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Interview / Archiv | Beitrag vom 26.10.2017

Gene-DrivesDarf der Mensch die Malaria-Mücke ausrotten?

Uta Eser im Gespräch mit Dieter Kassel

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Moskitos auf einem Gitternetz (imago/ZUMA Press)
Mit den sogenannten "Gene-Drives" lässt sich die Fruchtbarkeit von Mücken im Labor verringern. (imago/ZUMA Press)

Jedes Jahr sterben hunderttausende Menschen in Afrika an Malaria. Die Vorstellung, Wissenschaftler könnten schnell und wirksam etwas dagegen tun, klingt verlockend. Aber welche Folgen hätte es, wenn durch dieses Gegenmittel eine ganze Spezies vernichtet würde?

Mit Techniken wie den sogenannten Genscheren können wir das Genom von Lebewesen heute schon schneller, präziser und billiger verändern denn je. Mit ihrer Hilfe könnte man zum Beispiel im Labor das Genom von Anopheles-Mücken so verändern, dass sie keine Malaria mehr übertragen. Oder, noch sicherer: Man könnte die Fruchtbarkeit der Mücken im Labor verringern, so dass es in den nächsten Generationen immer weniger der stechenden Überträger gäbe – oder bald vielleicht gar keine mehr.

Noch ist das Theorie, Forschung im Labor. Aber Wissenschaftler arbeiten derzeit auch schon an den Systemen, die die Theorie einmal in die Praxis umsetzen könnten: Mithilfe sogenannter "Gene-Drives" – zu Deutsch Gen-Antrieb oder Gen-Turbo – ließe sich die Verbreitung bestimmter genetischer Merkmale innerhalb einer Art stark beschleunigen. Ein Gene-Drive könnte beispielsweise bewirken, dass bei jeder Paarung einer Mücke mit veränderten Genen mit einer "normalen" Mücke nur noch Mücken mit der gewünschten Vererbung entstehen und so innerhalb kürzester Zeit alle Mücken entweder steril sind oder den Erreger nicht mehr übertragen.

Damit könnte man auch genetische Veränderung rasch in freier Wildbahn verbreiten und so den Genpool ganzer Populationen beeinflussen – etwa bei Insekten, die dem Menschen gesundheitlich oder in der Landwirtschaft schaden. Schnelle Problemlösungen aus dem Labor, wirksam gegen furchtbare Krankheiten, Seuchen und Hunger. Auf der anderen Seite allerdings stehen Risiken: Unüberschaubare Folgen von Eingriffen ins Ökosystem, und ethische Fragen, wenn man das Wohl oder gar die Existenz ganzer Arten dem Wohl des Menschen unterordnet. Über Chancen und Risiken beim Einsatz von Gene-Drives diskutieren Fachleute nun auf einer Tagung des Deutschen Ethikrates in Frankfurt. Mit dabei ist auch unsere Gesprächspartnerin, die Umweltethikerin Uta Eser.

(klue)

Die Umweltethikerin Uta Eser (Privat)Die Umweltethikerin Uta Eser (Privat)


Das Gespräch im Wortlaut:

Dieter Kassel: Mit Hilfe sogenannter Gen-Scheren – von einer, von CRISPR-Cas9 haben Sie vielleicht schon mal gehört, darüber haben auch wir viel berichtet –, mit Hilfe solcher Genscheren kann man heute sehr spezifische genetische Veränderungen in Organismen herbeiführen, und mit einer Art Katalysator namens Gene Drive kann man dafür sorgen, dass sich diese Veränderungen innerhalb einer Art rasend schnell verbreiten. Und damit könnte man zum Beispiel Insekten, die tödliche Krankheiten übertragen, an der Fortpflanzung hindern und in einer bestimmten Region oder auch auf der ganzen Welt ausrotten.

Aber darf man das tun, und wenn ja, unter welchen Umständen? Darüber diskutiert heute der Deutsche Ethikrat und hört dazu auch die Umweltethikerin Uta Eser vom Büro für Umwelttechnik in Tübingen. Mit ihr habe ich vor der Sendung gesprochen und sie gefragt, ob sie sich eigentlich überhaupt Umstände vorstellen kann, in denen tatsächlich die Ausrottung einer ganzen Art gerechtfertigt sein könnte.

Gretchenfrage des Umweltschutzes

Uta Eser: Die Situation, um die es hier gerade geht, ist ja so ein bisschen die Gretchenfrage des Umweltschutzes. In den allermeisten Fällen sind wir ja in der glücklichen Situation, dass das Wohl und Wehe des Globus und das Wohl und Wehe des Menschen nicht so weit auseinanderliegen.

Das heißt, wenn wir Arten schützen, tun wir uns meistens auch selbst was Gutes. Wenn wir jetzt aber so eine Art haben wie die Anopheles-Mücke, die Malaria überträgt und die jährlich 500.000 Menschen das Leben kostet, dann tut man sich schon schwer zu sagen: Wenn das das letzte aller möglichen Mittel ist, dann dürfen wir das trotzdem nicht anwenden. Also, die Antwort geht mir nicht so leicht von den Lippen.

Kassel: Aber gerade dieses Beispiel Malaria und die Anopheles-Mücke, das ist natürlich ein Beispiel, wo vielleicht viele Laien sagen, okay, da schon. Aber ich habe da mal ein bisschen drüber nachgedacht. Auf der einen Seite stehen die 500.000 Toten ungefähr jedes Jahr, die Sie schon erwähnt haben, aber auf der anderen Seite steht doch auch die Frage, könnte man nicht a) einfach auch mit der Gentechnik diese Mücken so modifizieren, dass sie den Erreger nicht mehr übertragen und trotzdem weiter existieren? Und b) natürlich die simplere, wenngleich viel teurere Lösung, könnte man nicht mit Medikamenten und Prophylaxe diese Todesfälle verhindern?

Eser: Zu beidem ein uneingeschränktes Ja. Es ist beides in der Überlegung, die Anopheles-Mücke so zu verändern, dass sie den Erreger nicht mehr übertragen kann, oder aber sie auszurotten.

Malaria kann man auch behandeln

Ich glaube, ich bin dezidiert auf die Frage der möglichen Ausrottung angesprochen worden, weil die Ethik ja üblicherweise gefragt wird, um zu begründen, warum man Arten nicht ausrotten darf. Und dann stellt sich jetzt die Frage, wenn man das denn könnte, dürfte man dann?

Es hat im Moment noch eher den Status eines Gedankenexperiments, weil auch die Leute, die die Technik machen, sagen, also wahrscheinlich wird es gar nicht so weit kommen, dass wir die ganze Art ausrotten, allenfalls lokal eine Population auslöschen.

Das Zweite ist, selbstverständlich kann man Malaria auch behandeln, und je früher sie erkannt wird und je früher sie behandelt wird, desto niedriger sind die Mortalitätsraten. Das wäre ein Argument, zu sagen, wir brauchen einfach eine gute Gesundheitsversorgung überall. Die könnte dann nicht nur Malaria behandeln, sondern auch noch impfen und Schwangerschaftsberatung machen und dafür sorgen, dass die Kindern nach der Geburt ordentlich gestillt werden.

Also, das wäre eine viel umfassendere Lösung, und das wird auch eines meiner Themen sein, dass ich sage, im Grunde muss man erst mal definieren, was ist eigentlich das Problem, auf das diese Technik eine Antwort sein soll. Und je nachdem, wie eng oder weit wir das Problem fassen, ist die Technik mehr oder weniger geeignet.

Wenn ich sage, wir wollen insgesamt die Kindersterblichkeit auf dieser Welt reduzieren, dann muss ich zur Kenntnis nehmen, ein Drittel aller Kinder stirbt an ganz banalen Durchfallerkrankungen und Lungenentzündungen. Da haben wir Medikamente für, die bräuchte man nur zu verabreichen, da bräuchten wir gar keine riskante Gentechnologie machen. Also, es ist immer auch eine Frage, wie eng oder wie weit fasst man das Problem.

Kassel: Aber man muss zugeben, wir sind jetzt eigentlich auch bei der Geldfrage. Sie haben ja schon erwähnt, die Technik ist noch am Anfang, aber es kann natürlich irgendwann sein, dass Experten sagen, die Mücke mithilfe eines Gene Drives und der vorhergegangenen Manipulation auszurotten, kostet erheblich weniger, als eine halbe Million Menschen mit Medikamenten zu versorgen.

Bedenken gegen Holzhammermethoden

Eser: Ja. Was ja auch kein ganz schlechtes Argument ist, weil bislang war die Kritik der Umweltbewegung an der Gesundheitsbewegung, an den Pharmakonzernen ja immer, dass niemand so richtig investiert in Medikamente gegen Malaria, weil das nicht so besonders finanzkräftige Länder sind und man das nicht zahlen kann. Jetzt hat man eine Methode gefunden, wie man das machen kann, und das spricht erst mal für die Technik.

Sie sehen, ich habe Bauchweh mit dieser Technik, weil ich grundsätzlich Bedenken habe gegen solche Holzhammermethoden. Andererseits spricht dafür oder hat es einen gewissen Charme, wenn ich die Insekten überhaupt reduziere, durch Insektizide oder indem ich die Sümpfe trockenlege, dann kriegen wir das Problem, das wir gerade hier in Deutschland haben, 75 Prozent aller Insekten sind weg. Da schreien auch alle 'Moment mal, huch', das können wir ja irgendwie auch nicht wollen.

Also, eine Art gezielt rauszunehmen, die wirklich erhebliche Schäden anrichtet, hat natürlich einen Charme, wobei auf gar keinen Fall vergessen werden darf, mit was für Risiken das zusammenhängt. Wir wissen ja nicht, was im Freiland passiert.

Die Forscher sagen jetzt gerade, wir können es auch nur wissen, wenn wir es mal probieren. Da muss man aber auch ehrlich sagen, wenn wir es dann wissen, dann ist es aber auch zu spät. Dann können wir nichts mehr ändern.

Wenn jetzt je dieses Genkonstrukt auskreuzt, anders als wir es uns vorgestellt haben, oder was man da noch so an möglichen Sorgen haben kann, dann ist es eben im Freiland. Das ist schon ein Novum der Technik.

Wenn man sonst über Gentechnik redet, redet man ja über Kulturpflanzen, und da läuft die Freisetzung des Gens in die Wildpopulation immer unter Risiken.

Jetzt ist es das Ziel. Wir wollen Wildpopulationen verändern, oder die Technik will Wildpopulationen verändern, wild lebende. Das ist schon eine neue Qualität, wo man sich sehr gut überlegen muss, ob man diesen Schritt wirklich gehen will.

Kassel: Die Frage ist aber natürlich – was Sie jetzt eher beschrieben haben, ist, was ist, wenn es nicht so funktioniert wie vorhergesehen. Ich sehe auch Nachteile, wenn es exakt so funktioniert wie vorhergesehen, denn dann kann man sich ja schnell zu sicher fühlen.

Und dann kann man sagen, okay, bei der Mücke, die die Malariaerreger überträgt, sind wir uns weltweit annähernd einig gewesen. Dann kommen aber die Landwirte und sagen, ist es nicht ein Vorteil, wenn ich auf giftige Pestizide verzichten kann, indem wir einfach vorher den Schädiger, der meine Pflanzen schädigt, einfach ausrotten mit dieser Methode. Das Nächste ist, irgendjemand sagt, mir gehen so die Wespen auf die Nerven, wenn ich Kuchen esse. Ich übertreibe stark, aber Sie wissen, in welche Richtung ich denke. Wo setzt man dann irgendwann, selbst wenn man weiß, es funktioniert an sich, wo setzt man die Grenze?

Das Problem nicht technikzentriert betrachten

Eser: Das wäre das Dammbruchargument, dass man sagt, wenn man es da mal macht, dann wird man es überall auch noch anwenden.

Ein Traktor fährt bei Göttingen (Niedersachsen) Ende März über ein Feld und bringt mittels einer gezogenen Anhängespritze zur Saatbettbereinigung Glykosphat aus (undatierte Aufnahme). Glyphosat kommt in der Regel als Nacherntebehandlung bzw. vor der Aussaat zum Einsatz. Das Pestizid dient zur Unkrautbekämpfung in der Landwirtschaft. (ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung und der vollständigen Nennung der Quelle) - Foto: Steven Lüdtke/Forum Moderne Landwirtschaft/dpa (Steven Lüdtke/Forum Moderne Landwirtschaft/dpa)Statt Pflanzenschutzmittel zu spritzen könnte man Schädlinge auch genetisch ausrotten: Ist das die Zukunft in der Landwirtschaft? (Steven Lüdtke/Forum Moderne Landwirtschaft/dpa)

Deswegen plädiere ich immer dafür, nicht die ganze Sache technikzentriert zu betrachten, sondern problemzentriert. Es gibt von Herrn Watzlawick so ein wunderbares Bonmot: "Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, der sieht in jedem Problem einen Nagel."

Wenn ich jetzt diese schöne Hammertechnologie Gene Drive habe, und dann entdecke ich überall Probleme, wo ich denke, au ja, das kann ich auch damit lösen. So können wir natürlich nicht vorgehen, sondern man muss sich immer überlegen, was ist eigentlich das Problem, das ich lösen will – jetzt ganz banales Beispiel: Wenn ich frische Luft im Zimmer haben will, dann kann ich natürlich den Hammer nehmen und die Scheibe einschlagen. Das ist zwar ein geeignetes Mittel, aber eigentlich kein besonders kluges. Ich kann auch einfach das Fenster öffnen.

In einer Extremsituation – Busunglück oder Zugunglück, man kommt nicht mehr aus der Tür – darf ich den Hammer nehmen und die Scheibe einschlagen, damit ich rauskomme. Also, es kommt immer sehr auf die Situation an, und es kommt sehr auf das Problem an, ob dieses Mittel geeignet ist und ob dieses Mittel zulässig ist.

Und diese beiden Fragen würde ich dann immer auch genau so stellen. Also erst mal fragen, ist es überhaupt geeignet? Und als Zweites dann fragen, ja, wenn es geeignet ist, müssen wir trotzdem noch fragen, ist es zulässig? Und dann können wir als Drittes immer noch fragen, möglicherweise ist es geeignet, und es ist auch zulässig, aber möglicherweise wollen wir es einfach nicht anwenden, weil es nicht zu der Vorstellung passt, was für Menschen wir sein wollen und wie wir mit der Natur umgehen wollen.

Kassel: Aber gibt es da dieses Wir? Schon bei anderen Regelungen bezüglich Gentechnik sieht teilweise die Situation schon in Deutschland anders aus als in Großbritannien. Dann ist es in Israel wieder viel liberaler, in anderen Ländern sind Dinge verboten, die wir erlauben. Wer sollte denn, wenn wir jetzt über diese Art von Manipulation reden, über die wir gerade reden, wer sollte das am Ende entscheiden?

Stakeholder-Verfahren: eine gute Lösung?

Eser: Die wohlfeile Forderung nach 'Wer soll entscheiden?' ist ja immer 'Die Betroffenen'. Partizipation. Aber da ist sehr schnell die Frage, wer sind denn die Betroffenen? Sind die Betroffenen die Forscher, die auf dieser Technik irgendwie eine wissenschaftliche Karriere aufbauen wollen? Sind die Betroffenen die Malariakranken in den afrikanischen Ländern? Sind die Betroffenen die Naturschutzverbände, die Angst haben, dass das auf Kosten der biologischen Vielfalt geht?

Und wenn man alle diese unterschiedlichen Betroffenen an einen Tisch setzt, wie man das heutzutage gerne macht, in sogenannten Stakeholder-Konferenzen, dann findet halt das statt, was oft nicht so wirklich sinnvoll ist, nämlich, dass jeder irgendwie versucht, mit Macht seine Sicht und seine eigene Perspektive durchzudrücken.

Und solche Verfahren haben eigentlich nur dann einen Sinn, wenn jeder versuchen würde, von seiner persönlichen Betroffenheit zu abstrahieren und mal zu überlegen, was wäre denn für uns alle, also sozusagen für die Menschheit, auf lange Sicht die klügste Lösung. Und das ist ein hoher Anspruch, der meiner Erfahrung nach in den meisten Partizipations- und Stakeholder-Verfahren nicht eingelöst wird. Insofern sollten es schon demokratisch legitimierte Gremien entscheiden, die sich diese ganzen Gruppen anhören, aber dann eben den Auftrag haben, im Interesse aller zu entscheiden und nicht im Interesse einer bestimmten Gruppe.

Kassel: Das Gespräch mit der Umweltethikerin Uta Eser habe ich vor der Sendung aufgezeichnet, weil sie jetzt schon unterwegs ist zum Deutschen Ethikrat.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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