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Lesart / Archiv | Beitrag vom 20.04.2019

Georg Brunold (Hg.): "Handbuch der Menschenkenntnis"Was ist der Mensch?

Von Helmut Böttiger

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Cover von Georg Brunolds "Handbuch der Menschenkenntnis". Im Hintergrund ist Leonardo da Vincis (1452-1519) Zeichnung "Vitruvianischer Mensch" (um 1490) zu sehen. (Deutschlandradio / Galiani-Berlin / dpa / picture-alliance / CPA Media/Pictures From History)
Es sind immer nur ganz kleine Textabschnitte, die Brunold dem Leser serviert – alles frei nach dem Assoziationsprinzip und Brunolds individueller Denklust. (Deutschlandradio / Galiani-Berlin / dpa / picture-alliance / CPA Media/Pictures From History)

Zu allen Zeiten gingen Denker und Wissenschaftler der Frage nach, was der Mensch ist. In seinem geschmackvoll gestalteten Band versammelt der Philosoph Georg Brunold Texte aus mehr als 2500 Jahren und stellt sie in einen aktuellen Kontext.

Brunolds Bände sind immer sehr geschmackvoll gestaltet, im Stil von Enzyklopädien des 18. Jahrhundert, lustvoll aufklärerisch und in großem Format. Es sind Coffeetablebooks, die nur aus Texten bestehen, und das ist schon mal sehr sympathisch. Der weit gespannte Rahmen dient zwangsläufig einer feuilletonistischen, spekulativen Herangehensweise. 

Gerade das Thema "Menschenkenntnis" verlangt nach einem subjektiven, spielerischen Zugriff: Es ist ein weites Feld, auf dem gleichermaßen philosophische, naturwissenschaftliche und literarische Texte Platz finden. Wenn man dem findigen Jongleur Brunold vertraut, sind unerwartete Erkenntnisse und Querverweise möglich.

"Menschenkenntnis" taucht im 17. Jahrhundert erstmals auf

Das Wort "Menschenkenntnis" findet sich zum ersten Mal auf Französisch bei Marin Cuveau de la Chambre im Jahr 1669, auf Deutsch dann 1692 bei Christian Thomasius. Doch bereits in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts stößt man auf den lateinischen Gelehrtenbegriff "psychologia", und was damit gemeint ist, setzt schon ganz früh ein – für Brunold ganz eindeutig bei Homer. 

Ein Mosaik am Flughafen der tunesischen Insel Djerba mit einer Darstellung der Irrfahrt des Odysseus (imago / UIG)Die Irrfahrt des Odysseus auf einem Mosaik. (imago / UIG)
Dessen Odysseus ist der erste selbstbestimmte Held der Literaturgeschichte, er steht für das "Ich" als Kulturleistung und für die Erfindung der Vernunft. Brunold gibt als Beleg dafür die Szene wieder, wie Odysseus den Zyklopen Polyphem überlistet. 

Antike und zeitgenössische Texte treffen aufeinander

Es sind immer nur ganz kleine Textabschnitte, die Brunold dem Leser serviert, manchmal solch sehr zentrale, manchmal aber auch eher entlegene: alles frei nach dem Assoziationsprinzip und Brunolds individueller Denklust.

Wie schon bei den vorangegangenen Projekten liegt der Reiz darin, dass antike Texte, mit Vorliebe aus dem vorchristlichen Griechenland oder aus dem alten China, mit ganz aktuellen Zeitungsartikeln und explizit zeitgenössischen Denkanstrengungen verbunden werden. 

So stoßen hier die Lehre der vier Temperamente von Galenos von Pergamon oder Theophrasts Sammlung über die "Charaktere" auf äußerst heutige Überlegungen zur "digital-globalen IT-Gehirnwäsche" (von Michèle Binswanger) oder Amartya K. Sens "Abschied von den rationalen Narren". 

Von 700 v. Chr. bis zum Jahr 2018 erstrecken sich diese Annäherungen an das Phänomen der "Menschenkenntnis", also entgegen des Buchtitels sogar um mehr als 2700 Jahre. Der letzte Text stammt von Alexandra Kedves und handelt von der postmodernen Einsamkeit.

Das 21. Jahrhundert dominiert

Das betont journalistische Interesse des Herausgebers führt dazu, dass die Jahre nach 2000 überproportional stark vertreten sind, vor allem seit 2016 jedes Jahr gleich mit mehreren Texten, während etwa die 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts nur zweimal repräsentiert werden und das gesamte neunzehnte Jahrundert nur sechsmal. 

Es handelt sich hier also um keine gut abgehangene wissenschaftliche Expertise, Brunold stürzt sich vielmehr mitten ins Getümmel – mit allem Risiko.

Georg Brunold (Hg.): "Handbuch der Menschenkenntnis. Mutmaßungen aus 2500 Jahren" 
Verlag Galiani-Berlin, 2018
416 Seiten, 39 Euro

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