Seit 01:05 Uhr Tonart

Donnerstag, 20.09.2018
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Politisches Feuilleton | Beitrag vom 23.08.2018

GentrifizierungDie weichgezeichnete Wohlfühlblase

Von Katharina Teutsch

Beitrag hören Podcast abonnieren
Ein Tresen in einem Berliner Café mit Besuchern (imago/Westend61)
Wo einst das ranzige Meublement einer zwielichtigen Großstadt-Gastronomie regierte, ist heute alles in harmonische Töne getaucht. (imago/Westend61)

Detox-Säfte und Granola-Müsli statt Schrippen mit Discounter-Aufschnitt, Co-Working-Spaces statt Berliner Eckkneipen: Die rasante Umrüstung der Innenstädte in liebliche Konsum-Heilquellen verdrängt alles andere, meint Autorin Katharina Teutsch.

Mir ist vollkommen schleierhaft, wie Leute auf die infantile Idee verfallen können, dass es einen Markt für flüssige Cookies geben könnte. Ebenso schleierhaft ist mir die wirtschaftliche Überlebensstrategie für Detox-Säfte. Ganz zu schweigen von den unzähligen veganen Smoothie-, Eis- und Frozen-Yoghurt-Tankstellen, an denen, zu Apothekenpreisen, hemmungsloser geschleckt werden darf, als einst bei "Eis am Stil". Sicher, ein globaler Trend, bezwingend und unaufhaltsam. Dass es aber ausgerechnet das hedonistische Berlin so hart treffen würde, hätte man vor wenigen Jahren noch für unmöglich gehalten.

Wo vorgestern das ranzige Meublement einer zwielichtigen Großstadt-Gastronomie regierte (und auch im fernen Ausland Begehrlichkeiten weckte), ist heute alles in harmonische Pastelltöne getaucht. Gurkensorbet harmoniert mit Erlesenem aus Matcha-Extrakten. Mint, Mauve und edles Grau sind die Farben der Saison. Weich ist die Darreichungsform der Stunde. 

Milde und Heilung anstelle von Rebellion

Ja, es ist wahr, eine ähnliche Tendenz ins Konturlose lässt sich zwar auch im Pariser Marais oder in Barcelonas Altstadt beobachten. Dennoch geht in Berlin gerade eine Ära zu Ende: ein historischer Moment, für den es sich lohnt, einmal kurz innezuhalten.

Der Kunstkritiker der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Niklas Maak, rechnete kürzlich in einem Artikel mit den "neuen Milden" der Kunstszene ab. Sein Befund: Rebellische Kunst und kritisches Bewusstsein haben ausgedient. Der neue Leitgedanke: Heilung. Kunst und nun – abgeleitet davon – auch Städte sollen nicht mehr aufrühren, sondern verwöhnen, nicht mehr beeindrucken, sondern entspannen – so wie gesunde Säfte, flüssige Kekse und schöne Objekte.

"Fine Arts", schreibt Niklas Maak, "wird offen mit 'Luxury Accessoires' gleichgesetzt". Und Luxury Accessoires werden heute in den vom Tourismus geadelten Stadtteilen an jeder Ecke gereicht: luxuriöse Hautcremes aus Macadamia-Ternifolia-Kernöl, luxuriöse Kuscheldecken, kreiert von skandinavischen Lifestyle-Experten, luxuriöse Co-Working-Spaces voller luxuriöser Kaffeevollautomaten, luxuriöse Eiscremekreationen voller exotischer Zutaten: Gurken! 

Die Immobilienpreise steigen und die Kekse werden flüssig

Zugegeben, es ist schwer, in einer solchen Gegend nicht der guten alten Zeit nachzutrauern, als man noch für fünf Euro ein Buffet mit Aldi-Aufschnitt und steinharten Schrippen dazu bekam. Heute macht es kein Gastronom, der überleben will, mehr unter einem Granola-Müsli mit Entschlackungsgebräu – wie gesagt: zu Apothekenpreisen. 

Über all das lässt sich natürlich trefflich spotten. Und zu recht muss man sich die Frage gefallen lassen: Was ist eigentlich dein Problem? Das Problem an der rasanten Umrüstung der einst harten Innenstädte in liebliche Konsum-Heilquellen mit ihren kulinarischen Weichzeichnern ist die Verdrängung von allem, was sonst noch Platz hätte darin.

Durch voreilige Verkäufe von Wohneigentum hat Berlin dazu beigetragen, dass die Immobilienpreise steil gehen – und zwar in einer Weise, die die Mittelschicht in Bedrängnis und den Flüssigkeks zur Marktreife bringt. Vom zählebigen Motto "Arm aber sexy" gilt allenfalls noch der erste Satzteil – und zwar für die prekären Stadtteile mit ihren Spielhöllen, in die sich garantiert kein Tourist verirrt. Und in denen sich dann auch das schrille Gegenprogramm zu den pastellgetönten Detox-Saft-Höllen der Zentren befindet.

Für alle, die weder die eine noch die andere Unterwelt besuchen wollen, sondern bloß ihre Cousine drei Straßen weiter, heißt es jetzt: dem weichen Gewerbe die harten Fakten präsentieren! Für jeden Flüssigkeks, der kommt, geht eine Schrippe – und kommt vielleicht nie wieder. 

Katharina Teutsch, Literaturkritikerin und Autorin (Katharina Teutsch)Die Literaturkritikerin und Autorin Katharina Teutsch, (Katharina Teutsch)Katharina Teutsch ist seit zehn Jahren Literaturkritikerin des FAZ-Feuilletons und des Deutschlandfunk, wo sie regelmäßig für die Sendung Büchermarkt tätig ist. Sie moderiert außerdem die Literatursendung "Studio LCB" im Wechsel mit Maike Albath und Tobias Lehmkuhl. Ihr Sachbuch "Der Mops. Kulturgeschichte eines Gesellschaftshundes" erschien 2015 im Matthes & Seitz Verlag. 

Mehr zum Thema

Das Mietshäuser Syndikat - Veto-Recht zum Kampf gegen Wohnungsspekulanten
(Deutschlandfunk Kultur, Länderreport, 16.07.2018)

Clubs - Ein Zufluchtsort in raueren Zeiten
(Deutschlandfunk Kultur, Tonart, 01.08.2018)

Kulturgeschichte des Mops - Liebling von Königen und Kleinbürgern
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 08.08.2018)

Politisches Feuilleton

Mehr Realismus in die KI-DebatteHauptsache irgendwas 4.0
Der Roboter «PR2» dreht am 27.02.2013 in einer Laborküche des Institute for Artificial Intelligence (IAI) am Technologie-Zentrum Informatik (TZI) der Universität Bremen einen Pfannkuchen um. Der Roboter kann experimentell selbstständig Aufgaben im Haushalt übernehmen und ist Teil eines europaweiten Projekts. Foto: Michael Bahlo dpa/lni | (dpa)

Kühlschränke, die intelligenter sind als wir, oder der "Robo-Boss" als Vorgesetzter: Viele tolle Zukunftstrends stehen angeblich kurz davor, Wirklichkeit zu werden. Hauptsache Hype und Hauptsache irgendwas 4.0. Doch wenig davon dürfte wahr werden, meint Stefan Kühl.Mehr

Ärztemangel Deutschlands Lösung macht Rumänien krank
Ein Arztkittel und Stethoskop hängt an einer Garderobenständer. (picture alliance/dpa/Ulrich Baumgarten)

Länder wie Rumänien leiden darunter, dass viele Mediziner und Ärztinnen nach Deutschland gehen. In den Herkunftsländern hat dieser "brain drain" jedoch Folgen, die auch der Europäischen Union gefährlich werden können, warnt Markus Bauer.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur