Seit 01:05 Uhr Tonart

Montag, 22.10.2018
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 04.11.2016

GenussmittelKaffee als Gesundheitselixier

Von Udo Pollmer

Podcast abonnieren
Kaffeebohnen in der Kaffee-Rösterei Bad Saarow u.G. in Bad Saarow (Brandenburg) von der Coffeologin und Barista Katja Straube. Foto: (picture alliance / dpa /  Patrick Pleul)
Frisch geröstete Kaffeebohnen - das darin enthaltene Koffein entspannt und sorgt für ein sonnigeres Gemüt. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Im Lieblingsgetränk der Deutschen steckt ein Gift gegen Insekten - Koffein. Trotzdem ist Kaffee keinesfalls giftig für den Menschen, erklärt Udo Pollmer. Im Gegenteil: Wer ihn regelmäßig trinkt, schützt sich vor Diabetes, Leberproblemen und Herzinfarkt.

Wie heißt der Deutschen liebstes Pestizid? Nein, nicht Glyphosat, DDT oder gar die Neonictinoide. Ein kleiner Tipp: Es handelt sich um ein Insektizid, noch dazu eines, das viele Menschen Tag für Tag sehnsüchtig erwarten. Es steckt in der Kaffeebohne und heißt: Koffein. Mit diesem "Genussgift" schützt sich der Kaffeestrauch vor Insektenfraß. Und davon nimmt der Deutsche ganz ungeniert täglich etwa 300 Milligramm zu sich. Mit wachsender Begeisterung verleibt sich die Menschheit im Jahr etwa eine Viertel Million Tonnen dieses "Insektentods" ein – unendlich viel mehr als von allen landwirtschaftlich genutzten Pestiziden zusammengenommen.

Natürlich bekämpfen wir mit unserer morgendlichen Tasse Kaffee nicht etwa die Motten im Frühstücksmüsli, sondern eher die Läuse, die uns über die Leber gelaufen sind. Denn Kaffee bringt eine schläfrig-mürrische Stimmungslage wieder in ein arbeitsfähiges Gleichgewicht. Das Koffein gleicht den Mangel an Tageslicht aus – der Zucker im Kaffee verstärkt übrigens diese Wirkung. Ein ideales Getränk für alle, die nicht an der frischen Luft arbeiten, sondern unter Kunstlicht im Büro. Coffein entspannt und sorgt für ein sonnigeres Gemüt.

Kaffeetrinker leben länger als Kaffeeabstinenzler

Das hat natürlich Folgen für die Gesundheit. Um ein aktuelles Forschungsergebnis aufzugreifen: Eine Metaanalyse von 31 prospektiven, also methodisch hochwertigen Studien, fand, dass Kaffeetrinker länger leben als Kaffeeabstinenzler. Eingeflossen sind dafür die Daten von mehr als anderthalb Millionen Teilnehmern. Weitere Untersuchungen bescheinigen, dass Personen, die viel Kaffee trinken, länger leben als diejenigen, die sich nur ein Tässchen gönnen.

Die geringere Sterblichkeit liegt daran, dass Kaffeetrinker seltener an Diabetes erkranken, weniger Leberprobleme haben und seltener einen Herzinfarkt erleiden. Kaffee schützt vor dem Metabolischen Syndrom – und wirkt auch dann noch, wenn sich die Krankheiten bereits manifestiert haben. Aus gesundheitspolitischer Sicht ist guter Kaffee sozusagen ein Volltreffer im Ernährungslotto.

Kaffee als Flüssigkeitsräuber – eine Mär

Die Ernährungsszene ist darüber nicht wirklich glücklich. Was hat sie schon alles gegen die genannten Krankheiten in den letzten Jahrzehnten empfohlen? Weil gewöhnlich ohne Effekt, kamen immer neue Schnapsideen. Gleichzeitig hat sie es nicht an Warnungen vor Kaffee mangeln lassen. Man denke nur an die aberwitzige Story vom "Flüssigkeitsräuber" – und das bei einem Getränk, das fast nur aus Wasser besteht.

Aus dem Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Rehbrücke verlautet, dass es gar nicht nötig sei, morgens Kaffee zu trinken – man könnte das gleiche Ziel auch durch ein "gesundes Körpergewicht... wenig Fleisch, regelmäßigen Vollkornverzehr und körperliche Aktivität erheblich beeinflussen". Das hülfe angeblich gegen Diabetes. Jetzt fehlen nur noch die Maßnahmenbündel gegen Leberprobleme und gegen Herzinfarkt. Doch es bleibt alles graue Theorie.

Größtes Risiko: Schimmelpilze auf beschädigten Kaffeebohnen

Warum um alles in der Welt sollen sich die Menschen mit einem Sammelsurium spekulativer Ratschläge den Tag verderben lassen? Zum Frühstück gibt’s dann wohl eine Tasse lauwarmen Wassers, um ja keinen Kaffee trinken zu müssen. Welchen Lebensstil haben bitte Ernährungsforscher oder Gesundheitsjournalistinnen? Sie trinken für gewöhnlich Kaffee – und nicht zu knapp.

Natürlich birgt der Kaffee auch gewisse Risiken. Am augenfälligsten ist das kochende Wasser – dann wenn es verschüttet wird und ein Kind sich damit verbrüht. Risiken entstehen auch dadurch, dass nun Menschen, denen Kaffee einfach nicht bekommt, diesen dennoch konsumieren, weil er ja so "gesund" ist. Doch das größte Risiko bergen beschädigte Kaffeebohnen. Diese sind oft von Schimmelpilzen befallen, die üble Gifte wie das Ochratoxin A produzieren.

Wer also etwas für die Gesundheit der Bürger tun will, sollte dazu beitragen, dass der Kaffee aus gesunden Bohnen ordnungsgemäß geröstet wird und unverfälscht in den Handel kommt. Das viele Geld, das für die Ernährungsforschung verbraten wird, wäre in die Lebensmittelüberwachung wohl besser investiert. Mahlzeit!

Literatur

Nordestgaard AT et al: Coffee intake and risk of obesity, metabolic syndrome and type 2 diabetes: a Mendelian randomization study. International Journal of Epidemiology 2015; 44: 551–565

Santos RMM, Lima DRA: Coffee consumption, obesity and type 2 diabetes: a mini‑review. European Journal of Nutrition 2016; epub ahead of print

Sarria B et al: Regularly consuming a green/roasted coffee blend reduces the risk of metabolic syndrome. European Journal of Nutrition 2016; epub ahead of print

Grosso G et al: Coffee consumption and risk of all-cause, cardiovascular, and cancer mortality in smokers and non-smokers: a dose response meta-analysis. European Journal of Epidemiology 2016; epub ahead of print

Nathanson JA: Caffeine and related methylxanthines: possible naturally occurring pesticides. Science 1984; 226: 184-187

Lee JH et al: Effect of coffee consumption on the progression of type 2 diabetes mellitus among prediabetic individuals. Korean Journal of Family Medicine 2016; 37: 7-13

Brown OI et al: Coffee reduces the risk of death after acute myocardial infarction: a meta-analysis. Cornary Artery Diseases 2016; 27: 566-572

Lee CJ et al: Pediatric Burns: A single institution retrospective review of Incidence, etiology, and outcomes in 2273 burn patients (1995-2013). Journal of Burn Care & Research 2016; Epub ahead of print

Casal S, Rebelo I: Coffee: a dietary intervention on type 2 diabetes? Current Medicinal Chemistry 2016; epub ahead of print

Wadhawan M, Anand AC: Coffee and liver disease. Journal of Clinical & Experimental Hepatology 2016; 6: 40-46

DIfE Pressestelle: Gene beeinflussen, wie stark Kaffee vor Diabetes schützt. Pressemitteilung 22. Sept. 2016

Mehr zum Thema

Genuss ohne Reue - Kaffee – heiß, stark und belebend
(Deutschlandradio Kultur, Sonntagmorgen, 15.03.2015)

Kaffee in New York - Omas Bester ist wieder da
(Deutschlandradio Kultur, Weltzeit, 19.01.2015)

Mahlzeit

KochtrendWarum "Omas Küche" ein Missverständnis ist
Frisches Gemüse, Kräuter, eine Zwiebel und bunter Pfeffer auf einem hölzernen Schneidbrett (Unsplash / Webvilla)

Taufrisch, roh, ohne chemische Zusätze: Wie heute über Kochen zu Omas Zeiten gebloggt werde, sei nur ein verklärter Blick zurück, kritisiert Udo Pollmer. Denn gerade Naturbelassenes war gar nicht nach Großmutters Geschmack, weiß unser Lebensmittelchemiker.Mehr

Zweifelhafte StudienKrebs durch Fast Food?
Eine Frau beißt in einen Cheeseburger. (imago/ imagebroker)

Fast Food wie Hamburger, Pommes und Pizza schädigt das Immunsystem und erhöht das Krebsrisiko - das zumindest behaupten zwei neue Studien. Doch angesichts der gravierenden Mängel dieser Untersuchungen wäre ein Blick in die Glaskugel nicht weniger fundiert, meint Udo Pollmer.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur