanschläge verhandelt, die Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe zur Last gelegt werden, und es geht um deren Mitgliedsbeitrag in der Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund".

Gerade eben wurde das Urteil verkündet. Die Hauptangeklagte Beate Zschäpe hat die Höchststrafe erhalten und ist zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Vor der Sendung und vor der Urteilsverkündung habe ich mit dem Schriftsteller und Juristen Georg M. Oswald über Lesarten dieses Jahrhundertprozesses gesprochen. Georg M. Oswald hat mehrere Romane und Sachbücher veröffentlicht, im vorigen Jahr den Roman "Alle, die du liebst", und in diesem Jahr einen Abriss über unsere Grundrechte und deren Bedeutung. Zuerst wollte ich von Georg M. Oswald wissen, wie sehr er Anteil am NSU-Prozess genommen hat und wie genau er das Geschehen verfolgt hat.

In viele Einzelteile zergliedert

Georg M. Oswald: Ich fürchte, so wie die meisten, am Anfang sehr intensiv, und dann über die Jahre immer kursorischer, was natürlich auch damit zu tun hatte, dass der Prozess in sehr viele Einzelteile zergliedert war, die teilweise von außen ganz schwer zu verstehen waren oder nachzuvollziehen waren. Da musste man sich dann natürlich einfach auf die ja immer noch sehr umfangreiche Berichterstattung verlassen.

Der Schriftsteller Georg M. Oswald (imago/Gerhard Leber)Der Schriftsteller Georg M. Oswald (imago/Gerhard Leber)

Gerk: Wenn man diesen Prozess mal als Narrativ, also als so eine Art Erzählung betrachtet und zu lesen versucht, dann kommt einem das ja tatsächlich wie so ein endloser unübersichtlicher Fortsetzungsroman vor, Sie haben es ja auch schon gerade gesagt. Was bleibt denn da von diesen vielen Details bei Ihnen hängen, was ist quasi das Grundthema der Geschichte?

Oswald: Wenn man den Prozess betrachtet, erscheint der vielleicht oberflächlich gesehen als unstrukturiert. Man kann sich schon die Mühe machen, ihn dann in einzelne Phasen und Strukturelemente zu gliedern. Und man sieht dann auch, dass er natürlich auf den heutigen Tag, auf das Urteil zusteuert. Und insofern hat der Prozess viel Klarheit gebracht, auch wenn das nicht immer so schien. Wenn man das Ganze als einen Sachverhalt oder als eine Geschichte betrachtet, die uns als Gesellschaft betrifft, dann geht die Geschichte natürlich sehr viel früher los.

Sie beginnt eigentlich mit der Wende. Und mit diesen Jugendlichen, die dann später Erwachsene wurden und den NSU gegründet haben und diese unfassbaren Taten begangen haben, das war genau zu der Zeit, zu der Helmut Kohl gesagt hat, im Osten werden blühende Landschaften entstehen. Da sieht man natürlich, wenn man den Begriff des Narrativs verwenden will, ein ganz anderes Narrativ entstanden ist, das in der Öffentlichkeit und im allgemeinen Bewusstsein überhaupt nicht vorhanden war.

Gerk: Aber dann müsste man das Ganze ja, wenn man es schon so lesen will, als einen wirklich großen, umfassenden Gesellschaftsroman lesen, oder?

Revision der Erzählung

Oswald: Ja. Das Traurige ist natürlich, dass es kein Roman ist. Ich würde den Begriff der Erzählung bevorzugen, denn wir erzählen uns ja auch die Geschichte unserer Gesellschaft immer wieder neu, und dazu gehört auch, dass wir die Wiedervereinigung als geglücktes Experiment betrachten. Und wenn man die Geschichte des NSU sieht und auch die Blindheit bei der Verfolgung dieser Straftaten – acht Jahre hat es gedauert, bis man angefangen hat zu begreifen, was eigentlich hinter diesen Taten steht und was für eine Vereinigung dahinter steht, und dass es sich eben sehr wohl um eine terroristische Vereinigung handelt, dann muss man sagen, wir müssen darüber nachdenken, ob die Erzählung, die wir uns bis dahin als die richtige zurechtgelegt hatten, denn nicht einer dringenden Revision bedarf.

Gerk: Schauen wir noch mal auf diesen Prozess. Da war ja Beate Zschäpe die Hauptfigur, und Sie als Romanautor, wenn Sie sich da so eine Frau anschauen, die ja eigentlich den ganzen Prozess hindurch geschwiegen hat – sie hat andererseits auch bei ihrer Verhaftung den Satz gesagt "Ich bin die, die ihr sucht", also Worte Jesu, neutestamentarisch ist das geradezu –, was ist das für Sie als Romanautor für eine Figur? Finden Sie das eher inspirierend, wenn Sie sich vorstellen, eine Person, die immer nur schweigt? Oder ist das eher uninteressant?

"Zschäpe würde gar nicht die Hauptrolle spielen"

Oswald: Inspirierend finde ich sie als Person eher nicht. Ich fand ihr Statement, mit dem sie ja ihr Schweigen gebrochen hat – so gut wie, ihr Verteidiger hat ja dieses Statement vorgelesen, nicht sie selbst gesprochen –, dann aber doch interessant. Natürlich ist das einerseits ein prozesstaktisches Dokument, mit dem sie versucht, ein möglichst günstiges Licht auf sich selbst zu werfen. Es ist aber auch ein biografisches Zeugnis. Und wenn man dieses biografische Zeugnis liest, dann erschauert man wirklich, denn sie spricht zweimal in dem Text von "großer Leere", die sie empfunden habe. Und die geistige und moralische Verwahrlosung, in der diese Gruppe gelebt haben muss, ist in der Tat mit großer Leere nur sehr unzureichend beschrieben und wäre tatsächlich möglicherweise für einen Roman ein Material, das allerdings noch dringend der Aufarbeitung und der Sichtung bedarf.

Beate Zschäpe, glaube ich, würde in so einem Roman auch gar nicht die Hauptrolle spielen, sondern tatsächlich die Gesellschaft, in der sie lebte.

Gerk: War denn mit diesem Schlussstatement von Beate Zschäpe auch so was wie eine Katharsis für Sie erreicht in diesem Prozess, in diesem Drama, oder fehlt diese ganze moralische Aufarbeitung noch?

Keine kathartische Wirkung

Oswald: Die fehlt völlig, und die kann dieser Text überhaupt nicht leisten. Die wird auch das Urteil, glaube ich, nicht leisten können. Das Urteil wird ein Ende dieses Prozesses markieren, und der Prozess hat ja nur in Anführungsstrichen die Aufgabe, die strafrechtliche Seite des Ganzen so umfassend wie möglich zu würdigen und dann in ein Urteil zu gießen. Aber das, was für uns als Gesellschaft und damit eben auch Menschen, die sich Geschichten erzählen, übrig bleibt, sind vor allen Dingen viele, viele Fragen. Und da hat dieser Text oder dieses Statement von Beate Zschäpe keine kathartische Wirkung zeigen können. Im Gegenteil, teilweise wurde gesagt, sie habe da Reue gezeigt in diesem Text. Der Text war geschickt formuliert, sie sagt, sie fühlt sich moralisch schuldig. Und damit sagt sie ja gerade, dass sie sich strafrechtlich eben nicht schuldig fühlt.

Gerk: Aber Sie haben ja auch am Anfang gesagt, am Anfang haben wir ja alle, Sie auch offenbar, ganz gespannt diesen Prozessbeginn verfolgt, und dann hat es gedauert und gedauert, und es wurde alles immer langwieriger, und es gab so viele Nebenschauplätze. Hat das auch irgendwie vom Hauptschauplatz, von dieser moralischen Leerstelle, die sich da auftut, diesem Abgrund, eigentlich abgelenkt?

Die Methoden des Rechtsstaats

Oswald: Ja, das hat es. Und das wird dem Prozess oder auch unserem Prozessrecht überhaupt ja auch gern vorgeworfen. Aber das ist sozusagen ein notwendiges Übel, denn in einem demokratischen Rechtsstaat müssen auch die Rechte der Angeklagten – es ist ja nicht nur die Beate Zschäpe, sondern es sind vier Angeklagte insgesamt – müssen gewahrt werden, und es müssen die Nebenkläger gehört werden, es mussten sämtliche Zeugen, es waren, glaube ich, über 600 Zeugen, gehört werden. Und all das ist mit vielen Rechten und Pflichten verbunden, die alle Prozessbeteiligten zu beachten haben. Und dadurch hat man natürlich manchmal den Eindruck, dass das Wesentliche auf der Strecke bleibt. Aber gerade an dieser Stelle, finde ich, ist das Wesentliche, dass man alle Methoden des demokratischen Rechtsstaats auch zur Anwendung bringt, um zu einem besseren Urteil zu kommen als einem, das sich nur mit einem schnellen Schuldspruch genügt.

Man würde das Urteil, glaube ich, mit Bedeutung überfrachten, wenn man denken würde, damit sei der Fall erledigt. Im Gegenteil. Der Fall bedarf ganz dringend einer gesellschaftlichen, und dazu würde vielleicht auch gehören, einer literarischen Aufarbeitung.

Gerk: Sagt der Schriftsteller und Jurist Georg M. Oswald, mit dem ich vor dieser Sendung und vor der Urteilsverkündung heute über den NSU-Prozess gesprochen habe. Das jüngste Buch von Georg M. Oswald heißt "Unsere Grundrechte. Welche wir haben, was sie bedeuten, und wie wir sie schützen" und sein jüngster Roman "Alle, die du liebst". Beide Bücher sind beim Piper-Verlag erschienen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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