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Ortszeit / Archiv | Beitrag vom 24.02.2014

GentechnikWiderstand am Bodensee

Überlingen will gentechnikfreie Stadt bleiben

Von Thomas Wagner

Überlingen kämpft gegen den Genmais 1507, der EU-weit zugelassen werden soll.  (picture-alliance / ZB)
Überlingen kämpft gegen den Genmais 1507, der EU-weit zugelassen werden soll. (picture-alliance / ZB)

Das baden-württembergische Überlingen ist gentechnikfreie Zone und stolz darauf. Die verschiedenen Branchen - Gastronomen, Metzger, Hoteliers - sind sich einig wie selten. Sogar die Stadt zieht mit. In Feierlaune sind die Überlinger trotzdem nicht. Und das liegt an der EU.

Wochenmarkt in Überlingen: Rund um das mächtige St. Nikolaus-Münster bieten Biobauern und konventionelle Landwirte ihre Produkte an. An einigen Ständen lesen die Kunden den Zusatz: "Überlingen-gentechnikfreie Stadt". Das nehmen viele, die hier einkaufen, sehr aufmerksam wahr.

"Das ist unbedingt wichtig. Gentechnikfreie Zone, das unterstützen wir total, in dem wir zum Beispiel genau darauf achten, was wir einkaufen."

"Ganz wichtig. Natürlich spielt das eine große Rolle, weil ich keine gentechnisch veränderten Lebensmittel haben möchte."

Seit zehn Jahren bereits machen viele Bauern auf dem Wochenmarkt Werbung mit dem Prädikat "gentechnik-freies Überlingen". Denn vor zehn Jahren fasste der Gemeinderat der Stadt einen Beschuss, der landes- und bundesweit aufhorchen ließ.

"Das kam deshalb, weil in Überlingen ein Markt schon länger da war, wo Menschen da waren, die sehr auf Ernährung Wert legen. Wir haben ja diese Ernährungskliniken. Und wir haben einen großen Anteil  der bäuerlichen Landwirtschaft, die das auch nicht wollte. Und diese Kombination führte dazu, dass sich die Gemeinde in breiter Mehrheit, mit 23 zu zwei Stimmen, für die Einrichtung einer agro-gentechnik-freien Zone ausgesprochen hat."

...erinnert sich Bio-Bauer Martin Hahn, seinerzeit selbst noch Gemeinderatsmitglied, an jenen denkwürdigen Beschluss, den der Überlinger Stadtrat mit großer Mehrheit über alle Parteigrenzen hinweg getroffen hatte. Von Anfang an war klar: gentechnikfreie Zone – das sollte mehr sein als eine rein symbolische Erklärung.

Auch die Stadt zog sofort mit

"Das war eine Freiwilligkeitsverpflichtung der Bauern, die das in einer Selbstverpflichtung der Bauern eingeführt haben."

Der Selbstverpflichtung schlossen sich Metzger, Köche, Gastronomen, ja sogar die Hoteliers an. Der Tenor der Erklärung: Felder, Ställe, Küchen in und rund um Überlingen bleiben frei von gentechnisch veränderten Futter- und Lebensmitteln. Doch damit nicht genug. Die Überlinger Bio-Bäuerin Anneliese Schmeh verweist auf einen wichtigen Partner:

"Großes Glück war auch, dass die Stadt Überlingen das gleich erkannt hat, mit eingestiegen ist und gesagt hat: Jawohl, wir sind dabei als Stadt mit unseren Pachtflächen. Wir verpachten landwirtschaftliche Flächen nur an Betriebe, die sich verpflichten, keine Gentechnik auszusähen. Und das hat uns natürlich alles sehr gestärkt."

Bestärkt fühlten sich die Biobauern durch das Mitziehen der der konventionellen Landwirte.

"Die konventionelle Betriebe sehen natürlich, dass sie keinen Fuß auf den Boden kriegen, wenn sie dies gentechnisch veränderten Pflanzen anbauen."

Denn dies wäre offenkundig an den Bedürfnissen der Verbraucher vor Ort vorbei produziert. Der Erklärung zur gentechnikfreien Stadt folgte die Einrichtung eines Projektbüros. Gentechnik in der Landwirtschaft wurde verstärkt in den Überlinger Schulen behandelt. Lehrer und Schüler demonstrierten vor einem Überlinger Supermarkt, der es vor Jahren einmal gewagt hatte, Milch von Kühen anzubieten, die mit gentechnisch verändertem Futter versorgt worden waren. Und, ganz wichtig: Das Projektbüro lud auch Landwirte aus jenen Teilen der Welt ein, wo Gentechnik in der Landwirtschaft gang und gäbe ist. Anneliese Schmeh:

"Die Versprechungen sind hoch und suggerieren, dass man hier weniger Pflanzenschutzmittel braucht und das mehr Erträge da sind. Man kann rings um der Welt schauen, wo Gentechnik angebaut wird, dass diese Versprechungen einfach nicht greifen. Wir hatten gerade im Herbst einen Professor aus Brasilien da. Und der hat ganz klar gesagt: Sie haben nach fünf, sechs Jahren Maisanbaus den Maiszünsler stärker als bisher."

Sorge vor dem Genmais 1507

In Feierlaune sind jene Überlinger, die sich seit zehn Jahren für das Projekt "gentech-freie Stadt" einsetzen, dennoch nicht. Der Grund: Die bevorstehende Zulassung des Genmais 1507 durch die Europäische Union:. Die, behaupten Kritiker wie der Biobauer und Grünen-Landtagsabgeordnete Martin Hahn, werde durch die Haltung Deutschlands ermöglicht, das für die entscheidende Abstimmung eine Enthaltung statt, wie von Gentech-Kritikern gefordert, ein "Nein" angekündigt hat.

"Ich würde das mal eine politische Dummheit nennen, weil es eine hohe Übereinkunft in ganz Deutschland gibt, wie man sich diesen Produkten stellt. Wir hatten vor drei Wochen eine Debatte zu diesem Thema im Landtag. Also, ich würde sagen, da sind die Parteien einmütig dagegen gewesen."

Deshalb will die grün-rote Landesregierung Baden-Württemberg das Beispiel der gentechnikfreien Stadt Überlingen nutzen, um zukünftig auf allen politischen Ebenen gegen die Ausweitung der Gentechnik in der Landwirtschaft Front zu machen. So jedenfalls hat es der baden-württembergische Minister für Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Alexander Bonde, dieser Tage bei einem Besuch am Bodensee angekündigt.

"Natürlich hilft es, dass Gemeinden wie Überlingen sich über alle Parteigrenzen hinweg positioniert haben. Und ich warte von der EU-Kommission, aber vor allem von Frau Dr. Angela Merkel, der deutschen Pro-GentechnikIdeologin, dass sie endlich die Leute hier ernst nimmt. Es gibt hier keinerlei gesellschaftliche Bereitschaft, dieses Risiko auf die Felder zu lassen."

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