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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 02.12.2014

GenitalverstümmelungMädchen tot, Arzt frei

In Ägypten wurde der Fall eines Todesopfers vor Gericht verhandelt

Von Sabine Brütting

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(picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)
In Ägypten waren erstmals ein Arzt und Vater angeklagt, nachdem ein junges Mädchen an einer Beschneidung gestorben war. (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)

In Ägypten ist die Genitalverstümmelung von Frauen seit 2008 verboten. Trotzdem ist die Praxis immer noch weit verbreitet, Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 90 Prozent der verheirateten Frauen beschnitten sind. Der erste Fall wurde nun vor Gericht verhandelt – und endete mit einem Freispruch.

Der Prozess um Sohair el-Batea ist ein Novum in der ägyptischen Rechtsgeschichte. Dem 13-jährigen Mädchen hat der Arzt Raslan Fadl im Juni 2013 die Klitoris herausgeschnitten. Sohair starb bei dem Eingriff. Erstmals nach so einem Vorfall kam der Arzt und der Vater des Mädchens vor Gericht. Beide wurde nun jedoch freigesprochen - sehr zur Enttäuschung von Frauenrechtsorganisationen. Sie hatten sich ein starkes Signal gegen die Praxis der Genitalverstümmelung erhofft. Suad Abu Dayyeh, Sprecherin der Organisation Equality now:

"Wir waren sehr zuversichtlich, da der Staatsanwalt starke Beweise vorgelegt hatte. Wir dachten, der Richter würde diese Beweise berücksichtigen, besonders den Bericht der Gerichtsmedizin, der bestätigte, dass Sohair verstümmelt wurde. Ein zweiter Punkt war die Aussage eines Beamten des Gesundheitsministeriums, der ebenfalls bestätigte, dass Sohair verstümmelt wurde."

560 Euro Schadenersatz statt Gefängnisstrafe

Nach dem Urteil hieß es, das Gericht habe eine weitere Verfolgung des Falls nicht für notwendig gehalten, da sich Arzt und Familie außergerichtlich geeinigt hätten. Der Arzt muss der Familie 5000 ägyptische Pfund Entschädigung bezahlen, das sind rund 560 Euro. Während des Prozesses hatte der Arzt stets bestritten, das 13-jährige Mädchen verstümmelt zu haben. Er habe lediglich eine Warze im Intimbereich des Mädchens entfernen wollen. Der Tod des Mädchens sei durch eine allergische Reaktion auf Penicillin verursacht worden.

Vom Freispruch ist auch Reda Eldanbouki enttäuscht. Der ägyptische Rechtsanwalt arbeitet für eine ägyptische Frauenrechtsorganisation. Er und seine Kollegen waren maßgeblich daran beteiligt, dass der Fall der 13-jährigen Sohair el-Batea überhaupt vor Gericht verhandelt wird. Denn obwohl die Beschneidung von Frauen seit 2008 in Ägypten verboten ist, wird sie nach wie vor vielfach praktiziert. Religion offenbar keine Rolle, die Genitalverstümmelung wird sowohl von Christen als auch von Muslimen praktiziert. Zwar sind die Zahlen rückläufig, aber der ägyptische nationale Gesundheitsbericht aus dem Jahr 2008 zeigt, dass 91 Prozent aller Frauen im Alter zwischen 15 und 49 beschnitten sind. Mit einem solchen Urteil werde sich daran auch nichts ändern, sagt Eldanbouki:

"Ein solches Urteil ermutigt die Bürger und Ärzte, dieses abscheuliche Verbrechen zu wiederholen. Es ist der erste Präzedenzfall nach dem Verbot der Beschneidung im Jahr 2008, darum hätte eine Verurteilung durch das Gerichtes abschreckend gewirkt. Aber dieses Urteil ist eine Einladung für alle Ärzte und es bedeutet: Bitteschön, ihr könnt die Beschneidung weiter machen und es gibt keine Strafe und Verurteilung am Ende."

Veränderung nur durch Aufklärung

Dass Gesetze allein jedoch keinen Bewusstseinswandel in der breiten Bevölkerung bewirken werden, davon ist Shereen el-Feki überzeugt. Die Soziologin hat für ihr Buch "Sex und die Zitadelle" über fünf Jahre lang zu Sexualität in Ägypten und im Nahen Osten geforscht. Eine Praxis, die wie die Genitalverstümmelung über Jahrtausende in der Gesellschaft verankert sei, könne nur durch beständige Aufklärung verändert werden:

"Die Mütter und Großmütter lassen ihre Töchter nicht beschneiden, weil sie grausam sein wollen. Sie machen das, weil sie liebevoll sein wollen und weil sie glauben, dass sie damit ihren Töchtern die besten Chancen im Leben geben, besonders wenn es darum geht zu heiraten. Der Schlüssel für Veränderung ist also, zu verstehen, dass diese Frauen Macht haben, dass sie Entscheidungsspielräume habe, also sollten wir ihnen alle notwendigen Informationen geben, die sie brauchen, um andere Entscheidungen zu treffen."

Dass es langsame Veränderungen in der Praxis gibt, zeigt der nationale Gesundheitsbericht von 2008. Hier wurde nicht nur nach der Häufigkeit der Beschneidung bei Frauen gefragt, sondern auch, ob Mütter ihre Töchter beschneiden ließen. Bei den Mädchen im Alter zwischen 15 bis 17 sind es noch 74 Prozent, die beschnitten wurden. Dabei fällt auf, dass die Praxis in ägyptischen Städten schneller zurückgeht als auf dem Land. Das scheinen die kleinen Erfolge der zahlreichen Aufklärungskampagnen im Land zu sein.

Mehr zum Thema:

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(Deutschlandradio Kultur, Weltzeit, 2.12.2014)

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